Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek über Booster: Biontech und Moderna gleich gut für über 30-Jährige

Stand: 23.11.2021 17:00 Uhr

Boostern wann und womit? Die politische Kommunikation zum Thema dritte Dosis sorgt für Verunsicherung. Die Virologin Sandra Ciesek hat eine gute Nachricht: Für über 30-Jährige sind die Impfstoffe von Biontech und Moderna gleich gut geeignet und wirksam.

von Ines Bellinger

Nach dem Booster dauere es zudem nur eine Woche, bis ein deutlich besserer Impfschutz aufgebaut ist, sagt Virologin Ciesek im NDR Info Podcast Coronavirus-Update. Das zeigten erste Untersuchungen aus den USA. Laut einer Biontech-Studie mit 10.000 Teilnehmern besteht sieben Tage nach der dritten Impfung mit dem mRNA-Vakzin wieder ein 95-prozentiger Schutz vor einer symptomatischen Erkrankung. Der Moderna-Impfstoff wirke nach Studiendaten mindestens genauso gut.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Ciesek im Corona-Podcast: Booster-Impfung, 2G-Plus, Hospitalisierungsrate (57 Min)

Biontech oder Moderna? Hauptsache Booster

"Wichtig ist, dass man sich boostern lässt", betont die Direktorin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt/Main. Mittlerweile gehe man davon aus, dass man ab 18 Jahren eine dritte Impfung braucht, um überhaupt ein vollständiges Impfschema zu haben. "Und ich kann nur raten, das zu nehmen, was da ist. Ob Biontech oder Moderna ist bei Leuten über 30 relativ egal."

Laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) wird Schwangeren und allen Menschen unter 30 in Deutschland Moderna ohnehin nicht angeboten, um das Risiko von Herzmuskelentzündungen zu senken. "Aber bei über 30-Jährigen besteht das erhöhte Risiko nicht. Da gibt es überhaupt keinen Grund, Moderna nicht zu nehmen."

Früher boostern? – Vergleichsstudien fehlen

Ob eine Booster-Impfung nach fünf oder sechs Monaten erfolgt, ist aus Cieseks Sicht weniger entscheidend. Ob eine Auffrischung schon nach drei Monaten sinnvoll sein könnte, müsste erst noch geklärt werden. "Man bräuchte dafür eine Vergleichsstudie nach drei Monaten und nach sechs Monaten. Aber dafür gibt es noch keine Daten."

Impfreaktionen ähnlich wie bei Erst- und Zweitimpfung

In der Biontech-Studie wurden auch Impfreaktionen nach Gabe der dritten Dosis untersucht. Ergebnis: Das Spektrum ist ähnlich wie bei der ersten und zweiten Impfung - von überhaupt keiner Reaktion bis zu Schüttelfrost und Fieber über ein, zwei Tage. Auch Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündungen wurden in der relativ kleinen Gruppe (10.000 Teilnehmer) nicht beobachtet. Es traten aber etwas mehr Lymphknotenschwellungen und -schmerzen (Lymphadenopathien) auf als nach Erst- und Zweitimpfung.

"Wir können die Zahlen nicht mehr ändern, das Kind ist in den Brunnen gefallen. Wir müssen nach vorn schauen und Konsequenzen ziehen, jeder auch in seinem persönlichen Umfeld, nicht nur in der Politik." Sandra Ciesek

Für nicht sinnvoll hält es die Virologin, vor einer Booster-Impfung die Zahl der Antikörper (Antikörpertiter) bestimmen zu lassen. Bislang ist kein eindeutiger Grenzwert für einen sicheren Immunschutz definierbar. Sie habe Menschen mit extrem hohen Titern gesehen, die sich trotzdem infiziert haben. "Antikörper sind nur ein ganz kleiner Teil der Immunantwort. Wir können im Labor nicht bescheinigen: Du wirst dich auf gar keinen Fall anstecken."

Die Probleme mit 2G und 2G-Plus

Mit Blick auf die dramatische Infektionslage wies Ciesek erneut auf Risiken bei 2G- oder 2G-Plus-Regelungen hin. "2G heißt nicht, dass man sich nicht anstecken kann. Natürlich steigt die Gefahr, je häufiger man große Veranstaltungen besucht, dass man das Virus mit nach Hause nimmt zur Großmutter oder zur schwangeren Freundin." Auch zusätzliche Antigentests bieten keine Sicherheit, weil nach Datenlage etwa die Hälfte der Infektionen übersehen wird. "Ein tagesaktueller PCR-Test wäre ideal, aber das ist kaum umsetzbar bei allen Veranstaltungen", sagt Ciesek.

Kontakte reduzieren, Veranstaltungen meiden

Der Rat der Virologin: Kontakte reduzieren und vor allem Veranstaltungen in Innenräumen meiden. Großveranstaltungen halte sie im Moment generell für nicht sinnvoll. "Wir können die Zahlen nicht mehr ändern, das Kind ist in den Brunnen gefallen. Wir müssen nach vorn schauen und Konsequenzen ziehen, jeder auch in seinem persönlichen Umfeld, nicht nur in der Politik."

Hospitalisierungsrate ein "Blick in den Rückspiegel"

Die viel kritisierte Hospitalisierungsrate, die nun als wichtigster Parameter für das Inkrafttreten jeweils strengerer Corona-Maßnahmen beschlossen wurde, hält auch Ciesek für nicht geeignet zur Beurteilung der Pandemie-Lage. Bei der Zahl der binnen einer Woche ins Krankenhaus eingewiesenen Covid-19-Patienten pro 100.000 Einwohner entstünde durch Meldeverzug und große regionale Unterschiede eine Verzerrung.

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Zudem würden viele Patienten auch nicht schon binnen einer Woche in Kliniken aufgenommen, sondern später. "In Sachsen lag die Hospitalisierungsrate in der vergangenen Woche bei 4,39 - das passt ja nicht zu den Geschehnissen dort", sagt Ciesek. Die Hospitalisierungsrate sei zudem ein "Blick in den Rückspiegel", bei Erreichen von Schwellenwerten sei es bereits zu spät zum Gegensteuern.

0,8 Prozent der Neuinfizierten landen auf der Intensivstation

Viel wichtiger sei in ihren Augen die Korrelation zwischen der Zahl der Neuinfektionen und der Zahl der Neuaufnahmen auf Intensivstationen. "Man geht davon aus, dass ungefähr 0,8 Prozent der Menschen mit Neuinfektionen auf der Intensivstation behandelt werden müssen."

Zu einer allgemeinen Impfpflicht wollte sich Ciesek nicht äußern, dies sei eine gesellschaftspolitische Frage. Eine klare Haltung hat sie zum Impfschutz in medizinischen und pflegerischen Berufen: "Wenn jemand in so einem Beruf arbeitet und die Verantwortung hat für Kranke oder für sehr alte Menschen, gehört das für mich dazu. Es ist unabdingbar, dass ich die, die ich betreue, schütze."

EMA-Zulassung für Kinder-Impfstoff wird erwartet

Die Corona-Statistiken zeigen, dass seit dem Ende der Herbstferien in vielen Landkreisen die Inzidenz bei den 5- bis 14-Jährigen stark gestiegen ist. In Europa sind die Impfstoffe von Biontech und Moderna derzeit erst ab zwölf Jahren zugelassen, in den USA wird Biontech schon seit Wochen auch an jüngere Kinder verimpft.

Es wird erwartet, dass die europäische Arzneimittelbehörde das Biontech-Vakzin noch in dieser Woche auch für Kinder ab fünf Jahren zulässt. "Alle, die dringend darauf warten, können ihre Kinder dann bereits impfen lassen", stellt Ciesek klar. Die Stiko-Empfehlung werde vermutlich auf sich warten lassen, weil sie den wissenschaftlichen Mehrwert für Kinder beurteile - also ob die Impfung bei einer Altersgruppe mit besonders niedrigem Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, für jedes Kind sinnvoll ist. "Die Daten aus den USA werden dabei helfen, das besser zu beurteilen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 23.11.2021 | 17:00 Uhr

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