Stand: 12.04.2015 15:52 Uhr  | Archiv

Traurige Erinnerung: Todesmärsche durch Ostholstein

von Nadine Dietrich
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Eine Stele erinnert in Lübeck an 500 KZ-Häftlinge, die 1945 durch Ostholstein getrieben wurden.

Sie zählen zu den vielen schrecklichen Verbrechen der Hitler-Zeit: die Todesmärsche der KZ-Häftlinge kreuz und quer durch Mitteleuropa. Eine Reihe dieser Todesmärsche endete in Neustadt in Holstein. Auf ihrem Weg dorthin kamen am 12. April 1945 auch 500 Gefangene durch Lübeck. Auf einer Wiese am verkehrsreichen Burgtor erinnert eine Stele an sie. Am oberen Ende ist ein Totenkopf hineingearbeitet. "Es ist ein wichtiger Platz für die Stele, trotz des Verkehrslärms", sagt Ingaburgh Klatt, die Leiterin der Gedenkstätte in Ahrensbök. "Hier am Elbe-Lübeck-Kanal sind die Häftlinge auf den Schuten vorbeigekommen, am Vorwerker Hafen ausgeladen worden und dann auf den Todesmarsch nach Ahrensbök und später nach Neustadt geschickt worden."

Auf dem Weg erfroren, verhungert oder ermordet

Begonnen hat ihr Todesmarsch im Januar 1945 im Konzentrationslager Auschwitz: 1.000 Häftlinge mussten sich bei Schnee, Eis und Sturm auf den Weg machen. Das Kommando über sie hatte ein Ostholsteiner Bauernsohn: Max Schmidt aus Neuglasau. Er war Lagerkommandant in einem Auschwitz-Nebenlager.

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Hans-Otto Mutschler sah die Todesmärsche als Kind und ist noch heute betroffen.

Drei Monate später, als die Schuten in Lübeck anlegten, waren 800 der jüdischen Gefangenen tot: erfroren, verhungert, zu Tode gequält und erschossen. Die Überlebenden wurden Richtung Ostholstein getrieben - so kamen sie auch durch Dunkelsdorf nahe Ahrensbök. Hans-Otto Mutschler hat sie dort als zehnjähriges Kind gesehen. "Das waren Elendsgestalten, das konnten wir auch als Kinder beurteilen. Es wurde geschrien 'Voran, voran und schnell und schneller'. Das ist - wie soll ich sagen - nicht so einfach darzustellen, wie das alles so ablief", erzählt er sichtlich berührt.

Vor den Augen der Dorfbewohner erschossen

Die etwa 500 KZ-Häftlinge, die an ihm vorbeizogen, stammten aus ganz Europa, es waren Juden und Widerstandskämpfer, die sich im Konzentrationslager Mittelbau-Dora im Harz dem Todesmarsch anschließen mussten. Das, was Hans-Otto Mutschler damals beobachtet, mussten sie tausendfach erleiden: "Wir Kinder standen mit dem Vorarbeiter des Gutes dort, er war gehbehindert und hatte so einen Krückstock. Einer der KZ-Häftlinge ging aus der Reihe raus und sagte zu dem Vorarbeiter: 'So einen Krückstock, den hätte ich auch gern'. Das kriegte einer von den Bewachern mit und ging auf den Häftling zu und sagte: 'So einen Krückstock kann ich dir sofort verpassen'. Dann hat er ihm seine Pistole an die Stirn gesetzt und ihn erschossen."

Ein Trauma für die Menschen in Ostholstein

Gedenkstätte Ahrensbök

Flachsröste 16
23623 Ahrensbök
Tel. (04525) 49 30 60
Infos und Öffnungszeiten siehe Website der Gedenkstätte

bis zum 3. Mai zeigt die Gedenkstätte jeden Sonntag um 15 Uhr den Film
"70 Jahre Todesmarsch durch Ahrensbök - Überlebende erinnern sich"

Mutschler lassen diese Erinnerungen nicht los. Er hat Jahrzehnte später daran mitgearbeitet, den vielen Toten und den ganz wenigen Überlebenden des Todesmarsches durch Ostholstein eine Gedenkstätte in Ahrensbök einzurichten. "Das hat mich immer begleitet, weil ich später ja auch miterlebt habe, wie die 'Cap Arkona' gekentert auf der Ostsee geschwommen ist. Noch Jahre danach wurden Leichen angeschwemmt, wenn man am Strand war".

"Das war ein Trauma für alle, die rund um die Lübecker Bucht aufgewachsen sind", ergänzt Ingaburgh Klatt von der Gedenkstätte. Kaum einer der 500 Häftlinge, die an Hans-Otto Mutschler vorbeigetrieben wurden, überlebte. Die meisten ertranken bei der Schiffskatastrophe der "Cap Arcona" am 3. Mai 1945 - nur wenige Tage vor der Kapitulation Hitler-Deutschlands.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Schleswig-Holstein Magazin | 12.04.2015 | 19:30 Uhr

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