Stand: 17.11.2019 09:20 Uhr

Warum sind Ostdeutsche keine Uni-Präsidenten?

von Marvin Milatz und Marc-Oliver Rehrmann

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Bundeskanzlerin Merkel findet es seltsam, dass keine deutsche Universität von einem oder einer Ostdeutschen geleitet wird.

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall stellen sich noch viele die Frage: Wie weit sind der Osten und der Westen Deutschlands seitdem zusammengewachsen? Nicht sehr weit, muss die Antwort lauten. Zumindest wenn man sich klarmacht, dass in vielen Spitzenpositionen kaum gebürtige Ostdeutsche zu finden sind. So ist beispielsweise im 16-köpfigen Bundeskabinett nur ein Mitglied im Osten geboren - Familienministerin Franziska Giffey. Kanzlerin Angela Merkel ist 1954 in Hamburg geboren, sie wuchs aber in der DDR auf. In den Bundesministerien stammen von den 120 Abteilungsleitern und Abteilungsleiterinnen nur zwei aus dem Osten. Und die Dax-Konzerne werden komplett von Westdeutschen geführt. "Mir hat gerade jemand erzählt, dass auch keine deutsche Universität von einem oder einer Ostdeutschen geleitet werde", sagte Merkel soeben in einem Interview mit dem "Spiegel". "Das ist nicht nur seltsam, das ist ein wirkliches Defizit. Wir haben da noch viel Arbeit vor uns."

Die Kanzlerin bezieht sich auf eine Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) aus dem Frühjahr 2019. Demnach war Ende 2018 keine einzige Spitzenposition an den Universitäten von einer gebürtigen Ostdeutschen oder einem Ostdeutschen besetzt. "Es ist nur eine Momentaufnahme", urteilte der CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele. "Aber knapp 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist eine Universitäts-Landschaft ohne Top-Führungskräfte mit ostdeutschen Wurzeln schon bemerkenswert."

"Wer damals Kind war, kann es noch schaffen"

Auch Merkel spricht davon, dass das "kein guter Zustand" sei. "Der Grund mag darin liegen, dass viele in der Zeit um 1989/90 schon zu alt waren", meint sie in dem "Spiegel"-Interview. "Mit meinen 35 hätte ich es damals in der Wirtschaft auch schwer gehabt, die Karriereleiter noch ganz nach oben zu klettern. Wer damals ein Kind war, der kann natürlich noch in Spitzenpositionen ankommen." Ist die Erklärung wirklich so einfach? Alles eine Frage des Alters?

"Eigentlich müsste der Generationswechsel zu spüren sein"

Der Politikwissenschaftler Lars Vogel von der Universität Leipzig findet, die Erklärung Merkels greife zu kurz. Wie aber kommt es dann zu dem Ostdeutschen-Phänomen an den Universitäten? Vogel weist darauf hin, dass es in den 90er-Jahren in den neuen Bundesländern einen Import von westdeutschen Eliten an den Universitäten gegeben habe. "Vor allem in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern ist dies der Fall gewesen. Einfach auch weil es Studiengänge wie Politikwissenschaft oder Medienwissenschaft in dieser Form in der DDR gar nicht gegeben hat." Aber mit dem Generationswechsel seitdem wäre es eigentlich zu erwarten gewesen, dass sich da spürbar etwas ändert, sagt Vogel im Gespräch mit NDR.de.

Sind westdeutsche Netzwerke zu dominant?

Der Politikwissenschaftler versucht gerade mit seinem Team herauszufinden, weshalb so wenige gebürtige Ostdeutsche in die Uni-Spitzenpositionen berufen werden. Das Phänomen sei bekannt, aber die Ursachen müssten noch erforscht werden. "Irgendwie muss es ein Nachteil sein, aus Ostdeutschland zu kommen." Das lasse sich nicht mit schlechterer Qualifikation erklären, sagt Vogel. Er hält es für plausibel, dass es die ehemals westdeutschen Netzwerke sind, die einen Aufstieg von Ostdeutschen verhindern. "Wir sehen es in vielen Bereichen, dass Eliten sich aus sich selbst rekrutieren. Das heißt: Chefs suchen sich gerne einen Nachfolger, der ihnen ähnlich ist."

Haben Ostdeutsche keine Lust auf Karriere?

An eine oftmals beschworene Aufstiegsangst der Ostdeutschen glaubt Vogel nicht. "Einige Wissenschaftler meinen, dass Ostdeutsche generell weniger das Bedürfnis haben, in Führungspositionen aufzusteigen. Weil sie nach den Umbrüchen infolge des Mauerfalls eher auf Sicherheit bedacht seien und sich schneller mit ihrer beruflichen Situation zufrieden geben. Aber das halte ich für unzutreffend." Nach Ansicht der Bundeskanzlerin spielt der Charakter aber doch eine Rolle. Sie ruft die Ostdeutschen auf, sich für Führungspositionen aufzudrängen: "Man muss halt schon klar und deutlich und manchmal ein bisschen laut sein, um Karriere zu machen. Da kann ich uns Ostdeutsche nur ermuntern."

Früher gab es ostdeutsche Uni-Rektoren

Für Professor Gunnar Berg vom Deutschen Hochschulverband ist es jedenfalls "Zufall, dass der Anteil der Ostdeutschen in Uni-Spitzenpositionen gerade bei null ist". In den 90er- und frühen 2000er-Jahren sei dies anders gewesen, zumindest an den ostdeutschen Universitäten. "Dort gab es nach der Wiedervereinigung fast ausschließlich Ostdeutsche als Rektoren", sagt Berg, der in Magdeburg geboren ist und von 1992 bis 1996 Rektor der Universität Halle war. Zu jener Zeit seien auf den Rektoren-Stellen an ostdeutschen Unis keine Geisteswissenschaftler zu finden gewesen, sondern nur Naturwissenschaftler, Mediziner und Techniker. Berg selbst ist Physiker.

Ein Trend spricht gegen Ostdeutsche

"Anders als vor zehn oder 15 Jahren geht nun aber der Trend dahin, die Uni-Spitzenpositionen an Rechts- oder Sozialwissenschaftler zu vergeben", sagt der 79-Jährige. "Da können dann keine Ostdeutsche darunter sein, weil es ihre Berufslaufbahn nicht hergibt." Diejenigen Ostdeutschen, die vom Alter her für eine Spitzenposition an den Unis infrage kämen, hätten eben ihre Karriere noch in der DDR begonnen. Im Durchschnitt sind die Rektorinnen und Rektoren beziehungsweise Präsidentinnen und Präsidenten an den staatlichen Universitäten 59 Jahre alt.

"Es spielt keine Rolle, woher man kommt"

Berg glaubt nicht, dass Ostdeutsche wegen ihrer Herkunft bei der Vergabe von Uni-Spitzenpositionen benachteiligt sind. "Aus meinen langjährigen Erfahrungen bei den Bewerbungsverfahren kann ich sagen: Es spielt keine Rolle, woher eine Kandidatin oder ein Kandidat kommt." Es gehe allein um die Qualifikation. Deswegen rechne er damit, dass es das Ungleichgewicht zwischen Westdeutschen und Ostdeutschen in zehn oder zwanzig Jahren nicht mehr geben werde.

"Ich bin nicht benachteiligt worden"

Und wie stellt sich die Situation an den Max-Planck-Instituten dar, wo ebenfalls Spitzenforschung betrieben wird? Recherchen von NDR.de zeigen, dass nur sieben Prozent aller deutschen Direktorinnen und Direktoren aus dem Osten stammen. In absoluten Zahlen: 15 von 212. Eine von ihnen ist Sibylle Günter, die in Rostock geboren ist. Sie leitet seit 2011 als Wissenschaftliche Direktorin das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München. "Ich kann nicht sagen, dass ich in meiner Karriere als Ostdeutsche benachteiligt worden bin", sagt Günter. "An den Max-Planck-Instituten ist es auch im positiven Sinne egal, woher jemand kommt." Das sei auch daran abzulesen, dass etwas die Hälfte der Direktorinnen und Direktoren aus dem Ausland stamme. Dass bislang vergleichsweise wenig Ostdeutsche an die Institutsspitze berufen worden sind, liegt ihrer Einschätzung nach daran, dass in der DDR die Akademiker-Quote in der Bevölkerung sehr gering gewesen sei.

Vom Gefühl, nicht richtig dazuzugehören

Viele Erklärungsversuche also, aber die entscheidende Frage bleibt dabei offen: Wird der Missstand, dass nur sehr wenige Ostdeutsche zu den Top-Führungskräften an den Hochschulen zählen, noch länger fortbestehen? Politikwissenschaftler Vogel aus Leipzig ist skeptisch, dass sich das von alleine ändert. Aber wie sollte man eingreifen? Wäre eine Ostdeutschen-Quote eine Lösung? "Eine solche Quote halte ich für hochproblematisch", sagt Vogel. "Allein die Frage: Wer ist eine Ostdeutsche beziehungsweise ein Ostdeutscher? Dies zu klären, erscheint mir schwierig bis unmöglich." Eine weitere, spannende Frage wirft der Experte auch noch auf: Ist es überhaupt problematisch, dass keine Ostdeutsche an den Uni-Spitzen stehen? Seine Antwort lautet: Problematisch ist es eigentlich nur aus politischer Sicht. Weil es das Gefühl vieler Ostdeutscher bekräftigt, nach der Wiedervereinigung nicht richtig dazuzugehören."

Ein grüner Trabi, der stark modifiziert ist, steht im Jahr 2019 auf einem Campingplatz. © NDR

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