Northeimer Polizei: Wie schwer waren die Fehler?

Stand: 05.03.2021 18:30 Uhr

Wie schwer wiegen die Versäumnisse bei den Ermittlungen zum Kindesmissbrauch, die bei der Polizeiinspektion Northeim passiert sind? Dieser Frage geht nun auch die Staatsanwaltschaft Göttingen nach.

von Angelika Henkel, Marie-Caroline Chlebosch und Stefan Schölermann

Wie die Göttinger Ermittler auf Anfrage des NDR bestätigten, habe sich die Behörde Akten aus dem Innenministerium kommen lassen, um Abläufe zu prüfen. Das Ministerium hatte kürzlich den Landtag in zwei Sitzungen darüber informiert, dass es aus seiner Sicht gravierende Versäumnisse bei der Polizei Northeim gegeben habe. Ohne diese Versäumnisse - so die Folgerung von Landespolizeipräsident Axel Brockmann - hätten möglicherweise Missbrauchstaten an Kindern verhindert werden können. Auch die unerwartete Entlassung des bisherigen Göttinger Polizeipräsidenten Uwe Lührig könnte mit dem Vorgang in Verbindung stehen. Zu den Hintergründen des Rauswurfs will sich das Ministerium allerdings nicht äußern.

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Opferanwälte "entsetzt" über Innenministerium

Allerdings gibt es nun Widerspruch zur Bewertung des Innenministeriums. Die Kritik kommt von den beiden Anwälten Helen Wienands und Steffen Hörning. Beide vertreten mutmaßliche Opfer aus Northeim vor Gericht. Sie sind seit Frühjahr 2020 mit den Fällen betraut, kennen die Aktenlage zum Prozess. Die Opferanwälte empören sich über die Vorwürfe des Innenministeriums. Anwältin Helen Wienands sagte dem NDR, ihr seien keine gravierenden Fehler der Polizisten aus Northeim aufgefallen. "Ganz im Gegenteil: Ich hatte den Eindruck, dass die verantwortlichen Beamten ihren Job sehr ernst genommen und alles dafür getan haben, um die in Rede stehenden Taten möglichst lückenlos aufzuklären." Die Arbeit der Polizei sei akribisch und zielorientiert gewesen. Rechtsanwalt Steffen Hörning betont, er könne sich das "pauschale Polizei-Bashing von höchster Stelle" nicht erklären.

Staatsanwaltschaft Göttingen übergangen?

Die Northeimer Ermittlungen stehen im Zusammenhang mit dem Missbrauchskomplex auf einem Campingplatz im Lügde (NRW). Das Ministerium sieht den zentralen Fehler darin, dass Informationen des Jugendamtes zwar über die Northeimer Polizei zur federführenden Staatsanwaltschaft nach Detmold gemeldet wurden, nicht aber zur Staatsanwaltschaft nach Göttingen. Rechtsanwalt Hörning sieht darin keine Panne: "Es gab meines Erachtens zu keinem Zeitpunkt ein Erfordernis, die Staatsanwaltschaft hier in Göttingen einzuschalten, Ermittlungen an sich zu ziehen." Denn es sei immer klar gewesen: Die Northeimer Polizei kümmere sich um Opferbelange, ermitteln würden die Kollegen in Bielefeld. Eine klare Aufgabenteilung, um Kinder so wenig wie möglich mit Mehrfachaussagen zu belasten. Auch in den bundesweiten Richtlinien für Staatsanwaltschaften ist eine solche Arbeitsteilung empfohlen.

Prüfergebnis in zwei Wochen

Patrick Seegers, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, fordert Aufklärung. Das Thema Kindesmissbrauch sei emotional aufgeladen: "Es bedarf einer sehr transparenten Aufarbeitung des Komplexes. Dazu gehört auch die Personalie des Polizeipräsidenten Lührig." Die Staatsanwaltschaft Göttingen rechnet mit einem Prüfergebnis in zwei Wochen.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 05.03.2021 | 19:30 Uhr

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