Stand: 15.10.2019 12:20 Uhr

EU-Fangquoten: Kritik von Fischern und Umweltschützern

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Die Herings-Fangmenge in der westlichen Ostsee soll um 65 Prozent gesenkt werden.

Die Ostsee-Fischer müssen sich im kommenden Jahr auf Einschränkungen einstellen. Die erlaubten Fangmengen für Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee werden deutlich gesenkt. Der Deutsche Fischerei-Verband befürchtet, dass viele Betriebe an der Ostseeküste die geplanten Kürzungen nicht mehr verkraften und pleite gehen. Bei einem Treffen der EU-Fischereiminister wurde beschlossen, dass die erlaubte Fangmenge beim Hering um 65 Prozent und beim Dorsch um 60 Prozent gesenkt werden. Zunächst waren noch striktere Kürzungen im Gespräch.

Das Aus für die Ostsee-Fischerei?

Einige Betriebe stünden damit vor dem Aus, erklärt der stellvertretende Vorsitzende des Landesfischereiverbandes Schleswig-Holstein, Benjamin Schmöde. "Es ist eine absolut belastende Situation für die Betriebe, ich rechne persönlich schon damit, dass im kommenden Jahr weitere zehn bis 15 Fischerei-Betriebe in Schleswig-Holstein aufgrund der Quoten-Entscheidung aufgeben", so Schmöde. Diese Arten seien die Haupteinnahmequellen der Fischer an der Ostsee. In Schleswig-Holstein sind von den verringerten Quoten 206 Haupterwerbsfischer betroffen, in Mecklenburg-Vorpommern 237.

Die Quotenreduzierungen würden "drastische Folgen" für die Fischerei haben, sagte der Vorsitzende der Freester Fischereigenossenschaft, Michael Schütt, NDR 1 Radio MV. Einige Fischer hätten bereits angekündigt, ihre Arbeit bis Ende des Jahres einzustellen.

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EU will Hilfsmöglichkeiten prüfen

Es seien schwierige aber notwendige Entscheidungen gewesen, sagte EU-Fischereikommissar Karmenu Vella nach der Einigung. Es werde ernste kurzfristige Wirtschaftsfolgen für einige Fischer geben. Daher sollten Hilfsmöglichkeiten geprüft werden.

Zum ersten Mal gebe es auch eine schriftliche Erklärung der Ostsee-Staaten, weitere Ursachen für den schlechten Zustand der Dorschbestände anzugehen, so Vella. Dazu zählten etwa Verschmutzungen und Lebensraumverschlechterungen durch Industrie und Landwirtschaft.

Schärfere Auflagen auch für Freizeitangler

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Auch Freitzeitangler dürfen in Zukunft weniger Dorsch fangen.

Freizeitangler dürfen künftig nur noch fünf statt sieben Dorsche pro Tag aus dem Wasser ziehen. Im Februar und März sollen es nur zwei sein. In Luxemburg war von schwierigen aber notwendigen Entscheidungen die Rede, da viele Fischbestände in einem alarmierenden Zustand seien. Davon sind auch Angelkutter, Bootsvermieter und Angelgeschäfte betroffen, sie müssen laut Fischerei-Verband mit Umsatzverlusten rechnen.

Umweltschützer fordern absolute Fangverbote

Umweltschützern gehen die reduzierten Fangquoten allerdings nicht weit genug. Für den Dorsch in der östlichen Ostsee sei ein absolutes Fangverbot nötig, um den dezimierten Bestand zu retten, teilte die Meeresschutzorganisation Oceana mit. Auch für den westlichen Hering müsse ein Fangverbot verhängt werden, um gravierende Folgen zu verhindern. Die Reduzierungen beim westlichen Dorsch seien hingegen zu begrüßen, erklärte Oceana-Europadirektorin Pascale Moehrle.

Klimawandel und Überfischung gefährden Bestände

Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock, sieht den Klimawandel und die damit einhergehende Erwärmung der Ostsee maßgeblich als Ursache für rückläufige Entwicklung der Heringspopulation. Beim Dorsch, vor allem in der westlichen Ostsee, lägen die Gründe jedoch anders. "Der wurde jahrelang kräftig überfischt", so Zimmermann. Ihm reicht das geltende Fangverbot für Dorsche aus der östlichen Ostsee noch nicht aus. "Der Dorschbestand erholt sich nicht, selbst wenn man die Fischerei für die nächsten fünf Jahre schließt", sagte er. Da fast immer Dorsch als Beifang in den Netzen der Schwarmfischerei - Heringe und Sprotten - landen würde, müsste man zwischen Rügen und Helsinki ganz auf die Fischerei verzichten. Die Wissenschaftler des Thünen-Instituts sehen in der jetzigen Situation aber auch eine "Chance zur notwendigen Gesundschrumpfung", um künftig nachhaltig mit der natürlichen Ressource Ostseefisch umzugehen.

WWF: Ökosystem Ostsee muss geschützt werden

Ähnlich äußerte sich der WWF. Die negativen Folgen der Klimakrise seien für die Bestände von Dorsch und Hering sichtbar, hieß es von der Naturschutzorganisation. Da die Laichgründe in schlechtem Zustand seien, pflanzten sich die Fische weniger erfolgreich fort. "Nur wenn der Druck auf das Ökosystem Ostsee als Ganzes drastisch vermindert wird, gibt es eine Chance, dass es mit zunehmender Klimakrise nicht zu einem Kollaps des Systems kommt", sagte WWF-Fischerei-Expertin Stella Nemecky.

Gesamtfangmengen werden jährlich festgelegt

Die EU-Fischereiminister legen in jedem Jahr die sogenannten zulässigen Gesamtfangmengen fest. Die EU-Kommission macht dafür Vorschläge auf der Grundlage wissenschaftlicher Empfehlungen, in denen der Zustand einzelner Bestände untersucht wird. Ein Bestand ist eine Fischart in einem bestimmten Gebiet. Die Gesamtfangmengen werden unter den EU-Staaten dann als nationale Quoten verteilt. Wenn das in einer Quote erlaubte Kontingent ausgeschöpft wurde, darf das jeweilige Land dort vorübergehend keine Fische mehr fangen. Grundsätzlich geht es darum, eine Balance zwischen dem Schutz der Bestände und den Interessen und Bedürfnissen der Fischfangindustrie zu finden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.10.2019 | 12:00 Uhr

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