Stand: 20.02.2016 17:45 Uhr  | Archiv

Die braune Seite des "Biene Maja"-Schöpfers

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Mit der "Biene Maja" gelingt Waldemar Bonsels 1912 der große Coup.
Eine heimattreue kleine Biene

Nachdem Bonsels bis zu diesem Zeitpunkt mit schwülstigen, naturmystischen Romanen eher mäßig erfolgreich ist, gelingt ihm im Sommer 1911 der große Coup. Mit seiner bereits zweiten Gattin und seinen mittlerweile drei Söhnen zieht er in eine Villa in der ländlichen Idylle von Schleißheim, in deren Garten die Bienen summen. Dort schreibt er den Bestseller "Die Biene Maja". Das Tiermärchen liest sich wie eine Metapher auf das Kaiserreich, in dem die tapferen (deutschen) Bienen gegen die feindlichen Hornissen kämpfen. Deutliche militärische Anklänge finden sich an vielen Stellen:

"Und nun, da die kleine Biene an die Kraft und die Stärke der Ihren dachte, an ihre Todesbereitschaft und ihre Treue gegen die Königin, überkam sie ein hoher Zorn gegen die Feinde und zugleich ein beseligter Opferwille und ein beglückender Mut ihrer begeisterten Liebe."

Trostlektüre für den Soldaten an der Front

Seiten eines Kalenders © Fotolia_80740401_Igor Negovelov

Waldemar Bonsels Roman "Die Biene Maja"

NDR Info - ZeitZeichen -

Im Jahr 1912 erscheint Waldemar Bonsels Abenteuerroman "Die Biene Maja". Das Buch wird nicht nur von Kindern gelesen. Im Ersten Weltkrieg hat es fast jeder Soldat im Gepäck.

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Der Abenteuerroman um die schlaue kleine Bienenheldin, die gemeinsam mit ihrem Volk die übermächtigen Hornissen besiegt, scheint als Begleitlektüre zur allgemeinen Kriegsbegeisterung dieser Jahre wie gemacht. Das Buch wird ein Bestseller. Nicht nur Kinder lesen die Geschichte mit Begeisterung, sondern vor allem Soldaten. Fast jeder, der an die Front zieht, hat "Maja" im Gepäck. "Angesichts der schrecklichen Gewalt im Schützengraben, fanden die Soldaten in der 'Biene Maja' Trost, eine Illusion von heiler Welt", erklärt Bonsels-Biograf Viel.

Jüdischer Intellekt "Gefahr für die deutsche Nationalseele"

Auch nach dem Ersten Weltkrieg setzt die "Biene Maja" ihren Siegesflug fort. Der mittlerweile wohlhabende Bonsels baut sich eine große Villa am Starnberger See und ein Haus auf Capri. Dort weilt er, als ihn 1933 die Nachricht von der Machtergreifung Hitlers erreicht. Und er, der vormals gute Kontakte auch zu jüdischen Autoren wie Lion Feuchtwanger pflegte und deren Werke gewinnbringend verlegte, setzt sich umgehend an den Schreibtisch und verfasst einen Artikel mit der Überschrift "Begründungen". Darin schreibt er, der jüdische Intellekt sei eine Gefahr für die zarte junge deutsche Nationalseele, "das zehrende Gift an der Unbefangenheit des deutschen Gemüts". Daher müsse Deutschland die Übermacht des Judentums eindämmen. Den Text schickt Bonsels an Joseph Goebbels' Propagandaministerium, das ihn umgehend in mehreren Zeitungen abdrucken lässt.

Goebbels persönlich gratuliert zum Geburtstag

"Er hat sich nie offen rassenideologisch geäußert, sondern immer versucht, seine Judenfeindschaft kulturtheoretisch zu begründen", sagt Bonsels-Experte Viel. Dies erscheint umso perfider, als Bonsels die spätere Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten so als "kulturelle Notwehr" zu legitimieren versuchte. Bei den Nazis kommt das gut an: Zum runden 60. Geburtstag schickt ihm Propagandaminister Goebbels höchstpersönlich ein Glückwunschtelegramm. 1943 lässt Bonsels für einige nationalsozialistische Funktionäre den kriegsverklärenden Christusroman "Der Grieche Dositos" drucken.

Wenige Monate Publikationsverbot

Als der Zweite Weltkrieg vorbei ist, versucht der Wendehals Bonsels, sich vor den Alliierten als Opfer der nationalsozialistischen Politik zu inszenieren - doch diesmal geht sein Plan nicht auf. Er hält Publikationsverbot, wenn auch nur für wenige Monate. 1952 stirbt er in seiner Ambacher Villa. "Die Biene Maja" überlebt ihren windigen Vater bis heute.

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