Felicitas Hoppe: "Die Nibelungen",  Roman (Cover) © S. Fischer

Felicitas Hoppes "Die Nibelungen": Ein kluges Experiment

Stand: 08.09.2021 10:20 Uhr

Kaum ein Stoff ist so schwer fassbar, so historisch und ideologisch beladen wie die Nibelungensage. Felicitas Hoppe hat sich an eine Neuerzählung gewagt. Für "Die Nibelungen" ist sie für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert.

von Juliane Bergmann

Aus dem Vollen schöpft Felicitas Hoppe - und fährt alles auf, was es für eine Nibelungensage braucht. Da betritt nicht nur Siegfried, der goldbelockte Held, Sohn eines Königs aus Xanten die Bühne. Auch sein Kontrahent Hagen lässt nicht lange auf sich warten.

... eine Stirn, hinter der nicht gegrübelt wird, weil Hagen sich auskennt und weiß, was zu tun ist, wenn alle anderen noch mit Klagen beschäftigt sind. Weshalb diese Stirn fast Zuversicht ausstrahlt, einen unaufdringlichen Glanz, in dem sich das Publikum gerne spiegelt, weil der Widersacher ihm seit Jahren treu bleibt. Die verlässlichste Figur in der ganzen Geschichte, ein Mann wie ein Pfosten. Kein Zweifel, das Publikum liebt ihn. Leseprobe

"Die Nibelungen": Zwischen Fantasie und Realität

Applaus - vor allem für den Hinterhältigen. Mit frischem Blick auf das eigentlich Altbekannte erzählt Felicitas Hoppe ihre Version der Nibelungen als pompöses Theaterspektakel im Hier und Heute. Alljährlich wird es auf dem Domplatz in Worms aufgeführt. Stets ausverkauft. Denn alle wollen das Stück sehen, bei dem Realität und Fantasie nicht mehr auseinanderzuhalten sind: der gehäutete Zwerg, der riesige Drache, das stürmische Meer.

Manchmal scheint alles metaphorisch, dann wieder amüsant wahrhaftig. Etwa die Gesangseinlagen des Männerchors Worms-Pfiffligheim oder der Auftritt der Blumen streuenden Schülerinnen und Schüler des Rudi-Stephan-Gymnasiums Worms. Die Grundidee bleibt: Siegfried will Kriemhild und Gunther Brunhild erobern. Alle haben es auf den verschollenen Schatz der Nibelungen abgesehen. Die beiden Frauen werden überlistet und gezähmt. Es folgt die aus dem Nibelungenlied bekannte Doppelhochzeit.

... während ein freundlicher Bauchladenmann die Gäste mit Hagen-Pils und Nüssen versorgt und kleine Tüten mit Weingummidrachen verteilt, auf denen der Name des Sponsors vermerkt ist (eine Pharmafirma aus Basel). Leseprobe

Neue Hauptrollen und Personifikationen von Elementen

Wunderbare neue Hauptrollen werden eingeführt. Es handelt sich um Personifikationen von Elementen, die auch im Urstoff schon essenziell sind: ein Zwerg, der für den Zorn steht, eine Goldene Dreizehn, die den Schatz spielt, und ein Schauspiellaie aus Worms - der Tod. Letzterer ist allgegenwärtig, denn nach und nach verlieren im Intrigen-Wirrwarr fast alle ihr Leben, stellt der Ich-Erzähler, ein Beobachter im Ruderboot, ernüchtert fest:

Dabei liegen wir hier, vom Rhein aus betrachtet, eigentlich alle im selben Boot, in dem ich, dem Original zum Trotz, immer noch verzweifelt versuche, mir ein besseres Ende einzubilden, nicht zu sehen, was ich nicht sehen will, und nicht zu hören, was selbst die auf den billigen Plätzen hören. Leseprobe

Felicitas Hoppe: Selbstironische Kritik am Kulturbetrieb

Lustvoll jongliert Felicitas Hoppe mit Bezügen aus Literatur und Kultur. Passend zum Untertitel des Buches "Ein deutscher Stummfilm" kündigen schwarze Texttafeln neue Kapitel an - auch wenn die Figuren auf der Bühne dann nicht stumm, sondern durchaus lautstark agieren. Dramaturg des Stückes ist Hollywoods großer Autorenfilmer Quentin Tarantino - so steht es zumindest im mehrseitigen Abspann am Ende des Buches. Schließlich habe er mit dem Actionstreifen "Kill Bill" seine rachedurstige Kriemhild erschaffen. Für die Maske verantwortlich: Thea Dorn und Richard Wagner. Kameramann war der Philosoph Thomas Brose. Wo hier Fiktion aufhört und Danksagung anfängt, bleibt offen.

Neben all dem sprudeligen Feuerwerk, das dieses Buch definitiv zu bieten hat, ist es aber vor allem die Reflexion, die es so stark macht. So übt es Kritik am Kulturbetrieb und dem, was wir heute auf - und hinter - Theaterbühnen veranstalten. Die Darstellerinnen und Darsteller geben in der Garderobe Interviews und sprechen über ihren ersehnten Durchbruch mit den halbherzig dargebotenen Rollen. Das Vorhaben sei verrückt, den Nibelungenstoff abzuwandeln und die von vielen geliebte Werktreue zu torpedieren, sagt einer. Hoppe nimmt sich selbstironisch aufs Korn.

Das Publikum will immer alles auf einmal: das große Drama und das leise Gedicht, den unsterblichen Helden und sein menschliches Antlitz, Kunst und Verständnis in einer Person, das Rätsel samt Lösung, tiefen Trost und federleichte Erbauung. Leseprobe

In der Tat: Dieser dichte, volle Text ist nicht ganz leicht zu lesen. Aber: Felicitas Hoppe gelingt mit diesem Buch ein witziges und kluges Experiment. Eine Liebeserklärung ans literarische Zitat. Kreativ und bunt.

Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm

von Felicitas Hoppe
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Veröffentlichungsdatum:
08. September 2021
Bestellnummer:
978-3-10-032458-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.09.2021 | 12:40 Uhr

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