Stand: 18.01.2012 11:54 Uhr  | Archiv

Der Generalplan Küstenschutz

Die Feuerprobe

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Während des Capella-Orkans 1976 gab es deutlich weniger Deichdurchbrüche als bei der 1962.

Mitte der 1970er Jahre schon waren die wichtigsten Dinge zum Schutz der Menschen geleistet. Das zeigte sich am 3. Januar 1976. Die durch den Capella-Orkan ausgelöste Sturmflut war die höchste an der Westküste im 20. Jahrhundert. Die Deiche brachen im Christianskoog in Dithmarschen, im Kehdinger Land und der Haseldorfer Marsch. Alles Bereiche, die noch nicht verstärkt waren. Wo der Generalplan umgesetzt war, blieb die Flut draußen. Ein Erfolg vor allem für die Wasserbauer des Landes. Zum einen war die Flut ein Signal der Bestätigung an den Bund. Am 3. September 1969 hatte der sich in die Pflicht nehmen lassen: Küstenschutz wurde als nationale Aufgabe anerkannt. Mit dem Gesetz über die Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes" verpflichtete sich Bonn, künftig 70 Prozent der Investitionskosten für den Küstenschutz zu übernehmen.

Zum anderen hatte das Land zum Jahresbeginn 1971 die Seedeiche als Landeschutzdeiche übernommen. Nach langem und zähem Ringen mit den Deich- und Hauptsielverbänden war die erste Deichline damit verstaatlicht. Damit endete nach Jahrhunderten die Tradition, den Küstenschutz als Teil der regionalen Selbstverwaltung zu verstehen. Aus der Sicht des Landes hatte sich gezeigt, dass die Verbände fachlich und finanziell mit dem Bau und dem Erhalt der immer mächtigeren Deiche überfordert waren. Die Deichgrafen behielten zwar ihren Titel, doch verloren sie den Deich. Der Kompromiss am Ende eines heftigen Streites war, die Binnenentwässerung – also das Sielwesen – weiter in der Obhut der Verbände zu belassen. Damit wurden am Ende die Lasten geteilt.

Weil bis auf die Trave sämtliche größeren Wasserläufe in Schleswig-Holstein nach Westen durch die Marsch in die Elbe oder die Nordsee entwässern, weil ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche des Landes nur knapp über oder sogar unter Meeresniveau liegt, gelten die Binnenentwässerung und der Küstenschutz in Schleswig-Holstein als Aufgaben vergleichbarer Dimension und Bedeutung. 

Küstenschutz ist mehr als Deichbau

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Die Deichwege wurden eingerichtet, damit sich Hilfsfahrzeuge nicht mehr festfahren. (Archivbild)

Der Generalplan umfasste von Beginn an mehr als den Bau neuer Deiche und Sperrwerke. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 waren die Helfer oft gescheitert, weil Schlepper, Feuerwehrautos und Bundeswehrlaster sich auf den aufgeweichten Wegen bis zu den Achsen festgefahren hatten. Deshalb hat heute jeder Seedeich einen befestigten "Deichverteidigungsweg". Mit dem Wasser spülte bei der Sturmflut auch Treibgut gegen die Deiche und sorgte für zusätzliche Schäden. Deshalb gehört inzwischen die so genannte "Treibselabfuhr" zum festen Programm beim Unterhalt der Seedeiche.

Seit Beginn der 1970er Jahre werden auch der "flächenhafte Küstenschutz" und der Schutz sandiger Küsten vorangetrieben. Inzwischen werden jährlich im Sommer über eine Million Kubikmeter Sand allein vor die 39 Kilometer lange Sylter Westküste gespült. Das meiste davon holen sich jedes Jahr die Winterstürme zurück. Im Ergebnis gelingt es durch das Verfahren, den Bestand der größten deutsche Nordseeinsel zu sichern.

Schon vor der Hamburgflut war 1957 damit begonnen worden, Schutzräume für die Bewohner der Halligen zu bauen. Das allein war jedoch zu wenig. Der Bestand der fünf Inseln und zehn Halligen schien gefährdet. Die Priele und Ströme um die Inseln wurden infolge eines zunehmenden Tidenhubes und damit stärkerer Strömungen immer tiefer ausgeräumt, Um die Strömungen im Wattenmeer wieder zu beruhigen, wurden von 1982 bis 1987 mehr als 3.300 Hektar in der Nordstrander Bucht abgedeicht. Der Beltringharder Koog war entstanden.

Neue Aufgaben für den Küstenschutz

Der Bau des Beltringharder Kooges war ein erneuter Wendepunkt. Parallel wurde seit Mitte der 1970er Jahre über die Vordeichung der Nordstrander Bucht und einen Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer diskutiert. Der Küstenschutz nach der reinen Lehre der Wasserbauer wurde in Frage gestellt. Am Ende gab es nach dem wohl heftigsten Streit um ein Deichbauprojekt in der Geschichte des Landes einen Kompromiss. In der Nordstrander Bucht entstand die so genannte kleine Lösung. Neben der besseren Entwässerung des Binnenlandes dient der neue Koog fast ausschließlich dem Naturschutz. Küsten- und Naturschutz in Einklang zu bringen ist heute eines der zentralen Ziele.

Inzwischen ist für die Menschen hinter den Deichen, auf Inseln und Halligen ein Sicherheitsstandard erreicht, den sich 1962 so niemand hätte vorstellen können. Doch es reicht nicht, das Erreichte zu bewahren. Der Klimawandel ist in vollem Gange, damit kommt es schon jetzt zu mehr Sturmfluten. Auch steigt der Wasserspiegel der Nordsee. Die Wasserbauer schätzen, dass die Deiche schon in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts erheblich höher sein müssen als heute.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

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