Im Baakenhafen in der Hamburger Hafencity stehen einige neugebaute Häuser.  Foto: Nicolas Lieven

Sind autoarme Viertel ein Modell für die Zukunft?

Stand: 05.11.2021 06:00 Uhr

Autos haben eine schlechte Klimabilanz und mindern vor allem in Großstädten die Lebensqualität. Die Stadt Hamburg will deshalb in der Hafencity einen neuen Weg einschlagen. Die Planer setzen auf ein "deutschlandweit einzigartiges Carsharing-System“. Und vor den Häusern soll es keine Parkplätze geben.

von Nicolas Lieven und Marc-Oliver Rehrmann

Erkan Özkan weiß, worauf er sich eingelassen hat. Der Hamburger Anwalt ist mit seiner Frau und drei Kindern in das neue Quartier Baakenhafen in der Hafencity gezogen. Ein Viertel an der Norderelbe, das gerade entsteht. Beim Kauf der Wohnung musste Özkan im Vertrag mit seiner Unterschrift zustimmen, dass seine Familie im Haus keinen Anspruch auf einen Auto-Stellplatz hat.

Parkplätze nur in Tiefgaragen

Das ist keine Schikane, sondern wesentlicher Teil des Verkehrsplans in der östlichen Hafencity. Denn die beiden Quartiere Baakenhafen und Elbbrücken sollen mit möglichst wenigen Autos auskommen. Auf jeden Haushalt kommen hier nur 0,4 Stellplätze. Das heißt: Für zehn Haushalte sind nur vier Parkplätze in den Tiefgaragen vorgesehen. Warum? "Das hat auch praktische Gründe", sagte der langjährige Hafencity-Chef Jürgen Bruns-Berentelg bei der Vorstellung des Projekts. Überall in der Hafencity sei Wasser, der Boden deshalb knapp. Und diese knappen Flächen sollen nicht mit Autos zugestellt sein.

NDR-Reporter Nicolas Lieven steht vor einer Baustelle in der Hamburger Hafencity. © NDR Info
AUDIO: Podcast Mission Klima - Teil 2: Wie wir die Verkehrswende schaffen (33 Min)

Autoarmes Quartier: 2.000 Parkplätze weniger

Konkret bedeutet das Projekt autoarmes Viertel: Für das Gebiet sind gut 2.000 Parkplätze weniger vorgesehen, als es eigentlich in Hamburg üblich ist. Und: Im ganzen Viertel sind keine überirdischen Parkplätze geplant - nur in den Tiefgaragen gibt es Stellplätze. Und so gibt es schon jetzt in der Bauphase viele Parkverbots-Schilder. Insgesamt 3.800 Wohnungen für 8.000 Menschen entstehen in den beiden Quartieren Baakenhafen und Elbbrücken. Zudem sollen 13.000 Arbeitsplätze die Menschen in die Gegend locken. Auch für die Firmen sind bis zu 70 Prozent weniger Stellplätze geplant.

Mit dem Auto zur Arbeit? Keine gute Idee

Im Baakenhafen in der Hamburger Hafencity stehen Baukräne neben einigen neuen Häusern.  Foto: Nicolas Lieven
Ein Stadtviertel der kurzen Wege: Nur in der Bauphase sind Fußgänger im Baakenhafen nicht überall gerne gesehen.

Viele Beschäftigte werden sich die Frage stellen: Wie komme ich zu meinem Job im Baakenhafen? "Wer hier arbeitet, sollte am besten nicht mit dem Auto kommen", sagt Verkehrsexperte Hans Seemann von der Hafencity GmbH in der zweiten Folge des Podcasts "Mission Klima - Lösungen für die Krise". Für alle, die dennoch mit ihrem Wagen herfahren, werde es ein paar wenige Parkplätze geben - aber nicht im öffentlichen Raum, sondern in den Tiefgaragen. "Wir wollen hier eine hohe Aufenthaltsqualität schaffen", erklärt Seemann.

100 Carsharing-Autos für 8.000 Bewohner

Weniger private Autos, mehr Carsharing: So lautet das Motto der Hafencity-Planer. Und deshalb kommt in jede Tiefgarage eine Leihstation des Bremer Carsharing-Anbieters Cambio. Gemeint ist stationäres Carsharing. Das heißt: Die Nutzer müssen das Auto wieder zum festen Standort in der Hafencity zurückbringen. Insgesamt sind rund 100 Fahrzeuge für die 8.000 Bewohner vorgesehen. Viel zu wenige, sagen einige vor Ort. Und was noch verwundert: Die Carsharing-Flotte im Viertel besteht nicht komplett aus elektrischen Autos. Zu Beginn soll ihr Anteil 60 Prozent betragen, bis zum Jahr 2028 dann 90 Prozent.

Ein Quartier der kurzen Wege

Aber die Verkehrsplaner haben ein anderes Idealbild vor Augen. Die Menschen in der Hafencity sollen möglichst ganz ohne Auto auskommen. Die passende Formel dazu lautet: die Stadt der kurzen Wege. "Der Stadtteil ist so geplant, dass alles fußläufig zu erreichen ist", erklärt Seemann. Wohnen, Geschäfte und Freizeit-Nutzung liegen möglichst nah beieinander. "Ziel ist, die Mobilität auf ein Minimum zu reduzieren." Anders als das Autofahren ist das Radfahren gerne gesehen. Und für alle Wege aus den Quartieren heraus gibt es auch eine Lösung. Ganz in der Nähe befinden sich zwei U-Bahn-Stationen: Hafencity/Universität und Elbbrücken.

Klimakiller Auto

Der Verkehr ist für rund 20 Prozent aller CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Der größte Brocken davon entfällt auf den Autoverkehr. Und es gibt immer mehr Autos in Deutschland: Mittlerweile sind 48 Millionen Pkw zugelassen.

Verkehrswende: Neubau-Quartiere sind nur ein kleiner Baustein

Die Mobilitätsforscherin Philine Gaffron von der Technischen Universität Hamburg verfolgt das Geschehen genau. "Das Projekt in der Hafencity ist insofern interessant, als es ganz stark auf das Carsharing und einen niedrigen Stellplatz-Schlüssel setzt", sagt Gaffron. Das sei in Deutschland einzigartig. "Aber man muss auch sagen: Mit Blick auf die nötige Verkehrswende im Zuge der Klimakrise sind Neubau-Quartiere nur ein ganz kleiner Baustein." Vielmehr komme es darauf an, dass deutschlandweit Pendler dazu gebracht werden, vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel wie Bus oder Bahn umzusteigen. Oder dass in den Städten mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger geschaffen wird.

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CO2-Ausstoß: Problemkind Straßenverkehr

Gaffron ist auch Mitglied im Klimabeirat der Stadt Hamburg. Sie macht deutlich, dass mit Blick auf die Klimakrise im Verkehrsbereich viel größere Anstrengungen nötig sind, um den CO2-Ausstoß drastisch zu verringern. "Problemkind" ist hier der Straßenverkehr, wozu etwa Lkw, Busse und Pkw zählen. Denn zwischen 1990 und 2018 sind die Kohlendioxid-Emissionen im Straßenverkehr EU-weit nicht etwa gesunken, sondern sogar um 24 Prozent gestiegen. Insgesamt ist der Straßenverkehr für ein Viertel aller CO2-Emissionen der EU verantwortlich (Stand: 2018). "Der Verkehrssektor ist ein sehr komplexes Gefüge, in dem es offensichtlich nicht einfach ist, die erforderlichen Einsparungen beim CO2 zu erreichen", stellt Gaffron fest.

"Die Politik setzt die falschen Signale"

Ein Grund hierfür sei, dass vor allem hierzulande das Auto ein emotional stark besetztes Thema ist. Stichwort: Autoland Deutschland. "Aber viele Menschen fahren ja nicht mit dem Auto, weil sie das aus bösem Willen tun oder weil ihnen das Klima egal ist", sagt Gaffron. "Nein, es sind oft Signale aus der Politik, die den Eindruck entstehen lassen: Autofahren ist gut und richtig." Als Beispiele nennt die Forscherin das Dienstwagen-Privileg, die geringeren Steuern auf Diesel und die Entfernungspauschale.

Ein Auto - nur für berufliche Fahrten aus Hamburg heraus

Auch in der Familie von Erkan Özkan ist der geplante Verzicht auf ein Auto heiß diskutiert worden. Seine Frau beschwerte sich, dass er im Kaufvertrag für die Wohnung auf einen Stellplatz verzichtete. Aber dann kam es eh anders. Eine Partei im Haus gab ihren Stellplatz wieder ab - und per Los-Verfahren kam Familie Özkan doch noch zu ihrem Platz in der Tiefgarage. "Ja, ich habe noch ein Auto", sagt Özkan. "Für meinen Beruf brauche ich es auch noch - für größere Fahrten mit Zielen außerhalb Hamburgs." Aber in der Innenstadt nutze er das Auto nicht mehr. "Da bin ich mit dem Rad oder Bus und Bahn schneller unterwegs."

"Es ist schwierig, ohne Auto klarzukommen"

Erkan Özkan findet die Idee eines autoarmen Viertels gut. "Ich bin ein Freund des Konzepts." Aber man müsse den Bewohnern auch die Möglichkeit geben, einen Stellplatz zu bekommen. "Es ist schwierig, ohne Auto klarzukommen." Der Anwalt beklagt, dass es noch zu wenig Carsharing-Autos gebe. Für die 41 Wohnungen bei ihm im Haus stehe nur ein einziger Wagen zur Verfügung. Aber seine Familie hat ja noch ein eigenes Auto: einen SUV mit Diesel-Motor.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 05.11.2021 | 07:40 Uhr

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