Stand: 11.10.2018 12:00 Uhr

Von Bäumen und Menschen

Die Wurzeln des Lebens
von Richard Powers, aus dem Englischen von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié
Vorgestellt von Katja Weise
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Das neue Buch von Richard Powers steht auf der Shortlist für den Man Booker Prize.

Aktueller kann ein Buch kaum sein - der neue Roman von Richard Powers platzt mitten hinein in die heftige Diskussion um die Zukunft des Hambacher Forstes. In "Die Wurzeln des Lebens" schildert der vielfach ausgezeichnete amerikanische Autor, bekannt geworden mit Bestsellern wie "Der Klang der Zeit", die Beziehung zwischen Bäumen und Menschen. Im Zentrum stehen Baumaktivisten, die für den Erhalt von Wäldern kämpfen.

Eine besondere Beziehung zu Bäumen

Wurzeln, Stamm, Krone - Samen. Vier große Kapitel. Dazu neun Protagonisten, die die Leser zuerst einzeln kennenlernen. Nick zum Beispiel. Neben der Farm seiner Familie in Iowa steht seit Generationen ein großer Kastanienbaum, der einzige in der ganzen Gegend. Er wird Künstler und malt lange nur Äste und Blätter. Oder Douglas. Als er im Vietnamkrieg mit einem Flugzeug abstürzt, fängt ein Feigenbaum ihn auf. Dann Patricia Westerford. Die Wissenschaftlerin entdeckt, dass Bäume Gemeinschaften bilden und miteinander kommunizieren.

Jedes Mal stupsen die Leute sich an, wenn sie ihnen auf den Gängen begegnet. "Das ist die, die glaubt, Bäume hätten Verstand." Madison verlängert ihren Lehrauftrag nicht. (..) Nicht einmal zum Reagenzgläserspülen bei anderen Wissenschaftlern nehmen sie sie noch. Leseprobe

Richard Powers erzählt von Menschen, die eine besondere Beziehung zu Bäumen haben, oft hervorgerufen durch ein dramatisches Ereignis in ihrem Leben. Sein Erweckungserlebnis hatte der Autor beim Wandern zwischen den großen Redwoods in der Umgebung von San Francisco: "Ich dachte, wenn aus diesen Bäumen San Francisco entstanden und San Francisco der Grund dafür ist, dass es Silicon Valley gibt - dann existiert da eine Verbindung, eine Art Vermächtnis, das wir nicht würdigen. Das wir einfach ausradiert haben. Ich dachte: Über diese Verbindung zwischen Mensch und Natur habe ich noch nie einen Roman gelesen, solche Literatur gibt es bisher nicht: Ich muss versuchen, diese Geschichte zu erzählen."

Proteste gegen die Abholzung der Wälder

Viele Geschichten sind es geworden, die im zweiten Kapitel - Stamm - zusammengeführt werden. Einige der Protagonisten treffen sich beim Protest gegen die Abholzung der Wälder.

Der Ring von Demonstranten beginnt wieder zu singen. Weitere Polizisten kommen hinzu und bilden ihrerseits einen Kreis um die Aktivisten. Der Sheriff tritt wieder vor. (..) Nehmen Sie Ihre Hände aus diesen Röhren. Wenn Sie nicht innerhalb von fünf Minuten die Hände herausnehmen, werden wir Pfefferspray einsetzen. Leseprobe

Die Holzindustrie wird fast immer die Oberhand behalten, das Recht ist auf ihrer Seite. Die Bäume fallen. Als Nick, Douglas und ihre Mitstreiter schließlich ebenfalls Gewalt anwenden, um die Rodungsarbeiten wenigstens zeitweise zu stoppen, führt das auch nicht weiter. Sie machen sich lediglich strafbar. Ein Teufelskreis. Powers wirbt für Empathie, eigentlich sind die Bäume seine Helden.

Ein Schriftsteller mit einer Mission

Pathos ist ihm dabei nicht fremd, aber er hat eine Mission. Er glaubt: "Viele von uns sind geradezu besessen von der Meinung, dass wir das Wichtigste auf der Welt sind, und dass der Rest der Schöpfung uns zu dienen hat. Und weil wir das alle internalisiert haben, ist es schockierend für uns festzustellen, dass man auch aus einer anderen Richtung auf diese Dinge blicken kann."

Dazu lädt er ein, auf gut 600 Seiten - prall gefüllt mit Geschichten und Gefühlen. Eine Entdeckungsreise nicht nur in die Wälder rund um den Globus.

Es gibt Bäume, bei denen Blüten und Früchte direkt am Stamm sitzen. Bizarre Kapoks mit zwölf Metern Umfang und Ästen, die stachlig oder schimmernd oder glatt sein könnten, alle am selben Baum. Myrten, die verstreut im Wald stehen und trotzdem alle am selben Tag blühen. Leseprobe

Die verschwindenden Wälder auf der einen, das sich ständig weiter ausbreitende digitale Netz auf der anderen Seite: Powers sucht beides abzubilden, Wurzel- und Netzwerk. Es ist viel drin, in diesem Roman, der aufwühlt und nachdenklich macht, dabei nie so tut, als könne er eine Lösung anbieten. Aber vielleicht lässt er einen Samen keimen.

Die Wurzeln des Lebens

von
Seitenzahl:
624 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Fischer Verlag
Bestellnummer:
978-3-10-397372-3
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

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