Stand: 22.03.2018 20:05 Uhr

Stickoxid-Belastung offenbar größer als bekannt

Bei der Belastung mit Stickoxiden steht der Norden verglichen mit anderen Regionen in Deutschland vergleichsweise gut da. Das ist der erste Eindruck, den man auf einer neuen Landkarte der Deutschen Umwelthilfe bekommt. Die Karte wurde am Donnerstag vorgestellt - sie soll erstmals auf einen Blick zeigen, wo die Belastung mit Stickstoffdioxid (NO2) besonders groß ist. Doch schaut man etwas genauer hin, ergibt sich auch für Norddeutschland ein erschreckendes Bild: Offenbar gibt es weit mehr Orte, an denen die Grenzwerte für das giftige Gas erreicht werden, als bisher bekannt.

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Deutsche Umwelthilfe prangert hohe NO2-Werte an

Auf einer interaktiven Landkarte zeigt die Deutsche Umwelthilfe Orte mit hoher Stickoxidbelastung durch Autoabgase. Dabei hat der Verein bereits Bekanntes durch eigene Messungen ergänzt extern

Statt vier nun 13 betroffene Stellen in Hamburg?

Beispiel Hamburg: Nach offizieller Lesart gibt es in der Hansestadt vier Messpunkte, an denen mehr als 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft erreicht werden. Das ist der in der EU geltende Grenzwert für Stickstoffdioxid, welches vor allem durch Abgase von Dieselfahrzeugen entsteht. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat im Februar 2018 jedoch an neun weiteren Orten in Hamburg höhere Werte gemessen: Zu den bereits bekannten stark belasteten Punkten wie etwa an der Stresemannstraße und der Max-Brauer-Allee in Altona kamen ganz neue hinzu - beispielsweise die Moorstraße in Harburg, die Winsener Straße in Wilstorf, der Sievekingsdamm in Hamm und der Schulweg in Eimsbüttel. An sieben weiteren Stellen kamen die Messwerte der DUH dem EU-Grenzwert bedrohlich nahe - beispielsweise in der Fuhlsbüttler Straße in Barmbek und in der Karolinenstraße in St. Pauli.

Etliche neue NO2-Brennpunkte im Norden entdeckt

Auch in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen ließ die DUH im Februar die Stickoxid-Belastung messen. Dabei wurden in Niedersachsen zwar keine neuen Grenzwert-Überschreitungen festgestellt, wohl aber etliche neue Brennpunkte. In Schleswig-Holstein waren die "Sorgenkinder" Kiel und Neumünster zwar ebenfalls bereits bekannt. In Kiel machte die DHU aber weitere Orte aus, wo die Messungen beinahe den Grenzwert reichten. Außerdem wurden unter anderem in Ahrensburg, Itzehoe, Elmshorn und Lübeck Werte knapp unter dem Grenzwert gemessen. Nur in Mecklenburg-Vorpommern ergaben sich auch nach den neuen Messungen der DUH bisher keine Orte, wo der NO2-Grenzwert überschritten wird.

Hamburgs Umweltbehörde stellt Messmethode in Frage

Die Umweltbehörde in Hamburg sieht die Messungen der DUH kritisch: "Die Messreihe ist nur wenig aussagekräftig und allenfalls eine Ergänzung zu den Daten des Hamburger Luftmessnetzes", sagt Behördensprecher Jan Dube. Ein Problem sei, dass die Daten nur über 28 Tage erhoben wurden. "Würde man über ein ganzes Jahr lang messen, dürften die Werte nah an den Jahresmittelwerten der offiziellen Luftmessstationen liegen." Außerdem seien sogenannte Passivsammler eingesetzt worden. Bei diesen mobilen Geräten komme es sehr auf die Positionierung an, das könne das Messergebnis verändern, so die Einschätzung der Umweltbehörde.

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Auch Hermann Kruse, Toxikologe an der Kieler Christian-Albrechts-Universität, geht davon aus, dass die "Passivsammlung" nicht so genaue Ergebnisse bringt wie stationäre Messstationen. "Es ist aber grundsätzlich eine gute Methode, um sich Überblick zu verschaffen." Wenn man es ordentlich mache, würden sich die Messergebnisse nicht groß unterscheiden. Kruse sagt, er sei nicht verwundert, dass bei der Messung der DUH so viele neue Stickoxid-Brennpunkte entdeckt wurden: "Das habe ich mir schon immer gedacht. Es sind ja nicht nur die Stellen belastet, wo Messstationen stehen", meint der Experte für gefährliche Stoffe.

Experte: "Stickstoffdioxid ist ein extrem starkes Atemwegsgift"

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Der Kieler Toxikologe Hermann Kruse fordert eine Senkung des NO2-Grenzwertes

Kruse unterstützt die Forderung der Deutschen Umwelthilfe, den Grenzwert für die Stickoxid-Belastung zu senken: "Stickstoffdioxid ist ein extrem starkes Atemwegsgift. Außerdem schädigt es das Immunsystem. Und es führt zu Befindlichkeitsstörungen wie Kopfschmerzen und geistiger Ermüdung." Vor zehn Jahren habe der Grenzwert noch bei 80 Mikrogramm gelegen. Aufgrund neuer Erkenntnisse sei er dann auf 40 Mikrogramm reduziert worden. "Aber auch das ist meines Erachtens kein Vorsorgewert. Sinnvoller wäre 20 Mikrogramm. Für sensible Menschen beginnen da schon die Schäden." Dabei sei die Stickoxid-Belastung dort am größten, wo man den Auspuffrohren der Autos besonders nahe kommt. "Zum Beispiel Babys in Kinderwagen oder Radfahrer. Aber auch in Wohnhäusern an viel befahrenen Straßen fänden sich noch hohe Werte. "Und sicher auch in Pkw-Innenräumen." Vor allem gefährdet seien Asthmatiker, erklärt der Toxikologe.

Hamburg will an Luftreinhalteplan festhalten

Das Umweltbundesamt legte kürzlich Zahlen vor, wonach jährlich mehrere Tausend Menschen in Deutschland aufgrund der Stickoxidbelastung vorzeitig sterben. Das Bundesverwaltungsgericht entschied Ende Februar, dass Städte auf bestimmten Strecken Durchfahrtsverbote für Dieselfahrzeuge mit schlechten Abgaswerten verhängen dürfen. Hamburgs Umweltbehörde kündigte dies für zwei Straßenabschnitte in der Hansestadt an. Dass die Maßnahmen nun aufgrund der neuen Messungen noch ausgeweitet werden müssten, glaubt Sprecher Dube nicht. "Wir haben einen Luftreinhalteplan mit Dutzenden von Maßnahmen, die die Belastung stadtweit senken werden. Unser Luftreinhalteplan zeigt den Weg, wie und bis wann wir an allen Stellen in der Stadt die Grenzwerte einhalten." Ohnehin seien in Hamburg schon vor der Veröffentlichung der DUH-Landkarte auch andere Messergebnisse bekannt gewesen: "Ergänzend zu den Werten der 15 festen Messstationen wurden von der Stadt auch orientierende Messungen mit Passivsammlern gemacht, aber an anderen Stellen als die, die die DUH gemessen hat. Diese Messungen sind in die Luftreinhalteplanung eingeflossen."

Stickoxid ist gefährlich - aber Feinstaub ist schlimmer

Der Kieler Toxikologe Kruse sieht Diesel-Fahrverbote kritisch, weil sie zunächst die Verbraucher träfen und nicht die Verursacher - die Fahrzeugindustrie. "Man sollte die Verantwortung nicht abwälzen. Aber vermutlich ist es das Einzige was hilft."

Kruse gibt zu Bedenken, dass die Kritik an der hohen Stickoxid-Belastung zwar berechtigt sei. "Aber viel gefährlicher ist der Feinstaub. Da liegen die Zahlen der vermeidbaren Todesfälle noch weit höher."

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NDR Info | Aktuell | 22.03.2018 | 18:15 Uhr

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