Stand: 30.08.2018 16:55 Uhr

Die zerstörerische Rolle der Kriege

Die Katze und der General
von Nino Haratischwili
Vorgestellt von Heide Soltau
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"Die Katze und der General" erscheint am 31. August 2018 in der Frankfurter Verlagsanstalt.

Endlich ist der da: Der neue Roman von Nino Haratischwili: "Die Katze und der General". Im ARD Radiofestival wird er derzeit vorgelesen, jeden Abend um 23 Uhr. Die in Tiflis geborene und aufgewachsene Schriftstellerin, die seit 2003 in Hamburg lebt, hat auch diesen Roman wieder auf Deutsch geschrieben und nicht in ihrer Muttersprache Georgisch. "Die Katze und der General" erzählt von einem Verbrechen, das vier russische Soldaten im ersten Tschetschenienkrieg 1995 begangen haben, und von den Folgen dieser Tat.

Nino Haratischwili in der Frontansicht.

Nino Haratischwili: "Die Katze und der General"

Kulturjournal -

In ihrem Roman nähert sich Nino Haratischwili einem monströsen Verbrechen. Inspiriert von einer realen Geschichte erzählt sie vom Tschetschenien-Krieg Mitte der 90er-Jahre.

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"Sie sah in den Himmel". Die 17-jährige Nura träumt sich fort aus ihrem tschetschenischen Dorf, sie will hinaus in die Welt nach Grosny, Moskau und dann nach Mexiko vielleicht, wo die Fernsehserie spielt, die sie so gern anguckt. Der Krieg in Tschetschenien sorgt für Unruhe in Nuras Dorf. Der russische Nachbar gilt plötzlich als Feind, die geliebte Lehrerin ist abgereist, Männer recken die Faust zum Kampf. In einem längeren Prolog umreißt Nino Haratischwili die Szenerie, in der kurz darauf ein unfassbares Verbrechen geschieht, begangen von vier russischen Soldaten, die sich hier eigentlich von den Gefechten in Grosny ausruhen sollen.

Nino Haratischwili: "Das ist alles tatsächlich real passiert. Und ich fand das wahnsinnig erschütternd und irgendwie auch pervers, diese Vorstellung: Eigentlich soll man Pause machen vom Krieg, aber dann hält man es gar nicht aus und beginnt zu foltern, zu morden, wirklich vollkommen außer sich zu geraten."

Was passiert mit Menschen in rechtsfreien Räumen?

Nino Haratischwili rollt die Geschichte der vier Soldaten auf. Nicht um die Täter zu entschuldigen, sondern um zu verstehen, warum es zu dem Verbrechen kam. Da gibt es Schujew zum Beispiel, der nichts anderes gelernt hat, als Krieg zu führen, und schon in Afghanistan gekämpft hat. Oder Malisch, der kluge, kunstsinnige Sohn eines hohen Offiziers, der als Held der Sowjetunion gefallen ist. Seine Mutter erwartet von ihm, dass er in die Fußstapfen des Vaters tritt. Malisch hätte lieber Literatur studiert, landet dann aber doch beim Militär, weil es ihm an Rückgrat fehlt und er wie alle nach Anerkennung und Liebe sucht. Er hasst sich dafür. Und dieser Selbsthass wird zur Triebfeder seines Lebens. Skrupellos nutzt er die Wirren der Perestroika und gehört bald zu den Oligarchen Russlands. "General" wird er von allen genannt.

Nino Haratischwili: "Es geht ja auch um die Frage, was passiert mit Menschen in rechtsfreien Räumen? Wo es keine Strafe gibt, wo es keine Instanz gibt, die irgendwas regelt. Wo alle zivilisatorischen Absprachen, auf denen unsere Gesellschaften basieren, die werden plötzlich aufgehoben. Und wodurch wird das ausgelöst?"

Die Vergangenheit lässt keinen los

Der General mehrt sein Vermögen und seine Macht, aber die Vergangenheit lässt ihn nicht los. Die Geschehnisse in dem tschetschenischen Dorf 1995 holen ihn immer wieder ein.

Nino Haratischwili verknüpft geschickt verschiedene Handlungsstränge, in denen die Kriege im zerfallenden Ostblock eine prägende, zerstörerische Rolle spielen. Katze, neben dem General die zweite titelgebende Figur des Romans, ist eine georgische Schauspielerin, deren Vater, traumatisiert vom Krieg in Georgien, seine Familie in die Flucht nach Berlin treibt. Und dann gibt es noch Onno aus Grömitz, genannt die Krähe. Ein Journalist, dessen Karriere mit einem Verrat beginnt, indem er über Erlebnisse im Balkankrieg schreibt, die ihm seine kroatische Freundin anvertraut hat.

Knapp 800 Seiten umfasst der Roman "Die Katze und der General" und er liest sich wie ein Thriller. "Das hat diese Geschichte für mich gebraucht", sagt Nino Haratischwili. "Es kreist eben alles um einen Fall und bis zum Schluss ist nicht klar: Wer ist wann wie und wo beteiligt gewesen. Das wird auch aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Es gibt einmal die der Schauspielerin, diesen Journalisten und jeder dieser Menschen hat noch eigene Interessen, eigene Ambitionen, warum der da reingerät oder dran bleibt."

Von Krieg und Frieden, Liebe und Tod

Nino Haratischwili hat einen ungeheuer fesselnden Roman von geradezu Tolstoischer Wucht geschrieben. Sie erzählt von Krieg und Frieden, Schuld und Sühne, Rache, Verrat, und Bespitzelung, aber natürlich auch von Liebe und Tod. "Die Katze und der General" ist im besten Sinne das, was man einen Pageturner nennt. Man taucht ein in die Welt der Figuren, teilt ihre Ängste und Freuden und vergisst die Zeit.

Nino Haratischwili ist eine große Erzählerin mit psychologischem Einfühlungsvermögen und einem langen Atem. Aber - und das unterscheidet sie von Autoren mit westeuropäischer Biografie - sie spielt auch mit Elementen des magischen Realismus und hat keine Angst vor Pathos. Das mag gelegentlich grenzwertig sein, aber der Stoff gibt das her.

Die Katze und der General

von
Seitenzahl:
750 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Frankfurter Verlagsanstalt
Bestellnummer:
978-3-62700-254-1
Preis:
30,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.08.2018 | 12:40 Uhr

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Nino Haratischwili: "Die Katze und der General"

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Der neue Roman von Nino Haratischwili, "Die Katze und der General", beginnt im Tschetschenienkrieg 1995. Das Buch ist wuchtig, fesselnd und ohne Angst vor Pathos. Audio (04:50 min)

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