Covid-Station am Klinikum Oldenburg: Personal am Limit

Stand: 19.11.2021 21:30 Uhr

Es ist eine Arbeit unter höchster körperlicher und psychischer Belastung. Auch am Klinikum Oldenburg steigt der Frust beim medizinischen Personal, denn die meisten der schweren Fälle sind ungeimpft.

von Peter Becker

Krankenpflegerin Tanja Malchow muss erst einmal einen großen Schluck Mineralwasser trinken. Dann atmet die 26-Jährige tief durch. Gerade hat sie unter Schutzkleidung und mit FFP3-Maske einen Patienten versorgt. Unter dem Kunststoffkittel ist es sehr warm und durch die Maske bekommt man nur sehr schlecht Luft, sagt Tanja Malchow. Doch nur so sind sie, eine weitere Krankenpflegerin und Intensivmediziner Ulf Günther geschützt, wenn sie sich den Covid-Intensivpatienten nähern. "Wenn Sie morgens zur Arbeit kommen, dann können Sie die Kollegen, die im Corona-Bereich eingeteilt sind, daran erkennen, dass die morgens schon einmal das Hemd durchgeschwitzt haben," sagt Günther.

Kündigungen und Frust beim Pflegepersonal

Die Arbeit auf der Intensivstation des Klinikums Oldenburg sei mit der Pandemie noch belastender geworden, als es die Arbeit mit Schwerstkranken ohnehin schon sei. Das hätten nicht alle Kolleginnen und Kollegen durchgehalten, so Günther. "Seit Beginn der Covid-Krise haben auch wir weniger betreibbare Betten zur Verfügung, weil das Pflegepersonal weniger geworden ist." Laut dem DIVI-Register aller Intensivstationen in Deutschland hätten diese seit Beginn der Pandemie rund ein Viertel ihrer Betten eingebüßt. Es fehle schlicht das Personal. Zur körperlich anstrengenden Arbeit kommt bei vielen Pflegerinnen und Pflegern, Ärztinnen und Ärzten aber auch der Frust darüber, dass nach wie vor so viele Menschen nicht geimpft sind.

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Großteil der Intensivfälle sind Ungeimpfte

Auch auf der Intensivstation des Klinikums Oldenburg sind zwei Drittel der Covid-Patienten ungeimpft. Tanja Malchow und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen fühlen sich oft wie vor den Kopf gestoßen: "Das ist aktuell das Frustrierendste, dass man weiß, das könnte anders sein. Und wenn wir eine höhere Impfquote hätten, dann würde das auch hier anders aussehen und dann wäre unsere Arbeitsbelastung eine ganz andere. Und da frage ich mich schon, was man noch tun muss oder was noch passieren muss, dass die Leute sich impfen lassen," sagt Malchow.

Medizinisches Personal ist Risiko ausgesetzt

Ulf Günther ergänzt - während er seine Brille putzt, die durch die FFP3-Maske wieder einmal beschlagen ist: "Wer sich nicht impfen lässt, trifft ja nicht nur eine Entscheidung für sich selbst, sondern auch gegen uns. Wir halten ja hier auf der Intensivstation unsere Knochen dafür hin: Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Ärzte, Ergotherapeuten. Wir alle riskieren auf der Arbeit, uns mit diesem Virus zu infizieren. Die Impfentscheidung trifft man nicht nur für sich allein. Die trifft man auch immer gleich für uns mit." Der 52-jährige sagt diese Sätze im ruhigen Ton, aber man spürt, dass ihn die Situation nicht kalt lässt.

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Hohe Sterberate auf Covid-Stationen

Was aber auch schnell deutlich wird: Sie sind hier auf der Covid-Station nach 20 Monaten Pandemie ein eingespieltes Team. Jede und jeder weiß, was sie oder er zu tun hat. Kommen Teams von außen - etwa um eine Patientin zu verlegen - kennt man sich, macht einen kleinen Scherz und geht dann gleich routiniert an die Arbeit. Und doch geht es hier weder an Krankenpflegerin Tanja Malchow noch an Intensivmediziner Ulf Günther oder den anderen Mitarbeitenden spurlos vorbei, dass mehr als die Hälfte der Covid-Patientinnen und -Patienten sterben. "Das sind wir nicht gewohnt," sagt Günther. Üblich sei, dass rund 5 Prozent der Patienten auf einer Intensivstation versterben. "Aber nicht 56 Prozent wie aktuell bei uns."

Damit sich die Situation irgendwann bessert, hofft Tanja Malchow, dass sich doch noch mehr Menschen impfen lassen: "Es ist eine Extremsituation, und darum muss sich auch jeder angesprochen fühlen. Auch wenn man nicht in der Pflege arbeitet, vielleicht die Situation ernster zu nehmen. Und es nicht zu leugnen, was hier passiert."

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