Zwei Pflegefachkräfte in Schutzkleidung arbeiten auf einer Intensivstation (Themenbild). © picture alliance/Marcel Kusch/dpa Foto: Marcel Kusch

Neuer Höchststand von Corona-Patienten auf Intensivstationen

Stand: 06.11.2020 20:40 Uhr

Es liegen jetzt mehr an Covid-19 erkrankte Menschen auf norddeutschen Intensivstationen als im Frühjahr. Mediziner befürchten, dass die Belastung für Kliniken größer wird als bei der ersten Welle.

von Kim Kristin Mauch und Marvin Milatz

Am 6. November lagen 285 Covid-19-Patienten und -Patientinnen auf Intensivstationen in Krankenhäusern in Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle, am 27. April, waren es 283 Intensivpatienten, wie eine Datenanalyse des NDR zeigt.

Steigende Zahlen im ganzen Norden

Die Analyse der Archivdaten des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zeigt ebenfalls, dass die Zahl der intensivmedizinisch zu behandelnden Corona-Patienten bereits seit Wochen in allen Nordländern wieder stark wächst. Vor allem Bremen, Hamburg und Niedersachsen verzeichnen bereits seit Mitte/Ende Oktober einen erneuten Anstieg. Aber auch in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern steigen die Zahlen bereits seit mehreren Tagen wieder.

"Die erste Welle wird vielleicht um ein Vielfaches übertroffen"

Der Hamburger Intensivmediziner Stefan Kluge hat kein Verständnis dafür, dass man es hat so weit kommen lassen: "Wir haben die Zahlen der ersten Welle erreicht und werden sie übertreffen, vielleicht sogar um ein Vielfaches", sagt der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) im Gespräch mit NDR.de. "Ich wundere mich, dass viele in den letzten Tagen und Wochen so entspannt waren."

Dabei war es abzusehen. Schließlich deutete sich die Entwicklung schon durch die täglichen Rekorde bei den vom Robert Koch-Institut gemeldeten Neuinfektionen an: "Wir wissen, dass die Zahl der Neuinfektionen sich circa nach zehn Tagen auf die Zahl der Intensivbetten auswirkt", sagt Kluge. "Ein Patient, der heute Symptome zeigt, hat ungefähr ein Risiko von zwei Prozent, dann auf der Intensivstation zu landen."

Kontaktbeschränkungen wirken verzögert

UKE-Professor Kluge geht deshalb auch vorerst von keiner Entspannung auf den Intensivstationen aus, denn Kontaktbeschränkungen machten sich immer erst nach zehn bis 14 Tagen bemerkbar. Kluge rechnet damit, dass die Intensivstationen in den kommenden zwei Wochen einen weiteren Anstieg melden werden. "Damit werden auch Todesfälle verbunden sein", sagt Kluge.

"Jeder vierte Intensivpatient stirbt"

Betrachtet man die Daten genau, fällt auf, dass die Zahl der beatmeteten Corona-Intensivpatienten niedriger liegt als zur Hochphase der ersten Welle. Den Intensivmediziner Kluge beruhigt das nicht. Das Verhältnis von beatmeten Intensivpatienten zu allen Intensivpatienten habe sich nicht stark geändert und man wisse, dass die beatmeten Patienten weiterhin ein erhöhtes Risiko haben, an Corona zu sterben. Womöglich sei die Sterblichkeit individuell durch Erfahrungen und Therapien gegenüber der ersten Welle leicht gesunken. Aber Untersuchungen zeigten, dass die Sterblichkeit von Corona-Intensivpatienten bei 23 Prozent liege. "Das heißt jeder vierte Intensivpatient stirbt in Deutschland", sagt Kluge.

Ein Normalbetrieb sei an vielen Krankenhäusern schon jetzt nicht mehr möglich, so Kluge. Aktuell könnten zwar noch alle Patienten gut versorgt werden. Doch es gebe bereits wieder Bedarf, den Regelbetrieb an Operationen und Behandlungen herunterzufahren, um Intensiv-Kapazitäten für weitere Covid-19-Patienten frei zu machen.

Ein Schlaganfall lässt sich nicht verschieben

Der Personalmangel im Pflegebereich ist für Kluge dabei der neuralgische Punkt. "Deutschland hat weltweit die meisten Intensivbetten auf 100.000 Einwohner, aber nicht genügend Pflegekräfte, um sie zu betreiben", sagt er. Schon vor der Corona-Pandemie waren 20 bis 30 Prozent der Intensivbetten aus diesem Grund gesperrt. Momentan nicht genutzte Betten werden im DIVI-Intensivregister als 7-Tage-Notfallreserve erfasst (mehr als 12.500 / Stand: 6. November 2020). Käme es so weit, dass man diese Reserve mobilisieren müsste, würden Fachkräfte aus anderen Bereichen der Kliniken abgezogen.

"Wir haben natürlich die Möglichkeit, nicht dringliche Operationen zu verschieben. Aber wir haben Patienten, die dringend im Krankenhaus oder in den Arztpraxen behandelt werden müssen", so Kluge. "Ich kann keinem Schlaganfallpatienten sagen, dass er in zwei Monaten wiederkommen soll."

Hohe Belastung für medizinisches Personal

Die Belastung für die Mitarbeiter der Krankenhäuser, aber auch für den niedergelassenen Bereich, ist laut Kluge im Moment sehr hoch. "Das hatten wir schon bei der ersten Welle", sagt Kluge, "aber jetzt wird das noch mal viel mehr."

Informationen zum DIVI-Register

Das DIVI-Register gibt einen Überblick, wie viele Intensivbetten belegt und wie viele noch frei sind. "Uns werden tagesaktuell ausschließlich Intensivbetten gemeldet, die auch betreibbar sind, zu denen es also auch die entsprechenden Geräte und das qualifizierte Personal gibt", sagt DIVI-Sprecher Torben Brinkema. Die teilnehmenden Krankenhäuser melden ihre Kapazitäten täglich, nachdem sie das Personal disponiert haben. In der NDR.de-Karte auf dieser Seite werden die Verfügbarkeiten für Intensivbetten im Norden abgebildet.

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