Stand: 14.09.2018 10:54 Uhr

Das intellektuelle Versagen der Ökonomen

von Lena Gürtler, NDR Info Wirtschaftsredaktion
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Immer mehr Wirtschaftsstudenten fordern mehr Vielfalt und klagen über althergebrachte Studieninhalte.

Die Finanzkrise erschütterte weltweit die Finanz- und Wirtschaftswelt - doch für dieses Beben gab es keine warnenden Seismologen: Die meisten Wirtschaftswissenschaftler hatten die Krise nicht kommen sehen. Hat dieses Versagen die Volkswirtschaftslehre verändert? NDR Info Reporterin Lena Gürtler hat darüber mit einem Professor und Studierenden in Lüneburg gesprochen.

Klimawandel wird komplett ausgeklammert

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Die Finanzkrise von 2008 jährt sich Mitte September zum zehnten Mal. Könnte sich ein derartiger Crash heute wiederholen? Hat man dazugelernt? Ist jetzt alles besser?

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Das Plakat, über das sich die Wirtschaftsstudenten der Leuphana Universität in Lüneburg beugen, wurde schon oft ge- und entfaltet. Begriffe wie Nutzen, Präferenz und Individuum stehen darauf. Verbunden mit Pfeilen, Strichen und Fragezeichen. Was wie das Ergebnis eines Seminars aussieht, ist aber außerhalb ihres regulären Studiums entstanden. Als es in einer Vorlesung um den Kapitalbegriff ging, hatte Studentin Kristin Langen gefragt, welche Rolle eigentlich Themen wie Umwelt oder Klimawandel dabei spielen. Die Antwort des Professors war: "Dass die Begrenzung natürlicher Ressourcen zu komplex sei, um in einem Modell erfasst zu werden und hier keine Rolle spielen kann. Gleichzeitig haben wir diesen Sommer eine wahnsinnige Hitzewelle erlebt und der Klimawandel steht vor der Tür. Mir leuchtet überhaupt nicht ein, dass so etwas wie der Klimawandel nicht Teil von Wirtschaftsvorlesungen ist."

Studenten fordern mehr Vielfalt und Realitätsbezug

Frustriert von den stark vereinfachten Modellen im VWL-Studium tat sich Kristin Langen mit anderen Kommilitonen zusammen. Sie gründeten die Initiative MÖVE: Eine Abkürzung für "Mehr ökonomische Vielfalt erreichen". Mehr Vielfalt, das heißt für sie vor allem über die neoklassischen Theorien hinauszugehen, die noch immer das deutsche VWL-Studium bestimmen. In diesen Modellen treffen vernünftige Individuen optimale wirtschaftliche Entscheidungen. Märkte streben immer zum Gleichgewicht. Doch das reicht Henri Schneider, einem der Studenten, nicht als alleinige Grundlage: "Wichtig wäre, sich erst einmal zu fragen, ob diese Annahmen die Realität in einem adäquaten Maß beschreiben können. Und dann geht's darum Alternativen zu entwickeln. Das ist auch Ziel der pluralen Ökonomik. Wir wünschen uns einen Wettbewerb unter den Theorien. Der findet eigentlich so nicht statt."

xxx © Colourbox Fotograf: Sergey Nivens

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Wirtschaftslehren nicht mehr zeitgemäß

So erleben es Henri Schneider und die anderen von MÖVE im sehr kleinen Lüneburger VWL-Studiengang. Doch der Befund ist nicht von der Hand zu weisen, bestätigt auch Professor Moritz Schularick. Er ist Makroökonom an der Universität Bonn, mit einer der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten des Landes: "Die jetzigen Studienordnungen stammen noch aus einer Zeit, als dieses Umdenken in der Volkswirtschaftslehre noch nicht stattgefunden hat. Zumindest, was das Grundgerüst angeht.

Zu diesem Umdenken hatte schon 2008 die englische Queen aufgerufen. Sie fragte damals die versammelten Wirtschaftswissenschaftler der renommierten London School of Economics mit Blick auf die Finanzkrise, die gerade Banken und ganze Volkswirtschaften erschütterte: Warum eigentlich hat das niemand kommen sehen? Schularick war zwar nicht dabei, aber er meint: "Die Antwort, die damals der Queen gegeben wurde, ist weiterhin die richtige. Ein kollektives Versagen in Bezug auf Vorstellungskraft, was so alles schiefgehen kann in einer Volkswirtschaft."

Umdenken in der Forschung hat stattgefunden

In der Forschung allerdings habe seit der Finanzkrise ein Umdenken stattgefunden, sagt Schularick. Er ist das beste Beispiel dafür. Seine Arbeiten sind viel zitiert und alles andere als klassische VWL. Mit historischer Forschung analysiert Schularick Finanzkrisen. Ein Ansatz, von dem die Bachelor-Studenten in Lüneburg auch gern in ihrem Studium mehr hören würden. Im vergangenen Semester hat MÖVE eine Vorlesungsreihe zu "Zehn Jahre Finanzkrise" organisiert: gut besucht - nur nicht von ihren VWL-Professoren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 14.09.2018 | 06:38 Uhr

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