Dirk Nockemann © privat

Nockemann: Auf ein Bier mit (ganz) rechtsaußen

Stand: 23.09.2021 06:05 Uhr

Hamburgs AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann legt ein ums andere Mal Wert auf die Feststellung, dass seine Partei zu ganz rechtsaußen klar auf Distanz geht. Ein Foto, das NDR Info vorliegt, weckt bei den anderen Ratsfraktionen jetzt aber Zweifel an dieser Sicht der Dinge.

von Stefan Schölermann

Das Foto zeigt Dirk Nockemann (5. von rechts) an einem Tisch mit Protagonisten der umstrittenen "Merkel muss weg"-Demonstrationen, die 2018 mehr als ein halbes Jahr lang auch extrem rechten Parolen ein Forum boten. Der Ort, an dem das Bild aufgenommen wurde, hat in Hamburg eine lange Tradition. Es ist die Gaststätte "Parlament" im Kellergewölbe des Rathauses im Herzen der Stadt. Die Stimmung ist offenkundig gut an diesem Abend im Juni 2018. Das "Daumen hoch"-Signal wird gezeigt. Außer AfD-Fraktionschef Nockemann sind weitere neun Personen dabei - mindestens drei von ihnen zählen offenbar zum engeren Kreis der "Merkel muss weg"-Demo-Organisatoren.

Imhof: "Schmerzt, Treffen mit diesem Personenkreis zu sehen"

Die innenpolitische Sprecherin der GAL-Fraktion im Hamburg, Sina Imhof, ist entsetzt, als sie das Foto aus dem Kellergewölbe des Parlaments sieht: "Ich bin grundsätzlich erst einmal nicht überrascht, dass solche Treffen stattfinden. Aber in der Tat ist das der ganz springende Punkt, dass es schmerzt zu sehen, dass im Rathaus, unter dem Plenarsaal, der Fraktionsvorsitzende der AfD in der Hamburgischen Bürgerschaft sich mit diesem Personenkreis trifft."

Ähnlich sieht es auch ihr Pendant von der Linkspartei, Deniz Celik. Im Gespräch mit NDR Info bezeichnete er das Geschehen in der Gaststätte als einen Affront gegenüber Parlament und gewählten Abgeordneten. Sein Fazit: "Das ist unentschuldbar."

Offenkundig wichtige Anti-Merkel-Protagonisten

Dass es sich bei mindestens drei der am Tisch Versammelten um wichtige Personen aus dem Kreis der "Merkel muss weg"-Demo-Gestalter handelt, ist offenkundig: Einer von ihnen hinterließ in einem Facebook-Posting, dass er dort der "Security-Mann" sei.

Der zweite von ihnen spielt bei Organisationsgesprächen während der Demos offenbar eine wichtige Rolle. Das ist auf Fotos erkennbar.

Der dritte, Thomas G., ist in Hamburg bekannt. Er war zunächst Türsteher, dann Personenschützer des früheren Hamburger Innensenators Ronald Schill. Bei den Demonstrationen war er, so gibt ihn die "Hamburger Morgenpost" wieder - bevor er zur Symbolfigur dieser Veranstaltungen wurde -, zunächst zuständig für Sicherheit, Technik und die Auswahl der Redner. Redner, die bei den Demonstrationen auch Sätze wie diesen formulierten: "Aus Afrika kommt nur krimineller Abschaum." Oder diesen mit Bezug auf Angela Merkel: "Das Unheil ist ja in Hamburg geboren. Zeit, diesen Müll zu entsorgen." Auf Facebook bestritt er, jemals Mitglied einer rechtsextremen Partei oder Organisation gewesen zu sein.

Warnung des Verfassungsschutzes 2018

Vom Verfassungsschutz gab es allerdings schon im März 2018 eine öffentliche Warnung: "Die bisherigen Anmelderinnen und Anmelder fungieren vermutlich eher als unverfängliche Gesichter der Kampagne. Die eigentlichen Initiatoren haben nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes zum Teil einen Vorlauf in rechtsextremen Strukturen und entstammen aus dem Türsteher- und Alt-Hooligan-Milieu."

Gladiator: "AfD zeigt ihr wahres Gesicht"

Für den innenpolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, Dennis Gladiator, steht nicht nur beim Blick auf das Foto jetzt fest: "Wer sich mit diesen Personen trifft, wusste, mit wem er sich trifft, auf wen er sich einlässt. Und das wird man in diesem Fall auch nicht leugnen können. Da zeigt die AfD ihr wahres Gesicht."

Ähnlich äußerte sich die innenpolitische Sprecherin der FDP, Anna von Treuenfels-Frowein: Nicht nur Nockemanns Reden zur Asyl- und Einwanderungspolitik, sondern auch seine nun belegten Kontakte dokumentierten, dass er rechtsaußen näherstehe, als er zugeben wolle.

Nockemann weist Vorwurf zurück

Dirk Nockemann erklärte auf Nachfrage von NDR Info: Er habe sich an diesem Abend auf Bitten von Gästen nur für einige Minuten an den Tisch gesetzt. Gekannt habe er von den betreffenden Menschen lediglich Thomas G. Der Vorwurf einer - wie auch immer gearteten Zusammenarbeit - sei konstruiert und absurd. Kein AfD-Vorsitzender würde sich zu Hochzeiten der Demonstrationen mit deren Organisatoren an einen Tisch setzen, so Nockemann.

Schumacher: "Da steckt mehr dahinter"

Der Innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sören Schumacher, glaubt nicht, dass im Keller des Rathauses lediglich der Geselligkeit gefrönt wurde. Am Dienstag sagte er: "Wenn man weiß, dass rund um die 'Merkel muss weg'-Demonstrationen der Verfassungsschutz sich hier öffentlich geäußert hat und Herr Nockemann sich mit solchen Leuten trifft, dann macht er das nicht nur, um ein Bierchen zu trinken, sondern da steckt mehr dahinter."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 23.09.2021 | 08:05 Uhr

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