Stand: 18.10.2018 11:10 Uhr

KZ Wittmoor: Wo die Nazis auf Umerziehung setzten

"Lieber Gott mach mich fromm, dass ich nicht nach Wittmoor komm'!" So raunten es sich Hamburger Arbeiter im Jahr 1933 zu. Gemeint ist das erste Hamburger Konzentrationslager: Das KZ Wittmoor bestand nur etwas mehr als sechs Monate - im Dorf Glashütte, im heutigen Stadtgebiet von Norderstedt. Vor genau 85 Jahren, am 18. Oktober 1933, lösten es die Nationalsozialisten schon wieder auf. Aber wie groß war das Grauen im KZ Wittmoor tatsächlich? Aus Zeitzeugen-Berichten weiß man heute: In dem Konzentrationslager war der NS-Terror noch nicht so ausgefeilt wie in späteren Lagern. Todesopfer sind nicht bekannt, systematische Folter kam nicht vor. "So richtig üble Schikane gab es nicht im Wittmoor", erzählte nach dem Krieg einer der Ex-Häftlinge. Die Eingesperrten hätten sogar mit der Wachmannschaft Fußball gespielt.

So sah das Leben im KZ Wittmoor aus

Ein Baumarkt und zwei Gedenksteine

Vom einstigen KZ Wittmoor ist nichts mehr zu sehen. Auf dem Gelände in Norderstedt steht heute ein Baumarkt mit einem großen Parkplatz. Nur das Moor ist noch da, in dem die Häftlinge den ganzen Tag über Torf stechen mussten. In dem heutigen Naturschutzgebiet erinnern zwei Gedenksteine an die unrühmliche und weithin unbekannte Geschichte eines der ersten Konzentrationslager im "Dritten Reich".

Eine ausgediente Torf-Fabrik

Gerade mal zwei Monate nach der Machtergreifung - am 31. März 1933 - hatten die Nationalsozialisten beschlossen, auf dem Gelände einer stillgelegten, verfallenen Torfverwertungsfabrik in Glashütte ein Lager für "Schutzhäftlinge" einzurichten. So nannten die Nationalsozialisten politische Gegner, die "zum Schutz von Volk und Staat" aus dem Verkehr gezogen werden sollten. Sie hatten vor allem Kommunisten im Blick, die am aktiven Widerstand gehindert werden sollten. Da jeden Monat Hunderte Männer verhaftet wurden, waren die Hamburger Gefängnisse schnell überfüllt. Also musste ein zusätzliches "Schutzhaftlager" her. Die Wahl fiel auf das Fabrikgelände, das praktischerweise Hamburg gehörte.

Was war die "Schutzhaft"?

Die "Schutzhaft" diente den Nationalsozialisten dazu, politische Gegner aus dem öffentlichen Leben zu entfernen und in Konzentrationslagern wegzusperren. Die Betroffenen wurden ohne richterliche Kontrolle verhaftet - allein aufgrund einer polizeilichen Anordnung. Über die Dauer ihrer Haft wurden die "Schutzhäftlinge" im Unklaren gelassen.

Die Gefangenen sollten umerzogen werden

Offizielles Ziel war die "Umerziehung" der Häftlinge. Den Männern sollte die nationalsozialistische Weltanschauung und Arbeitsfreudigkeit eingeimpft werden. So wurde es auch den Lager-Insassen bei ihrer Ankunft verkündet. Einer der Gefangenen konnte sich auch Jahrzehnte später gut an die Begrüßungsrede eines Polizeioffiziers erinnern: "Es wäre an der Zeit, dass wir Volksverhetzer und Faulenzer wieder arbeiten lernen würden", habe der Polizeioffizier gesagt. "Wir sollten uns ja nicht einbilden, dass es im Lager ein Zuckerschlecken gäbe. Bei Fluchtversuchen werde sofort geschossen." Das Konzentrationslager war der Hamburger Polizeibehörde unterstellt - und wurde nicht in SA- oder SS-Regie geführt. Aber die Wachmannschaften wurden von SA-Männern unterstützt.

Noch ging es nicht darum, die KZ-Häftlinge durch Arbeit zu vernichten - so wie es später in Hamburg besonders im KZ Neuengamme der Fall war.

Bis zu 140 Gefangene

Die ersten 20 "Schutzhäftlinge" kamen im April 1933 nach Wittmoor. Es waren ausgewählte Handwerker, die die maroden Gebäude erst einmal herrichten mussten. Im Mai waren es dann schon rund 100 Gefangene. Die höchste Zahl wurde im September 1933 mit 140 Gefangenen erreicht. Neben Kommunisten landeten aber auch unpolitische Männer im KZ Wittmoor, beispielsweise ein "Bibel-Forscher" und ein arbeitsloser Maurer. Das "Verbrechen" des Arbeitslosen: Er verkaufte auf den Straßen Obst mit dem Ruf: "Schöne rote Äpfel, schöne rote Äpfel, frei von braunen Flecken." Beinahe täglich wurden neue Verhaftete ins Lager gebracht. "Hin und wieder kam die Gestapo und holte sich welche heraus. Die haben sie dann unterwegs in der Landschaft fürchterlich verprügelt", erinnert sich ein Ex-"Schutzhäftling". "Im Lager jedoch geschah so etwas nicht."

Zeitungsreporter schildern ihren Besuch

Die Nationalsozialisten verheimlichten das KZ Wittmoor nicht. Wiederholt kamen Zeitungsreporter ins Lager. Der Tenor der Berichterstattung: Die Häftlinge werden gut behandelt. "Es sind weder Paläste noch Hütten, in denen die ehemaligen 'Soldaten Moskaus' ihre Nächte verbringen, sondern geräumige, gesunde Säle mit viel frischer Luft", schreiben die "Hamburger Nachrichten" am 26. Mai 1933 - ganz im Sinne der Nationalsozialisten. Mit den Mahlzeiten im Lager könnten "selbst Heißhungrige zufrieden sein".

Hungerstreik wegen schlechten Essens

Ganz so reichhaltig waren die Mahlzeiten aber nicht. Die Gefangenen berichteten von miserablem Essen: "Wassersuppen, kaum Kartoffeln darin und Fleisch schon gar nicht". Die Häftlinge wagten sogar einen Hungerstreik und verweigerten die Arbeit im Moor. Die Folge? Am selben Abend kamen SA-Männer mit einer großen Pfanne Bratkartoffeln und Spiegeleiern und solidarisierten sich mit den Gefangenen. Besuch von Familienangehörigen war zu bestimmten Zeiten erlaubt, es durften auch Pakete mit Essen und Zigaretten mitgebracht werden.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.11.2013 | 19:30 Uhr

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