Stand: 21.07.2005 11:33 Uhr  | Archiv

"Mir hat keiner die Kindheit gestohlen"

Der Hamburger Ralph Brauer, Jahrgang 1927, gehörte zu den Jungen, die am 15. Februar 1943 als Luftwaffenhelfer in die Flakstellungen eingezogen wurden. Im Gespräch mit NDR.de hat er von seinen Erinnerungen erzählt.

Ralph Brauer - hier im April 2005 vor einem Foto seiner Mutter - erinnert sich an seine Kindheit in den Kriegsjahren.

"1939 war ein ereignisreiches Jahr für uns Kinder, weil wir so richtig dumm waren. Wie Kinder eben sind in dem Alter. Wir hörten natürlich von der internationalen Unruhe, haben den Einmarsch ins Sudentenland und die Einvernahme Österreichs mitbekommen - und fanden das alles großartig. Und als mir meine Mutter im Sommer 1939 erzählte, dass es wohl Krieg geben werde, freute ich mich: "Na, endlich, dann ist doch mal etwas los!", sagte ich. Dabei waren wir nur so weit politisch beeinflusst, wie eben das ganze Volk indoktriniert wurde; mangels Vergleichsmöglichkeiten. Es war ja keiner da, der sagte, das gibt eine Katastrophe.

Stolz auf die Uniform

Vor meiner Zeit als Flakhelfer bin ich noch in die Hitlerjugend eingetreten, allerdings erst 1939. Denn wegen meiner Behinderung durch die Kinderlähmung waren sie gar nicht erst an mich herangetreten. Und 1939 stellte ich fest, dass meine Freunde da Geländespiele und ähnliche schöne Sachen machten und ich nicht. Meine Mutter sah das sehr zwiespältig, hat mich aber gelassen. Und so bin ich zum Jungvolk gekommen und bekam eine schwarze Manchesterhose und ein Braunhemd. Auf die Uniform war ich stolz wie Oskar. Später, nach der Kinderlandverschickung, war ich dann in der Motor-HJ.

Freude über die Einziehung zur Flak

Für viele Jungen eine Ehre: die Bescheinigung über den Flakhelfer-Einsatz.

Im Februar 1943 gab es zu meiner grenzenlosen Freude so eine Art Gestellungsbefehl, der in der Schule verkündet wurde. Auf diese Weise entfiel nämlich die vorgeschriebene Reifeprüfung. Wir waren '43 sowieso Schulabgänger. Unsere Eltern waren natürlich nicht begeistert, sagten aber nur 'dieser verdammte Krieg'. Zuhause konnten sie das tun, nur laut in der Straßenbahn sagte man das besser nicht.

Zunächst mussten wir zur Grundausbildung. Die hat sechs Wochen gedauert und hatte mit der der Soldaten nichts zu tun. Wir hatten sofort Wehrkunde, das heißt in diesem Fall Maschinenkunde - die Kanone auseinandernehmen und wieder zusammensetzen und reinigen. Meine ganze Klasse wurde auf Hamburg-Wilhelmsburg verteilt. Später war ich in einer Flakstellung auf einem der Lagerschuppen im Freihafen eingesetzt. Gewohnt haben wir in Baracken, die auf den Schuppendächern gebaut worden waren.

Alltag in der Stellung

Zwischen 6 Uhr und 6.30 Uhr wurden wir geweckt. Dann mussten wir uns waschen, aber das hieß natürlich nicht duschen, sondern da gab es so etwas wie eine Rinne mit lauter Wasserhähnen. Davor machte man den Oberkörper frei und wusch sich ein bisschen mit kaltem Wasser. Danach gab es Frühstück. Ich erinnere mich noch, dass wir Sanitätsunterricht hatten. Dem Unteroffizier war es maßlos peinlich über Körperpflege zu reden. Er hat in seinem oberfränkischen Dialekt genuschelt: "Und des ihr des nit vergesst, dreimal die Woche de Pint wasche." Uns war schon klar, was er meinte, aber keiner wagte laut zu kichern.

In der Stellung gab es Geschütz- und Gerätedienst. Außerdem mussten wir immer irgendetwas bewachen. Ich gehörte zur Besatzung eines Geschützes. Da gab es den K1 bis zum K4. Also der erste ist der Richtkanonier, der zweite ist der Visierkanonier, der die Entfernung einstellt, der dritte ermittelt die Flugrichtung und dann kommen die Ladekanoniere.

Unsinnige Abläufe - militärisch gesehen Nonsens

Zeitzeuge Ralph Brauer war 1943 als Flakhelfer im Freihafen Hamburg eingesetzt.

Ich selbst war K2 und damit für die Entfernungseinstellung zuständig. Ich stand neben dem Richtkanonier, der rechts vom Geschütz sitzt, den Fußhebel drückt und losballert. Ich musste links daneben die Einstellungen vornehmen. So etwas wie Radar hatten wir noch nicht, sondern nur optische Geräte. Der Kanonier konnte aber nicht einfach losballern. Erst wenn der Geschützführer gesagt hatte 'Feuer frei', schoss der Kanonier. Das dauerte alles derart lange, dass man sich heute fragt, was der Unsinn eigentlich sollte.

Es gab für die leichte Flak drei Sorten Granaten: Panzer-, Spreng- und Brandgaranten. Und die mussten immer wieder in wechselnder Reihenfolge geladen werden; um den Feind zu verwirren, hieß es. Nur taten uns die Feinde ja nicht den Gefallen, dass sie so tief flogen, dass wir sie mit unserer leichten Flak auch erwischen konnten. Das Ganze war also ausgemachter Humbug, militärisch absoluter Nonsens.

Besser ohne eigene Meinung

Meine unmittelbaren Vorgesetzten waren selten Schinder. Die haben nur gemeckert, weil beim Kommiss grundsätzlich gemeckert wird. Ich habe zum Beispiel einmal den verheerenden Fehler begangen, eine Stunde zu spät zum Dienst zurückzukehren, weil ich nicht an die Umstellung auf die Sommerzeit gedacht hatte. Da musste ich selbstverständlich zum Chef befohlen werden, der mich dann mit einer Schimpfkanonade bedacht hat. Es genügte aber immer als Antwort zu brüllen 'Jawohl Herr Leutnant!'. Etwas Eigenes zu sagen, war immer schlecht. Und so wurde ich ohne Arrest wieder eingegliedert.

Erst Lehrling, dann Soldat

Vor dem großen Feuersturm am 27. Juli '43 bin ich glücklicherweise entlassen worden. Ich war Zuhause und habe am 1. Juli meine Lehre begonnen. Bis ich Soldat wurde, durfte ich ein ganzes Jahr lang lernen. Zum Wehrertüchtigungslager oder zum Reichsarbeitsdienst bin ich nicht eingezogen worden, weil mir schwere körperliche Arbeit nicht zugemutet wurde. Und danach gerissen habe ich mich natürlich auch nicht.

Wie Ralph Brauer zogen viele Jugendliche mit Begeisterung in den Krieg.

Im Sommer 1944 kam dann der Gestellungsbefehl von der Wehrmacht. Ich wurde gemustert und trotz meines körperlichen Fehlers für "bedingt kriegsverwendungsfähig" erklärt. Vom Grunddienst wurden wir befreit, weil wir ja schon an der Flakwaffe ergraute Krieger waren. Im Februar 1945 ging es dann ab nach Osten, bis in die Nähe von Breslau. Da war die Lage aber schon so angespannt; wir hatten im Grunde nur noch Stellungswechsel.

Fürchterliche Erfahrungen als Soldat

Die Flakhelferzeit habe ich eher als so etwas wie 'Kriegspielen' empfunden im Vergleich mit dem, was ich als richtiger Soldat erlebt habe - wie die russische Gefangenschaft zum Beispiel. Ich habe zwar nur ein einziges Mal 'Feindberührung' gehabt, des nachts als vorgeschobener Beobachter im Schnee, aber da kommt man sich ziemlich arm vor, da geht einem schon die Muffe. Und ich stand zwei Mal vor Gewehrläufen und drohte erschossen zu werden. Einmal von tschechischen Partisanen und ein anderes Mal von der Wehrmacht, weil ich ein "Wachvergehen vor dem Feinde" begangen hatte. Nur durch Zufälle kam ich davon. Das waren fürchterliche Erfahrungen.

Dagegen verblassen die Flakhelfererfahrungen. "Der Staat hat uns unsere Jugend gestohlen, das vergessen wir nie", sagen manche meiner ehemaligen Klassenkameraden und kommen deshalb nicht zu unseren Treffen. Ich halte das für Blödsinn. Wir haben gejuxt und gelacht und Unsinn gemacht wie andere Jugendliche zu anderen Zeiten auch; innerhalb der uns gesetzten Grenzen natürlich."

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 10.04.2015 | 19:30 Uhr

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