Emil Naucke: Eine vergessene Hamburger Stadtlegende

Stand: 11.07.2021 13:45 Uhr

In seinem Buch "Der schwerste Radfahrer der Welt!" porträtiert Lars Amenda den Kolossalmenschen Emil Naucke und beschreibt die Unterhaltungskultur auf St. Pauli am Ende des 19. Jahrhunderts.

von Danny Marques Marcalo

Wenn Emil Naucke die Reeperbahn auf dem Fahrrad entlang bretterte, dann war das ein Hingucker. 230 Kilo war er schließlich schwer. Der ein oder andere kleine Rabauke riskierte da eine dicke Lippe. "Er war außerordentlich beliebt, wenngleich die Straßenkinder ihn auch geneckt haben - mit dem Ausdruck - 'Achtung, Dampfwalze!'", erzählt der Historiker Lars Amenda. "Er ist schon ein wenig gemobbt worden, aber durch sein Standing und seine Beliebtheit hatte er einen sehr wichtigen Platz in Hamburg damals."

Lars Amenda folgt Nauckes Lebensgeschichte

Eine Fotografie von Emil Naucke.
Ungleiches Paar: Der selbsternannte "Kolossalmensch" Emil Naucke und der kleinwüchsige Peter Hansen.

Amenda hat ein dünnes, aber hochunterhaltsames Buch über Emil Naucke geschrieben, einem Star im Hamburg der 1880er- und 1890er-Jahre. Angefangen hat der Mann mit den gewaltigen Ausmaßen als Ringer bei damals beliebten Schau-Ringkämpfen. 1896 eröffnet er sogar sein eigenes Varieté-Theater am Spielbudenplatz. Ungefähr da, wo heute das Schmidt Theater steht. "1898 hat er angefangen, Fahrrad-Nummern in sein Programm aufzunehmen, was damals absolute Mode war", erklärt Amenda. "Er ist zusammen mit einem kleinwüchsigen Gastwirt aus Schleswig aufgetreten, Peter Hansen. Dieses ungleiche Paar hat die Menschen damals sehr belustigt." Damals lachen die Leute noch über Dinge, die heute unvorstellbar sind. Das Fahrrad ist zu der Zeit der letzte Schrei. Wer es sich leisten kann, kauft sich eins.

Idol auf St. Pauli - und sozial engagiert

Naucke ist ein berühmter Mann, tritt sogar im Ausland auf. Mit Ende 30 kann sich der Artist eine Villa in Bad Oldesloe leisten. Auf St. Pauli bleibt er ein Idol. Sein Theater läuft gut. Das Programm: Bunt und abwechslungsreich. Und er ist vor allem deswegen beliebt, weil er sich auch sozial engagiert. Regelmäßig tritt der für wohltätige Zwecke auf. So auch am 25. Januar 1900. Nach seinem Auftritt mit dem Fahrrad fühlt er sich unwohl. Und dann klappt er plötzlich tot zusammen. Er ist gerade einmal 44 Jahre alt. Es ist wohl Herzversagen.

Emil Nauckes Trauerfeier: Zehntausende nahmen Anteil

Nauckes Trauerfeier ist ein gesellschaftliches Großereignis. "Der Tod hat Hamburg wirklich geschockt", erzählt Amenda. "Die Kunde verbreitete sich blitzartig. Am Tag seiner Trauerfeier standen Zehntausende an den Straßen und sahen den Beerdigungszug mit insgesamt 70 Pferdekutschen vorbeiziehen, der von St. Pauli nach Ohlsdorf fuhr."

Sein Grab liegt bis heute auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Das Theater führen seine Frau und sein bester Freund, der kleine Peter Hansen, noch einige Jahre weiter. Dann wird das Gebäude abgerissen. Bis in die 70er-Jahre wird noch regelmäßig über ihn geschrieben. Danach gerät er ein bisschen in Vergessenheit. Das will Amenda mit seinem Buch ändern: "Es ist schon wichtig, ihn zu würdigen. Als eine der herausragenden Personen des Vergnügungsbetriebes auf St. Pauli im 19. Jahrhundert."

"Der schwerste Radfahrer der Welt!": Emil Naucke und die Unterhaltungskultur im späten 19. Jahrhundert

von Lars Amenda
Seitenzahl:
96 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Herausgegeben vom St. Pauli-Archiv e.V., gestaltet von Gert Nissen
Verlag:
netzwerk fahrrad/geschichte
Bestellnummer:
978-3949139031
Preis:
11,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 06.07.2021 | 19:00 Uhr

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