Buchcover Leïla Slimani: "Das Land der anderen" © Luchterhand Literaturverlag

Lebendig und packend: Slimanis Roman "Das Land der Anderen"

Stand: 26.05.2021 07:59 Uhr

Leïla Slimani erzählt in "Das Land der Anderen" von einer Elsässerin, die am Ende des Zweiten Weltkriegs einen aus Marokko stammenden Offizier der französischen Armee heiratet und mit ihm in dessen Heimat zieht.

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von Heide Soltau

Dort stößt die Elsässerin an die Grenzen von Toleranz und Tradition. Der Roman war in Frankreich ein sehr großer Erfolg.

Stolz war Mathilde gewesen, als sie Amine ihr Jawort gab. Stolz, dass sie, das blonde, bürgerliche Mädchen es geschafft hatte, diesen anziehenden Offizier der französischen Armee für sich zu gewinnen. Doch als sie im März 1946 in Rabat landet, spürt sie vor allem Beklommenheit.

Die unerfahrene, bis über beide Ohren verliebte Zwanzigjährige, die sich nach Abenteuern gesehnt hatte, betritt eine Welt, die wenig mit ihren romantischen Träumereien zu tun hat. Die erste Zeit leben sie bei Amines Mutter und seinen Geschwistern in der Medina von Meknès.

Mathilde musste sich an dieses Leben gewöhnen, alle miteinander in dem Haus, dessen Matratzen voller Wanzen und Ungeziefer waren und in dem es kein Entrinnen gab vor den Körpergeräuschen und dem Schnarchen der anderen. Buchzitat

Träume und Kränkungen zum Auftakt des Romans

Bald werden sie ihr eigenes Haus beziehen, tröstet sie sich. Amine hat Land in der Nähe von Meknès geerbt und will dort eine Farm betreiben. Leïla Slimani erzählt von der Mühsal, den steinigen Boden in fruchtbares Land zu verwandeln, von den spöttischen Blicken der französischen Siedler und Kolonialbeamten auf das ungleiche Paar Amine und Mathilde, von den Demütigungen und dem Rassismus, dem sie und später auch ihre Kinder ausgesetzt sind.

Sie gehören nirgends dazu. Die marokkanischen Nationalisten verachten sie, weil Amine in der Armee des Feindes gedient hat, und die Franzosen behandeln ihn wie einen Menschen zweiter Klasse.

Es bedurfte einer beständigen, gewaltigen, unerschütterlichen Liebe, um die Scham zu ertragen, wenn die Franzosen ihn duzten, wenn die Polizisten seine Papiere verlangten, wenn sie sich entschuldigten, sobald sie seine Verdienste im Krieg bemerkten und sein perfektes Französisch. 'Bei ihnen lieber Freund' ist es etwas ganz anderes.

"Das Land der Anderen" erste Teil einer dreiteiligen Familiensaga

"Das Land der Anderen" nennt Slimani ihren Roman. Es ist der erste Teil einer auf drei Bände angelegten Familiensaga, die bis in die Gegenwart führen soll. Orientiert hat sie sich dabei an ihrer eigenen Familiengeschichte.

Leïla Slimani kommt aus Marokko, das Vorbild für Mathilde war ihre Großmutter, die wie diese aus dem Elsass stammte. Diese Nähe zum Thema drückt sich in der liebevollen Anteilnahme an der Entwicklung der Figuren aus.

Viele Charaktere machen die Stärke des Romans aus

Die Stärke des Romans ist seine Vielstimmigkeit. Da gibt es die Mutter Amines, eine traditionelle Muslimin, die ihre Söhne bedient wie eine Magd. Es gibt Selma, seine jüngste lebenshungrige Schwester, die tanzen und sich amüsieren will. Es gibt aber auch Omar, Amines Bruder, der zum radikalen Nationalisten wird, sowie Aicha, die kleine Tochter von Mathilde und Amine, die eine katholische, französische Schule besucht und von ihren Klassenkameradinnen ausgegrenzt wird und es gibt den Gynäkologen Dragan, einen ungarischen Juden, der auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Marokko gelandet ist. Als Arzt hilft er allen und fragt nicht, auf welcher Seite sie stehen.

Amines Bruder erinnerte ihn an diese Männer, denen er früher begegnet war, auf seinem Weg ins Exil. Männer voll hehrer Worte, strotzend vor Idealen, denen über ihren großen Worten jegliche Menschlichkeit abhandengekommen war. Buchzitat

Man fühlt und leidet mit den Figuren mit

Der Roman blättert ein Kapitel marokkanischer Geschichte auf, wie sie sich im Leben und im Umfeld einer Familie niederschlägt. Slimani gelingt es, so lebendig und packend davon zu erzählen, dass man mitfühlt und mitleidet mit ihren Figuren, auch wenn sie mitunter Dinge tun, die unserem aufgeklärten europäischen Denken widersprechen. In Frankreich steht das Buch auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Der Roman endet 1955 mit den blutigen Kämpfen zwischen Nationalisten und Franzosen. Als die Häuser der Siedler brennen, sitzen Amine und die Seinen auf dem Dach ihres Hauses, körperlich allesamt unversehrt, aber seelisch gezeichnet von ihrer Geschichte. Kränkungen, Hass und Rassismus haben Spuren hinterlassen.

Das Land der Anderen

von Leïla Slimani, aus dem Französischen von Amelie Thoma
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Gelesen von:
Hörbuch gelesen von Wiebke Puls
Verlag:
Luchterhand-Literaturverlag
Bestellnummer:
978-3-630-87646-7
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.05.2021 | 12:40 Uhr

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