Stand: 26.07.2018 16:09 Uhr

Im Takt des Geigerzählers

Heimkehr nach Fukushima
von Adolf  Muschg
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Adolf Muschgs Roman beschäftigt sich mit den zwischenmenschlichen Folgen des Unglücksfalls.

In der Hierarchie der Katastrophen ist das Dreifach-Desaster von Fukushima - das Erdbeben, der Tsunami, der Störfall im Atomkraftwerk - weit nach hinten gerutscht: Andere Unglücke haben sich vorgedrängelt, Fukushima ist einfach schon zu lange her, über sieben Jahre schon. Das Problem ist nur: Unter den Folgen der Verstrahlung werden Mensch und Natur nach Lage der Dinge noch jahrhundertelang zu leiden haben. Vergessen und Verdrängen wäre zwar möglich, aber fatal. Hier ist - wie immer, wenn's ernst wird - die Literatur gefragt. Adolf Muschg, der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller aus der Schweiz, legt jetzt seinen neuen Roman vor: "Heimkehr nach Fukushima". Der fast 85-Jährige ist eng mit Japan verbunden, seine Frau kommt von dort.

Geigerzähler bestimmt Rhythmus und Tempo

Klack! Klack! - das ist der Sound großer Gegenwartsliteratur. Der Geigerzähler, er bestimmt Rhythmus und Tempo in Adolf Muschgs neuem Roman; ein unscheinbares, handygroßes Gerät, das immer dann mahnend knackt, wenn man für einen winzigen Augenblick zu vergessen droht, wo man hier überhaupt ist - vielleicht weil gerade der Blick aufs Meer allzu überwältigend ist oder der Blick auf die selbstbewusst streunenden Wildschweine oder der Blick in ein Paar sehr schöner Augen.

Klack! Klack! macht es dann erbarmungslos, und willkürlich werden Zahlen ausgeworfen - 2,3 - 5,7 - 0,8 - ohne Zusammenhang zueinander, außer dem einen: An Leben ist hier vorerst nicht zu denken. "Vorerst" heißt: eigentlich nie mehr. Allenfalls in sarkastischer Zukunftsvision:

"Vielleicht lässt sich die Strahlung auch zum Heizen verwenden, dafür hat die Hölle immer Bedarf, und warum soll uns der Teufel keinen guten Preis machen? Seit Hiroshima und Nagasaki sind wir doch im Geschäft und haben unsere Meiler nicht umsonst mit buddhistischer Weisheit dekoriert. Prinzipiell ist Energie aus der Kernspaltung immer noch die günstigste, der Mensch muss ihr nur sein Fassungsvermögen anpassen. Ken ist etwas bitter, warnte Mitsu, doch er beachtete sie nicht." Leseprobe

Ken und Mitsu, einst Stipendiaten beim Breisgauer Schriftsteller und Architekten Paul Neuhaus, holen diesen in ihre Heimat - in ihre verstrahlte Heimat. Paul, zu Hause materiell und amourös mehrfach gesättigt, kommt gern - auch wenn ihm nie klar wird, was von ihm erwartet wird oder was er tun könnte, um die Erwartungen zu erfüllen.

Eine Künstlerkolonie auf verstrahltem Gebiet?

Der ambitionierte Bürgermeister von Yoneuchi nahe Fukushima plant die Wiederbesiedlung des Dorfs. Die Einwohner verweigern die Rückkehr. Wenn aber ein Ausländer von gewissem Renommee eben hier eine Künstlerkolonie ins Leben riefe - welches Signal der Hoffnung könnte ausgesandt werden in hoffnungsloser Zeit, meint der Bürgermeister:

Adolf Muschg: "Heimkehr nach Fukushima" (Buchcover) © C.H. Beck Verlag

Adolf Muschg: "Heimkehr nach Fukushima"

NDR Kultur - Neue Bücher -

Adolf Muschg befasst sich in seinem Roman "Heimkehr nach Fukushima" mit den zwischenmenschlichen Folgen der atomaren Katastrophe in Japan im Jahr 2011.

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"Die Zivilisation ist selbst ein Produkt jener Strahlung geworden, vor der sie sich fürchtet, und diese hat längst vor Fukushima nicht nur das Weltmeer und alle Kontinente, sondern auch die Seelen vergiftet. Mit Fukushima hat sie nur eine neue Stufe der Unsichtbarkeit erreicht. Die Neutronenbombe, die von allem Leben nur die Kulisse stehen lässt, ist längst gezündet, nur dass sie nicht in Gestalt eines Big Bang erschienen ist, sondern als fortschreitender bösartiger Prozess der Desintegration. Die wahre Katastrophe ist nicht die nukleare, es ist die soziale. Sie zerstört den Kern des Menschen." Leseprobe

Kulturelle Differenz und Anziehungskraft

"Schön und gut, aber was habe ich damit zu tun?", denkt sich Paul, zunehmend verstört über das Ausmaß der kulturellen Differenz, über die Unmöglichkeit, den ganz Anderen zu verstehen. Man müsste es schaffen, nur zu sehen, nicht zu urteilen: zu sehen, nicht zu verurteilen, dass die Japaner sich gegen die Lügen und Vertuschungen von Politik und Atomindustrie nicht erheben werden, weil sie das für nackten Egoismus halten müssten; zu sehen, nicht zu verurteilen, dass die Japaner sich mit der Katastrophe im Bunde fühlen, um von ihr zu lernen, es künftig eben noch besser zu machen. Man müsste es schaffen, zu verstehen. Mitsu ist die Frau, die Paul vielleicht das Verstehen lehrt.

"Was tun wir denn? 'Ich impfe Sie.' Er wollte den Mund öffnen; da fuhr ihre Zunge hinein und begann ihn auszuwaschen, als wolle sie jedes Wort im Keim ersticken. Dann ergriff ihre Zunge die seine und walkte und saugte so intensiv, dass die Wirkung auch andernorts deutlich genug zu fühlen war…

Ach ach, möchte man seufzen, wieder ein alt gewordener Schriftsteller, bei dem Sex zu peinlichem Schwulst gerät - so aber braucht man Muschg nicht zu kommen, dem Meister des Doppelbödigen. Er hat nämlich Paul zur Überbrückung aller Differenz, gewissermaßen als Paten seiner Reise, Adalbert Stifter mit auf den Weg gegeben. Wie auf Kommando …

"Freilich sagt man, es sei ein großer Fehler, wenn man zu wirklich das Wirkliche darstellt. (Adalbert Stifter)"

... macht der dem Walken und Saugen ein Ende, und die Reise geht weiter, eine Reise ins Unbekannte, Unergründliche. (Klack! Klack!) Wo noch ein Rest von Leben ist, wo noch irgendeiner den Geigerzähler knacken hört, gehen die Geschichten weiter. Muschg ist ihr großartiger Erzähler.

Heimkehr nach Fukushima

von
Seitenzahl:
244 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck Verlag
Bestellnummer:
978-3-4067-2702-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.07.2018 | 12:40 Uhr

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