Frauenhäuser: Neue Richtlinie "an der Realität vorbei"

Stand: 12.08.2021 12:49 Uhr

Frauenhäuser sind wichtige Anlaufstellen für von Gewalt betroffene Frauen. Finanziert werden sie auch mit Landesgeld. Niedersachsen plant, die Förderrichtlinien zu überarbeiten. Nun wird Kritik laut.

von Marie-Caroline Chlebosch

Wer in einem der 43 Frauenhäuser in Niedersachsen Schutz sucht, ist zu Hause massiv von Gewalt betroffen, meist durch den eigenen Partner. Allein im vergangenen Jahr haben die Schutzhäuser im Land mehr als 3.900 Frauen und ihre Kinder aufgenommen. Damit Frauenhäuser existieren können, benötigen sie finanzielle Unterstützung. Die kommt in der Hauptlast von den Kommunen, aber auch das Land fördert jährlich mit fünf Millionen Euro. Das Landesgeld ist an Richtlinien geknüpft und diese werden aktuell vom zuständigen Sozialministerium überarbeitet. Einige der Punkte, die neu eingearbeitet werden sollen, betrachten die Autonomen Frauenhäuser in Niedersachsen mit großer Sorge.

Drei Monate Aufenthalt für Betroffene

"Das Land Niedersachsen möchte, dass Frauen nur noch einen Aufenthalt von drei Monaten hier haben", kritisiert Lidia Prada, Mitarbeiterin im Autonomen Frauenhaus Hannover. Das gehe an der Realität vorbei. Wenn eine Frau in Not bei ihnen ankomme, müsse sie sich zunächst um viel Bürokratie kümmern. "Sie muss ihre Grundsicherung klären, sie muss sich hier im Frauenhaus anmelden, sie muss sich im Jobcenter anmelden, Kindergeld beantragen", sagt Prada. Allein dieser Behörden-Marathon habe meist eine Bearbeitungszeit von sechs bis acht Wochen. Auch die Aufarbeitung der erlebten Gewalt benötige Zeit: "Die Gewalterfahrung soll man dann in drei Monaten auf irgendeine Art und Weise abgearbeitet haben? Das ist einfach nicht realistisch", sagt die Frauenhausmitarbeiterin. Denn viele Betroffene berichten von jahrelanger psychischer Folter, von Prügeln oder Vergewaltigungen.

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Sozialministerium: "Drei Monate nur ein Richtwert"

Es sei nicht geplant, die Aufenthaltsdauer der betroffenen Frauen im Einzelfall zu begrenzen, heißt es dazu auf NDR Anfrage aus dem niedersächsischen Sozialministerium. Vielmehr handele es sich bei den drei Monaten um einen Richtwert. Und dieser Richtwert, so eine Ministeriumssprecherin, solle deutlich machen, dass ein Frauenhaus keine Dauerwohnung sei. Eine jährliche Statistik zeige, dass Betroffene im Schnitt weniger als drei Monate in den niedersächsischen Frauenhäusern lebten. In diese Statistik fließen demnach nicht nur die Frauen ein, die dauerhaft im Frauenhaus bleiben. Sie beinhalte alle Betroffenen, die aufgenommen werden - auch die Frauen, die zum Beispiel auf eigenen Wunsch nach einer Woche wieder in die Beziehung zurückkehren. Oder diejenigen, die aus Sicherheitsgründen nach kurzer Zeit in ein anderes Bundesland weitervermittelt werden müssen - kurze Aufenthalte, die die Gesamtzahl der Verweildauer senken.

"Jede Betroffene ist Expertin ihres Lebens"

Im Autonomen Frauenhaus Hannover zum Beispiel bleibt die Mehrheit der Betroffenen im Schnitt neun Monate mit ihren Kindern in der Schutzeinrichtung. Und auch Sabine Strotmann, Mitarbeiterin im Autonomen Frauenhaus Osnabrück, zeigt sich über die Haltung des Ministeriums verärgert. "Diese Beschränkung auf im Durchschnitt drei Monate geht für uns gar nicht." Jede Frau müsse selbst bestimmen, wie lange sie die Hilfe eines Frauenhauses in Anspruch nehmen wolle, gemeinsam in der Beratung mit den Mitarbeiterinnen. "Nur die Frauen selbst sind die Expertinnen für ihr Leben", sagt Strotmann.

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Weiteres Problem: Sozialer Wohnraum ist knapp

Es gebe ein weiteres Problem: "Die Wohnungsnot in Großstädten. Die Frauen finden keine Wohnung. Sie wissen nicht, wann sie eine Wohnung finden und die muss dann auch bezahlbar sein", sagt die Osnabrückerin. Allzu oft hätten Vermieter kein Interesse an alleinerziehenden, von Gewalt betroffenen Frauen, da sie Probleme fürchteten. Hinzu komme, dass viele Betroffene zunächst auf Sozialleistungen angewiesen seien. Es gebe zwar mit manchen Kommunen Vereinbarungen, um bezahlbare Wohnungen für Betroffene zu finden, aber das klappe längst nicht immer von heute auf morgen.

Ministerium sieht keinen Zusammenhang zum Wohnungsmarkt

"Nach unseren Erkenntnissen der vergangenen Jahre ist die Verweildauer nicht zwingend in Abhängigkeit zum Wohnungsmarkt zu sehen", heißt es aus der zuständigen Fachabteilung des Sozialministeriums. Die Aussage, dass der Wohnungsmarkt in Niedersachsen generell sehr angespannt sei, könne nicht geteilt werden. "Es existieren selbst in Ballungszentren mit knappem Wohnraum Frauenhäuser, die ein Wohnmanagement zum Beispiel mit dem örtlichen Wohnungsamt oder Genossenschaften, dem städtischen Gebäudemanagement oder einem Bauträger verabredet haben, sodass den Frauen aus dem jeweiligen Frauenhaus Wohnungen von dort geordnet zur Verfügung gestellt werden." Lidia Prada vom Frauenhaus Hannover widerspricht. "Der Wohnungsmarkt steht betroffenen Frauen nicht frei und offen. Wir haben einen unglaublichen Mangel an freien Wohnungen und im Besonderen an sozialem Wohnraum", sagt Prada.

Kritik auch an Fachkräftegebot

Es gibt noch einen Punkt, der die Schutzhäuser besorgt. Die Förderung von Personalstellen soll in den neuen Richtlinien auch ein Fachkräftegebot enthalten. Lidia Prada sieht das kritisch. "Wir als Frauenhaus Hannover finden es nicht relevant, ob eine Frau, die hier arbeitet, Sozialarbeiterin oder Sozialpädagogin ist, ob sie diesen Titel trägt oder nicht." Es komme darauf an, dass die Frauen eine Haltung und Empathie haben. "Es ist wichtig, die Frau als Frau anzuerkennen und nicht nur als Opfer, sie nicht nur sozialarbeiterisch abzuarbeiten", betont Prada.

Ministerium fordert professionelle Ausbildung

Das Land zahle ausdrücklich für die Kompetenz einer studierten Fachkraft, heißt es dazu aus dem Sozialministerium. "Dazu gehört auch Empathie, aber ebenso die Anwendung professioneller Techniken, um den Belastungen der Arbeit mit den stark traumatisierten Frauen gerecht zu werden. Diese Fähigkeiten werden in den sozialpädagogischen und verwandten Studiengängen vermittelt", so das Ministerium. Ziel sei die bestmögliche professionelle Hilfe für betroffene Frauen.

Keine Wertschätzung für langjährige Mitarbeiterinnen?

"Wir haben Mitarbeiterinnen, die schon seit Jahren im Frauenhaus arbeiten, die vorher aber Lehrerin oder Hausfrau waren", sagt Sabine Strotmann. Das seien Frauen, die vor Jahrzehnten das Autonome Frauenhaus in Osnabrück mitgegründet hätten. "Die bringen viel Erfahrung mit, auch ohne Studienabschluss. Sie machen Fortbildungen zum Thema Trauma, zum Thema Feminismus, zu vielen Themen", sagt die Mitarbeiterin. Ihre Kollegin aus Hannover sieht das genau so. "Das bedeutet, dass die Kolleginnen, die unglaublich viele Jahre schon in Frauenhäusern gearbeitet haben, nicht wertgeschätzt werden", sagt Prada. "Wenn ein Titel einen höheren Stellenwert hat als eine fachliche Kompetenz, dann ärgert uns das. Und dazu kommt einfach, dass es einen unglaublichen Fachkräftemangel gibt", sagt Prada. Die Autonomen Frauenhäuser in Niedersachsen haben sich mit ihrer Kritik in einem Brief an Sozialministerin Daniela Behrens (SPD) gewandt. Auf eine Antwort warten sie noch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.08.2021 | 14:00 Uhr

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