Stand: 09.04.2020 10:31 Uhr

Coronavirus: Rufe nach Exit-Strategie werden lauter

Geschlossene Schulen und Geschäfte, Verbot von Sport- und Kulturveranstaltungen und strenge Kontakt-Regeln: Die Einschränkungen für den Alltag der Menschen in der Corona-Krise sind drastisch. Und auch wenn Politiker, Virologen und andere Experten nahezu geschlossen zu den Maßnahmen stehen und diese für notwendig halten, mehren sich doch die Stimmen, die eine Perspektive fordern. So bekundete unter anderem der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) die Hoffnung auf eine schrittweise Lockerung der Auflagen nach Ostern. Klar ist allerdings schon jetzt: Eine vollständige Rückkehr zur Normalität wird es nach Ostern noch nicht geben.

Tschentscher: Schrittweises Konzept ist wahrscheinlich

"Schrittweise" lautet das entscheidende Wort in dieser Diskussion. So ist unter anderem Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) der Ansicht, dass die Einschränkungen wohl nur nach und nach aufgehoben werden können. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir ein schrittweises Konzept verfolgen werden. Aber wann das gestartet werden kann und wie man die Abfolge der Maßnahmen dann festlegt, das bleibt wirklich der Diskussion vorbehalten, die wir nach Ostern führen", sagte Tschentscher. Die Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollen sich am Mittwoch nach den Feiertagen in einer Telefonkonferenz über das weitere Vorgehen austauschen.

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Spahn: Müssen Perspektive aufzeigen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erteilte einer vollständigen Rückkehr in die Normalität nach Ostern eine Absage. Angesichts erster Erfolge bei der Eindämmung des Coronavirus hält aber auch der Gesundheitsminister vorsichtige Schritte aus dem staatlich angeordneten Stillstand nach den Osterferien für möglich. Sollte die Entwicklung bei den Infektionszahlen anhalten, "werden wir mit den Ministerpräsidenten über eine schrittweise Rückkehr zur Normalität nach den Osterferien reden können", sagte der CDU-Politiker dem "Handelsblatt". In einem freiheitlichen Rechtsstaat könnten weitreichende Einschränkungen von Grundrechten nur so lange funktionieren, wie sie verstanden und akzeptiert würden. Deshalb sei es nicht nur wichtig, das Handeln gut zu begründen, sondern auch eine Perspektive aufzuzeigen.

Intensivmediziner Kluge: Man muss langsam mal anfangen

Einige Wissenschaftler sprechen sich für eine baldige Abkehr von den strikten Beschränkungen aus. "Ich denke, dass im April definitiv eine Lockerung erfolgen muss", sagte der Leiter der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Stefan Kluge, am Mittwoch. Man müsse das sehr dosiert machen, mahnte er, aber "man muss langsam damit anfangen". Kluge sagte: "Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass die Kontaktsperre nicht monatelang aufrechterhalten werden kann."

Die Exit-Strategie könne aus seiner Sicht regional sehr unterschiedlich ausfallen. So habe etwa Bayern immer noch die höchste Covid-19-Infektionsquote in Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen sei sie am niedrigsten - und entsprechend könnte dort auch über einen früheren Schul-Neustart gesprochen werden.

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Kurswechsel hin zu einer Herdenimmunität?

Der Direktor der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik am UKE, Ansgar Lohse, sprach sich sogar für einen Kurswechsel bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie hin zur sogenannten Herdenimmunität aus. Da es auf die Schnelle keinen Impfstoff gegen das Coronavirus geben werde, müsse dabei einerseits die gefährdete Bevölkerung effektiver als bisher geschützt und andererseits zugelassen werden, "dass sich in der jüngeren Bevölkerung eine natürliche Immunität gegen das Virus entwickelt".

Die beschlossenen Einschränkungen seien eine "ungeheure Beanspruchung für die Gesellschaft", sagte Lohse in einem Interview des "Hamburger Abendblatts". "Und die Gefahr ist groß, dass die Akzeptanz bei zunehmender Dauer abnimmt."

Schwesig: Noch keine seriöse Aussage möglich

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) machte am Mittwoch auf NDR 1 Radio MV klar, dass es für eine Lockerung der Maßnahmen ihrer Meinung nach noch zu früh sei: "Wir haben uns vorgenommen, nach Ostern die Lage neu zu bewerten, uns anzuschauen, was dann vielleicht schon möglich ist." Einzelheiten könne sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht "seriös versprechen", meinte Schwesig.

Günther: Auf den Abstand kommt es an

Schleswig-Holsteins Regierungschef Günther hatte zuvor betont, dass es wichtig sei, "den Menschen eine Perspektive aufzuzeigen". "Die Schließung etwa von Restaurants und Cafés war auch deshalb nötig, weil der Abstand nicht eingehalten wurde - anfangs war auch nicht das Bewusstsein für die notwendigen Verhaltensregeln vorhanden", sagte Günther der Wochenzeitung "Die Zeit". "Das ist jetzt anders. Da, wo es räumlich möglich ist, den Abstand zu wahren, kann man Regelungen auch wieder lockern."

Niedersachsen hofft auf einheitliche Lösung

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hofft auf ein einheitliches Vorgehen der Bundesländer bei einer Lockerung der Beschränkungen, etwa bei einer Öffnung der Schulen. Zwar habe man in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedliche Situationen zum Beispiel, was die Zahl der Infektionen angehe, sagte der SPD-Politiker im ZDF-"Morgenmagazin". Dennoch wäre es sehr hilfreich, wenn die Länder "im gleichen Schritt in die gleiche Richtung gehen, dass da keine Verwirrung entsteht".

Reimann: Keine falschen Erwartungen wecken

Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) sieht in der Corona-Krise nach wie vor keinen Spielraum für Lockerungen. Auf NDR 1 Niedersachsen warnte sie davor, falsche Erwartungen zu wecken, dass es bald wieder in das alte Leben gehen könne. Alle müssten ihre Ostergewohnheiten umkrempeln und in diesem Jahr ein neues Fest feiern.

Mediziner: Kontaktsperren bis Mitte Juni

Auch nach Ansicht des Rostocker Tropenmediziners Emil Reisinger werden die Restriktionen zur Eindämmung der Corona-Pandemie noch weit über Ostern hinaus gelten. "Meine persönliche Meinung ist: Bis Mitte Juni werden wir Kontaktsperren und sonstige Maßnahmen haben, die die Infektion vermeiden helfen", sagte Reisinger im Gespräch mit dem NDR Nordmagazin. "Ab Mitte Juni werden wir langsam wieder zur Normalität zurückkehren."

Ärztekammer: Dieser Sommer wird anders

Dass es wohl auch auf längere Sicht keine Rückkehr zur vollständigen Normalität geben wird, machte allerdings der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, klar. "Ich glaube nicht, dass die Deutschen in diesem Sommer schon wieder Urlaubsreisen machen können", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Selbst bei einer schrittweisen Rückkehr in den Alltag werde die Pandemie das Land noch bis zum Sommer beschäftigen. "Darum glaube ich, dieser Sommer wird anders. Wir werden wohl nicht wie gewohnt ins Auto, in den Zug oder ins Flugzeug steigen und in die Ferien fahren."

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NDR Info | Aktuell | 09.04.2020 | 07:45 Uhr