Stand: 02.08.2019 16:23 Uhr

Kontrastmittel bitte nur, wenn man sie braucht

Radiologen können durch Kontrastmittel hohe Zusatzeinkommen erwirtschaften. Das gehe auf Kosten der Allgemeinheit und möglicherweise auch der Gesundheit der Patienten, kritisiert Markus Grill in seinem Kommentar.

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Werden Kontrastmittel unnötig eingesetzt? Das wäre schlimm, meint Kommentator Markus Grill.

Es gibt gute Gründe dafür, dass Ärzte keinen finanziellen Vorteil erhalten sollen, wenn sie einem Patienten ein Medikament geben. Denn Ärzte sollten ihre Entscheidungen nach medizinischen Kriterien treffen - und nicht nach finanziellen. Bei Röntgenärzten ist das offenbar ein bisschen anders. Sie können davon profitieren, wenn ihre Patienten ein Kontrastmittel bekommen. Fünf Bundesländer, darunter auch Hamburg und Niedersachsen, zahlen den Radiologen eine Pauschale fürs Kontrastmittel. Die Idee dahinter: Die Pauschale soll dem Arzt den Preis erstatten, den er beim Einkauf des Kontrastmittels bezahlt. Aber zu welchem Preis kauft er tatsächlich ein? NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung haben jetzt herausgefunden, dass Ärzte zum Beispiel MRT-Kontrastmittel für 800 Euro pro Liter einkaufen, und die Kasse ihnen dafür 4.000 Euro erstattet.

Zehntausende Euro pro Jahr zusätzlicher Gewinn

Ein einziger Radiologe kann auf diese Weise 90.000 Euro Gewinn pro Jahr machen - mit jedem MRT- oder CT-Gerät, das er hat. Warum machen die Kassen das mit? Die AOK Rheinland/Hamburg antwortet, sie wisse ja nicht, zu welchen Preisen die Radiologen die Mittel einkaufen und ob sie Gewinn machen. Das glaube ich nicht. Denn es gibt mehrere AOKs, die Ausschreibungen durchführen, bei denen der günstigste Pharmahersteller den Zuschlag bekommt - und diese Krankenkassen können den Liter Kontrastmittel für weniger als 1.000 Euro einkaufen.

Geld fehlt an anderer Stelle

Aber was ist schlimm daran, dass die Radiologen ein paar Zehntausend Euro nebenher verdienen, könnte man fragen. Zwei Dinge sind daran schlimm: Dass das Geld an anderer Stelle im Gesundheitswesen fehlt, also etwa bei todkranken Patienten, die zu Hause versorgt werden möchten. Noch schlimmer ist aber etwas anderes: Eine bisher interne Auswertung des Radiologienetzwerks Deutschland legt nahe, dass ausgerechnet jene Radiologen, die finanziell von der Kontrastmittelgabe profitieren, deutlich mehr Kontrastmittel einsetzen als jene Ärzte, die dafür kein Geld bekommen.

Pauschalen sind für Kassen bequemster Weg

Kontrastmittel sind aber keine harmlosen Mittel. Sie sind zwar medizinisch wichtig, können aber Nebenwirkungen haben und sollten daher nur eingesetzt werden, wenn man sie auch wirklich braucht. Pauschalen sind für die Krankenkassen der bequemste Weg. Darüber freuen sich die Radiologen und machen keinen Ärger. AOK-Chefs aber, die den bequemsten Weg gehen wollen, wenn es um die Beiträge ihrer Versicherten geht oder deren Gesundheit, handeln verantwortungslos.

Ein Tropf mir einer aufgehängten Flasche Kontrastmittel in der Radiologie. © NDR

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 02.08.2019 | 17:08 Uhr

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