Stand: 12.02.2020 14:14 Uhr

Felbermayr: Coronavirus könnte Wirtschaft stark schaden

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Gabriel Felbermayr ist Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

Wenn in China wegen des Coronavirus der Konsum zurückgeht, Fabriken geschlossen werden und Reisende zu Hause bleiben müssen, hat das auch Folgen für deutsche Autobauer, Mittelständler und Tourismusanbieter. NDR Info und das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus haben mit Gabriel Felbermayr, dem Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, über die Frage gesprochen, wie sich der Coronavirus-Ausbruch auf die Wirtschaft in Deutschland und der ganzen Welt auswirkt. Zur Erinnerung: Das SARS-Virus kostete die chinesische Wirtschaft vor 17 Jahren ein Prozent Wachstum.

Herr Felbermayr, wie sehr besorgt Sie der Coronavirus-Ausbruch mit Blick auf die Weltwirtschaft?

Gabriel Felbermayr: Potenziell ist das schon ein großer Einschnitt. China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und wenn da die Fabriken stillstehen, dann bedeutet das für die Weltwirtschaft weniger Wachstum und für den Welthandel weniger Handel. Das ist nicht gut, auch nicht für die deutsche Konjunktur.

Was erwarten Sie für die deutsche Wirtschaft?

Felbermayr: China ist mittlerweile der wichtigste Handelspartner für Deutschland. Es gibt kein Land, mit dem wir mehr Umsatz haben, Exporte und Importe zusammengerechnet. Insofern bedeutet eine Verlangsamung in China immer auch für uns volkswirtschaftliche Schäden. Die Bezifferung ist schwierig. Man kann aber davon ausgehen, dass ein Prozent weniger Wachstum in China bis zu 0,2 Prozentpunkte Wachstum in Deutschland kosten. Das klingt zunächst mal nicht wahnsinnig viel. Wenn man sich aber daran erinnert, dass wir im vergangenen Jahr immer wieder am Rande der Rezession gestanden haben, könnte das den Ausschlag geben, dass wir doch mal in die roten Zahlen rutschen könnten.

Wie wirkt sich der Coronavirus-Ausbruch am deutschen Aktienmarkt aus?

Felbermayr: Der deutsche Aktienmarkt zeigt sich in einer überraschend gesunden Verfassung. Wenn man den DAX ansieht, dann sehen wir keine großen Bremsspuren. Man muss schon ein wenig näher hinschauen. Da sieht man dann auch, dass Unternehmen, die viele Geschäfte mit China machen - zum Beispiel Daimler oder Volkswagen - deutliche Einbußen zu verzeichnen hatten. Die Lufthansa auch, weil natürlich die Reisetätigkeit zwischen Deutschland und China massiv leidet. Einzelne DAX-Unternehmen leiden also, aber der DAX selbst, der Leitindex der deutschen Börse, hat bisher unter dem Coronavirus noch nicht besonders gelitten.

Die Rohstoffpreise am Weltmarkt sinken. Könnte Deutschland davon profitieren?

Felbermayr: Potenziell profitiert Deutschland natürlich immer, wenn der Ölpreis sinkt, Kupfer billiger wird und so weiter. Allerdings ist die Schwankung immer recht hoch. Im vergangenen Jahr hat der Ölpreis zwischen 65 und 50 Euro pro 100 Liter geschwankt, jetzt sind wir bei 50. Noch sind wir nicht bei einem Level, wo man sagt, das wird jetzt in Deutschland zu einem Konjunkturfeuerwerk führen. Und was man auch nie vergessen darf: Die Länder, die diese Rohstoffe produzieren, werden durch sinkende Preise beschädigt. Dort sinkt dann auch die Nachfrage nach deutschen Gütern. Deswegen: Vorsicht an alle, die meinen, dass niedrige Rohstoffpreise per se und automatisch gut für die deutsche Volkswirtschaft seien.

Wovon hängt ab, wie schwerwiegend die Folgen durch den Coronavirus-Ausbruch für die Wirtschaft sind?

Felbermayr: Wie schwerwiegend der Coronavirus sein wird, hängt im Wesentlichen von zwei Dingen ab: Wie kann China das Virus eindämmen? Wie greifen die Maßnahmen, die schon ergriffen wurden? Und zweitens: Was kann China tun, um gegenzusteuern? Einerseits fiskalpolitisch durch mehr Staatsausgaben, neue Investitionen zum Beispiel oder Steuersenkungen. Oder andererseits auch geldpolitisch, indem die Notenbank Liquidität in den Markt pumpt, um die Liquidität anzuregen und über diesen Weg Investitionen anzuregen. Wie sehr das gelingt, steht in den Sternen. China ist heute sehr viel stärker verschuldet als früher und viele große Investitionsvorhaben sind schon mal getätigt worden. Das heißt, wir müssen mit Spannung erwarten, was wirtschaftspolitisch an neuen Stimuli umgesetzt werden kann.

Das Interview führte Barbara Jung

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NDR Info | NDR Info | 12.02.2020 | 16:00 Uhr