Stand: 07.01.2020 16:52 Uhr

CO2: Gute Botschaft mit kleinen Eintrübungen

Der CO2-Ausstoß in Deutschland ist im vergangenen Jahr offenbar überraschend stark zurückgegangen. Grund ist Experten zufolge die Energiewende.

Ein Kommentar von Verena Gonsch, NDR Info

Verena Gonsch © NDR Foto: Christian Spielmann
Die Politik dürfe die Windenergie jetzt nicht alleine lassen, meint Verena Gonsch in ihrem Kommentar.

Zum Jahresauftakt endlich einmal gute Klima-Nachrichten! Wir haben in Deutschland im letzten Jahr über 50 Millionen Tonnen weniger Treibhausgase in die Luft geblasen. Das ist mehr als die Experten erwartet haben. Und damit könnte Deutschland sogar sein selbst gestecktes Ziel von 40 Prozent weniger Klimagasen im Vergleich zu 1990 erreichen. Wir verbrauchen also mittlerweile über ein Drittel weniger CO2 als noch zu Zeiten der Wende. Wie kommen diese Zahlen zustande? Experten des renommierten Verbandes Agora Energiewende haben sie ausgerechnet. Agora Energiewende ist eine Politikberatung, die vor acht Jahren von der European Climate Foundation und der Stiftung Mercator ins Leben gerufen wurde. Ihre Berechnungen decken sich im Kern mit den Ergebnissen anderer Experten.

Ausbau erneuerbarer Energien verantwortlich für gute Bilanz

Das Interessante an den Zahlen ist, dass man genau erkennen kann, wer für die gute Klimabilanz verantwortlich ist. Denn das ist fast ausschließlich der Stromsektor, also der Ausbau der erneuerbaren Energien. Die wichtigste Nachricht: Anlagen aus Wind, Wasserkraft, Solarstrom und Biogas haben erstmals zusammen mehr Strom erzeugt als Kohle- und Kernkraftwerke zusammen. Und die zweite gute Nachricht: Solar- und Windenergie sind mittlerweile nach Jahren der Förderung so profitabel, dass sie auf dem europäischen Strommarkt deutlich preiswerter sind als Kohlewerke. Fossile Kraftwerke, die mit Kohle und Gas heizen, haben also ihre Stromproduktion an vielen Stunden im vergangenen Jahr gedrosselt, weil es nicht ertragreich war.

Klimaschutz muss sich für Unternehmen lohnen

Die Bundesregierung wurde im vergangenen Jahr oft gescholten, weil das Klimapaket von vielen als zu lasch und zu wenig radikal empfunden wurde. Zumindest ein Bestandteil des Klimapakets erweist sich vor dem Hintergrund dieser Nachrichten aber als sehr hilfreich: Erstmals bekommt nämlich die Umwelt mit dem CO2-Zertifikat in zwei Jahren einen Preis. Und das ist die dritte Nachricht, die man aus den Zahlen herauslesen kann: Klimaschutz muss sich für die Unternehmen lohnen. Erst wenn die erneuerbaren Energien wettbewerbsfähig sind, werden Kohle, Öl und Gast überflüssig. Und im Jahr eins nach Fridays for Future ist das die traurige Botschaft: Trotz aller Appelle fliegen die Deutschen mehr als zuvor, sie fahren mehr Auto und sie verschwenden mehr Plastikmüll. Klimaappelle allein werden das Klima also nicht retten.

Nur Windkraft kann Kohle- und Akw-Wegfall kompensieren

Was jetzt zu tun ist, damit der positive Trend weitergeht: Die Politik darf die Windenergie nicht alleine lassen. Die Windenergie hat mit ähnlichen Verlusten zu kämpfen wie die Solarindustrie vor einigen Jahren. Der Widerstand gegen neue Windkraftanlagen ist groß. Die Branche steht international unter Druck. Das ist eine klassische Aufgabe für die Bundesregierung, dieser Branche unter die Arme zu greifen und den Bau neuer Windkraftanlagen zu befördern. Nur mit der Windkraft werden wir in einigen Jahren den Wegfall von Kernkraft und Kohle kompensieren können, das sollte uns klar sein. Zumal in der Windenergiebranche gerade fast stillschweigend Tausende von Arbeitsplätze verloren gehen, Arbeitsplätze, für die es an den Kohlestandorten viele Milliarden Euro staatliche Unterstützung gibt.

Bei Themen Verkehr und Gebäude ist noch viel zu tun

Und wenn wir schon bei den schlechten Entwicklungen sind: Wer noch überhaupt nichts dazu beigetragen hat, dass wir das Klima schonen, sind der Gebäude- und der Verkehrsbereich. Beim Verkehrsbereich gibt es einen klaren Verursacher für die schlechte Klimabilanz: Es sind die schweren SUVs, die sich zu einem echten Verkehrsschlager entwickelt haben. Und im Gebäudebereich fehlt es immer noch an der Sanierung und Dämmung von Altbauten. Auch hiermit lässt sich viel C02 einsparen. Die gute Neujahrsbotschaft ist also ein wenig getrübt. Aber entscheidend ist: Das Klimathema hat im letzten Jahr enorm an Schwung gewonnen. Heute ernten wir erste Erfolge der letzten Jahre. Die Kehrseite ist allerdings, dass sich im Verkehrsbereich nichts getan hat. Sogar im Gegenteil: Vor allem die gestiegenen Verkäufe der sogenannten SUVs haben die Emissionen in die Höhe getrieben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 07.01.2020 | 17:08 Uhr

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