Stand: 28.05.2015 16:49 Uhr  | Archiv

Vom Strandraub zur Seenotrettung

von Dirk Hempel, NDR.de

Die Retter fahren im Ruderboot hinaus

Die Männer leisten Schwerstarbeit. Meist ziehen zunächst Pferde das Boot vom Schuppen durch den Dünensand an den Strand, oft hunderte Meter weit, dann rudern die sechs bis zehn Mann Besatzung unter äußerster körperlicher Anstrengung durch die gefährliche Brandung hinaus. Sie tragen Ölzeug mit Südwester zum Schutz gegen das kalte Seewasser. Eine dicke, um den Oberkörper geschnallte Korkweste soll vor dem Ertrinken schützen. Das eigens entwickelte "Deutsche Normalrettungsboot" misst acht Meter Länge und zweieinhalb Meter Breite. Es ist aus Stahlblech hergestellt und wiegt nur 1350 Kilogramm. Mit einem Tiefgang von 35 Zentimetern ist es auch für flache Strandgebiete geeignet.

Der Einsatz kann viele Stunden dauern. Im November 1880 etwa rudern die Rettungsmänner von Süderhöft in Nordfriesland im Gewittersturm zu einem gestrandeten Segelschiff hinaus. Nach 14 Stunden kehren sie zurück. Der Einsatzbericht vermerkt: "Erst nachmittags, 4 Uhr, kamen wir wieder auf der Station an, vollständig durchgefroren, gänzlich erschöpft."

Viele Helfer sterben im Einsatz

Das Boot kann nicht sinken, weil es außen von einem Korkgürtel umgeben, innen mit Luftkästen versehen ist. Aber die Seeleute können etwa über Bord gespült werden. Von 1869 bis 1918 sterben 21 Rettungsmänner auf See. Bis heute sind 45 Menschen im Einsatz tödlich verunglückt. Auch wenn die Schiffe mit den Jahrzehnten immer leistungsfähiger und sicherer werden, sich mittlerweile nach einem Kentern selbst aufrichten können, fordert der Dienst noch immer Menschenleben. Zuletzt vor 20 Jahren, als der Rettungskreuzer "Alfried Krupp" im Orkan vor Borkum in hoher See querschlug und durchkenterte. Vormann und Maschinist wurden von den Wellen über Bord gespült, ihre Leichen erst lange nach dem Unglück an Land getrieben.

Bild vergrößern
Von Anfang an finanziert sich die Gesellschaft durch Spenden. Die Sammelschiffchen gibt es seit 1875.

In der Frühzeit der DGzRS bedeuten schon die in den 1870er-Jahren entwickelten Segelrettungsboote einen Fortschritt. Sie sind in Büsum, Cuxhaven und Dorumertief stationiert und verfügen bereits über Schutzräume an Deck. 1890 hat die Gesellschaft 111 Rettungsstationen an Nord- und Ostsee, in denen mehr als 1.000 Freiwillige Dienst tun. Fast  50.000 fördernde Mitglieder unterstützen sie mit Geldspenden.

Das erste Motorboot kommt 1911

Bild vergrößern
Mit Motorrettungsbooten kann die DGzRS ab 1911 auch in weiter Entfernung von der Küste Seeleute retten.

Als im März 1911 vor Laboe in der Ostsee das erste, zehn Meter lange Motorboot nach britischem Vorbild fährt, kommt das einer technischen Revolution gleich. Das Einsatzgebiet kann nun weiter ausgedehnt, Menschen auch aus strandfernen Seenotfällen gerettet werden. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfügt die DGzRS bereits über 14 motorisierte Rettungsboote. In den Zwanzigerjahren folgen zahlreiche weitere, die mit Funk ausgestattet sind und von Land aus dirigiert werden können. Während des Zweiten Weltkriegs sind die Seenotretter der 34 Nordsee- und 67 Ostseestationen weiterhin im Einsatz. Die Boote sind nun mit einem roten Kreuz versehen, stehen unter dem Schutz der Genfer Konvention und retten weiterhin Seeleute aller Nationen sowie über See abgeschossene Flieger auch der Kriegsgegner.

Nach 1945 ist die DGzRS weiterhin in der Deutschen Bucht und in der westlichen Ostsee im Einsatz. Der Seenotrettungsdienst der DDR hingegen wird bis zur Wiedervereinigung 1990 staatlich organisiert. In den 1950er-Jahren baut die Gesellschaft dann einen neuen Seenotrettungskreuzertyp mit Tochterboot, der bis heute weiterentwickelt wird.

82.000 Menschen aus Seenot gerettet

Rund 82.000 Menschen verdanken den Mitarbeitern der DGzRS in den 150 Jahren seit ihrer Gründung Rettung und schnelle Hilfe. Allein 2014 waren es 768 Menschen. Heute fahren die Seenotretter mit 60 Booten auf 54 Stationen. Die private Initiative, die 1865 zur Gründung der DGzRS führte, ist bis heute ihre Grundlage. Auch wenn der Bundespräsident traditionell als Schirmherr auftritt, liegt die Organisation noch immer in den Händen der ausschließlich aus Spenden finanzierten Gesellschaft, ihrer 180 festangestellten und mehr als 800 freiwilligen Rettungsmänner und -frauen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen / Unsere Geschichte / 17.06.2015 / 21:00 Uhr

Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 17.06.2015 | 21:00 Uhr

Mehr Geschichte

02:16
Hamburg Journal

Heimatkunde: Modemacher

17.11.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
05:05
Hallo Niedersachsen

Hügelgrab könnte Aldi-Zentrallager stoppen

12.11.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
05:33
Schleswig-Holstein Magazin

Zeitreise: Der Flugblattkrieg

11.11.2018 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin

Norddeutsche Geschichte