CD-Cover: Piotr Anderszewski - Bach: Das Wohltemperierte Klavier II © Warner Classics

Piotr Anderszewski spielt Bachs Wohltemperiertes Klavier

Stand: 25.02.2021 15:59 Uhr

Piotr Anderszewskis neueste CD-Aufnahme ist die Einspielung des zweiten Bandes von Bachs Wohltemperiertem Klavier, bei der der polnische Pianist einen eigenwilligen Weg geht.

von Chantal Nastasi

Als "besonderen Zeitvertreib“ soll Johann Sebastian Bach sein Wohltemperiertes Klavier beschrieben haben, der Pianist Hans von Bülow bezeichnete es einmal als "das Alte Testament eines jeden Klavierspielers". Ein Werkzyklus, in dem sich Bach alle Tonarten zunutze machte, 24 Präludien- und Fugenpaare in chromatischer Abfolge komponierte und damit zeigte, wie man mit der damals neuen wohltemperierten Stimmung der Tasteninstrumente umgehen könnte.

VIDEO: Piotr Anderszewski und das Klavier (43 Min)

Piotr Anderszewski entwirft einen eigenen Zyklus

Den ersten Band stellte Bach 1722 fertig, weitere 24 Paare für einen zweiten Band entstanden fast 20 Jahre später, zwischen 1738 und 1742. Oft genug hört man in Konzerten einzelne Präludien und Fugen als Extrakt dieses Zyklus‘. Für Piotr Anderszewski sind sie Charakterstücke, ganz unterschiedlich geartet. Er stellt sie in einen neuen, ganz persönlichen Zusammenhang und entwirft aus zwölf Präludien und Fugen aus dem zweiten Band einen eigenen Zyklus.

Jeder Ton in Anderszewskis Spiel zeugt von einer inneren Logik. Er ist ein Meister im grammgenauen Akzentuieren, im Nuancieren von Klangfarben und vor allem ein Meister der Stimmführung.

Ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann

Die innere Logik seiner Gestaltung zeigt sich auch darin, wie er die neue Stückabfolge angeordnet hat: nach verwandten Tonarten und nach Ausdruck. Dabei genießt Anderszewski es, Kontraste herauszustellen und das Architektonische zu betonen: im Großen, Übergeordneten wie auch im Kleinen, in nahezu jeder Phrase. Selbst in charakterlich milchglasig-verschwommenen Stücken seziert er die Harmonien und Einzelstimmen beinahe, jeder Zusammenklang bleibt so gestochen scharf und transparent.

Auf diese Weise entsteht ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Fragen, die viel diskutiert werden können, nämlich ob Piotr Anderszewski das richtige Tempo, die richtige Stimmung trifft, werden nebensächlich. Sein Spiel ist klug, durchdacht, alles andere als willkürlich und vor allem bezwingend in seiner Intensität.

Anderszewski konfrontiert mit unangenehmen Harmoniereibungen in einer Schärfe, die nur aus der Beschäftigung mit jedem einzelnen Ton entstehen kann. Und er setzt einen härteren, spröderen Anschlag bewusst ein, um den Kontrast und das zyklische Fortschreiten zu unterstützen. Bei alledem steht nie er selbst im Vordergrund, sondern Bach und sein Licht, das aus jedem Ton leuchtet.

Bach: Das Wohltemperierte Klavier II

Label:
Warner Classics

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 28.02.2021 | 14:20 Uhr

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