Eine Frau testet eine andere Frau auf Corona © imago images Foto: Laci Perenyi

Als das Coronavirus nach Deutschland kam

Stand: 27.01.2021 11:20 Uhr

Vor einem Jahr waren viele Deutsche vielleicht im Skiurlaub, zu Hause bei den Eltern oder mit Freunden feiern. Sehr sicher trugen sie dabei keine Maske. Ein Jahr später mutet das fast surreal an. Am 27. Januar 2020 wurde der erste Corona-Fall in Deutschland gemeldet.

von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio

"Wegen der Ausbreitung des Coronavirus sollen Deutsche aus China ausgeflogen werden."
Tagesschau vom 27. Januar 2020

Reisende tragen als Schutzmaßnahme gegen die Verbreitung des Corona-Virus Mundschutz, während sie in einem Wartezimmer am Pekinger Westbahnhof sitzen. © dpa bildfunk/AP Foto: Mark Schiefelbein
Schon im Januar 2020 sind Masken bei Flugreisenden ein fast gewohntes Bild.

Auch die Tagesschau vom 27. Januar 2020 kann nicht hellsehen: Das Coronavirus kommt in der Berichtsreihenfolge erst an fünfter Stelle. Es wütet in China. Weit weg. Und die Experten wie Lothar Wieler vom Robert Koch-Institut beschwichtigen. Fürs Erste. "Wir haben bislang lediglich Zahlen von Fällen und Todesfällen und wenn wir von diesen Zahlen ausgehen, dann können wir nicht davon ausgehen, dass das Virus viele schwere Erkrankungen macht - zurzeit, sagt Wieler damals.

Mann aus Bayern steckt sich bei chinesischer Kollegin an

Vor einem Jahr ist die Lage tatsächlich noch überschaubar: 4.560 Fälle sind registriert, circa 100 Tote gezählt. Weltweit. Auch die Tagesschau weiß an diesem Abend noch nicht, was am nächsten Tag die Schlagzeilen bestimmen wird: Deutschland hat seinen ersten Corona-Fall - in Bayern. Ein 33-jähriger Mann hat sich während einer Fortbildung bei einer chinesischen Kollegin angesteckt. Andreas Zapf, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, teilt mit: "Es erscheint uns sinnvoller, dass er jetzt klinisch überwacht wird." Die bayerischen Behörden reagieren schnell: Quarantäne, Abschottung.

Deutschland schlägt sich zunächst gut

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) lässt den Luftraum besonders überwachen - aber all das hilft nichts. Corona lässt sich nicht stoppen. "Das Virus ist in Europa angelangt, es ist da", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 11. März. Am gleichen Tag ruft die Weltgesundheitsorganisation eine Pandemie aus. Sie verschont Deutschland nicht, das sich zunächst gut schlägt, weil schnell harte Maßnahmen getroffen werden. Am 16. März werden bis auf die Supermärkte fast alle Geschäfte, Schulen, Kitas geschlossen.

Merkel: "Es ist ernst"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht an zwei Polizisten vorbei. © dpa-pool Foto: Federico Gambarini
Kanzlerin Merkel appelliert an die Bevölkerung, das Virus ernst zu nehmen.

Die Kanzlerin, eine Naturwissenschaftlerin, ist höchst besorgt. In einer Fernseh-Ansprache wirbt sie um Vertrauen: "Es ist ernst - nehmen Sie es auch ernst!" Der Appell fruchtet. An Ostern wird Distanz geübt. Es gelten eine weltweite Reisewarnung, Kontaktbeschränkungen, AHA-Regeln. Die Menschen werden aufgefordert, Masken zu tragen. Mittlerweile weiß man: Das hilft. Auch wenn die Infektionszahlen weltweit rasant steigen - Deutschland steht im Vergleich zu anderen Staaten deutlich besser da: mit täglich knapp 7.000 Neuinfektionen Anfang April. Milliarden-Hilfen werden gewährt, um die Wirtschaft vor einem Kollaps zu bewahren.

Eingeschränkte Grundrechte

Die Maßnahmen wirken. Ein erster Zwischenerfolg, sagt die Kanzlerin nach der Konferenz mit den Regierungschefs der Bundesländer am 15. April, aber: "es ist ein zerbrechlicher Zwischenerfolg", der zu Lockerungen führt: Geschäfte öffnen, der nahende Sommer tut sein Übriges. Die Zahlen bleiben niedrig. Aber das Virus bleibt auch. Die Bundesregierung will vorsorgen. Sie ändert das Infektionsschutzgesetz - schränkt noch mehr Grundrechte ein. Allerdings nur, solange die Pandemie währt.

Demos und Widerstand gegen Corona-Beschränkungen

Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen auf den Stufen zum Reichstagsgebäude in Berlin, zahlreiche Reichsflaggen sind zu sehen. © dpa bildfunk/NurPhoto Foto: Achille Abboud
Demonstranten drängen im August in Richtung Reichstag.

Nicht alle wollen das klaglos hinnehmen, es finden Demonstrationen gegen die Maßnahmen statt. Die Teilnehmer wollen nicht akzeptieren, dass ihre Grundrechte eingeschränkt werden. Es wird zum Widerstand aufgerufen. Ende August eskaliert eine Demonstration in Berlin: Rechtsextreme und Corona-Leugner stürmen Richtung Reichstagsgebäude. Sie werden nur mit Mühe davon abgehalten einzudringen.

Emotionaler Appell der Kanzlerin

Mit dem Ende des Sommers steigt die Zahl der Neuinfektionen kontinuierlich. Sie erreichen in der Spitze über 30.000. Viele stellen sich die Frage: Was ist mit Weihnachten? Die Kanzlerin wird in ihrer Regierungserklärung Ende November ganz ungewöhnlich emotional: "Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und anschließend es das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben." Ein zweiter Lockdown tritt noch vor Weihnachten in Kraft. Der Winter werde hart, so schwört die Kanzlerin die Bürgerinnen und Bürger ein, de langsam Corona-müde sind.

Spahn: "Es ist noch nicht vorbei"

Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, spricht bei einer Pressekonferenz. © dpa bildfunk Foto: Michael Kappeler
Hofft auf die Impfungen: Bundesgesundheitsminister Spahn.

Mittlerweile sind wenigstens Impfstoffe gefunden und zugelassen. Zunächst sollen Menschen über 80 Jahren in Pflege- und Altenheimen geimpft werden. Noch hapert es bei der Impfstoff-Beschaffung/-Produktion - auch wenn Bundesgesundheitsmininster Spahn verspricht: "Das Ziel ist tatsächlich, dass wir bis zum Sommer jedem ein Impfangebot machen können." Ein Angebot. Kein Zwang. Auch wenn die Zahlen sinken: Es drohen neue Gefahren, wohl deutlich ansteckendere Virus-Mutationen sind auf dem Weg. Ein Jahr - und 50.000 Tote - später ist die Gefahr längst nicht gebannt. Spahn sagt: "Es ist noch nicht vorbei. Auch nach einem Jahr nicht. Obwohl wir es uns alle wünschten."

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NDR Info | Aktuell | 27.01.2021 | 07:48 Uhr

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