Stand: 28.06.2020 12:40 Uhr  - NDR Kultur

Ein visionärer Thriller - Spannend und fesselnd

Paradise City
von Zoё Beck
Vorgestellt von Matthias Schümann

Zoё Beck ist nicht nur eine versierte Autorin von Krimis und Thrillern, sondern offenbar auch gerade die Autorin der Stunde: Ihr neuer Roman "Paradise City" war schon am Erscheinungstag ausverkauft. Da mag daran liegen, dass das Buch direkt an die aktuelle Gegenwart anzudocken scheint und die Themen Pandemie, Überwachungs-Apps und Klimawandel behandelt. Zoё Beck, geboren 1975, ist Regisseurin, Übersetzerin und seit kurzem auch Verlegerin. Und sie ist eine überaus produktive Autorin: Seit Mitte der 2000er Jahre hat sie 14 Romane veröffentlicht. Ihr neuer Thriller "Paradise City" spielt in der Zukunft, erzählt aber eine Geschichte der Gegenwart.

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"Paradise City" - ein weiterer spannender Roman der Autorin Zoё Beck.

Das Deutschland der Zukunft ist geteilt. Das Leben in der Stadt unterscheidet sich völlig vom Leben auf dem Land. In einer Mega-City wie Frankfurt am Main, hier übrigens die Hauptstadt der Bundesrepublik, herrschen perfekte Versorgung und perfekte Überwachung. In Städten wie Rostock gibt es nicht mal regelmäßig Strom. Das erlebt Hauptfigur Liina, als sie ihre Kollegin Olga in der Stadt an der Ostsee besucht.

Olga zeigt ihr als Erstes ihr Haus in der Steintorvorstadt. Eine alte Villa aus dem späten 19. Jahrhundert, durchaus renovierungsbedürftig, aber niemand investiert mehr ernsthaft in diese Stadt. Dass eine Person für sich allein ein ganzes Haus bewohnen darf, ist nur außerhalb der Megacitys möglich. Auch wenn an der Ostsee und im nördlichen Bereich der Warnowküste einiges an bewohntem Land überschwemmt wurde, gibt es durch die Seuchenwellen und die Massenabwanderung in die Megacitys nur noch geschätzte zwanzigtausend Menschen, die hier leben. Leseprobe

Unsere Welt - erschreckend und postapokalyptisch

Zoё Beck entwirft in ihrem Thriller "Paradise City" die Zukunftsvision einer erschreckenden, geradezu postapokalyptischen Welt. Pandemien haben viele Menschenleben gekostet, und um die Meinungsfreiheit ist es nicht gut bestellt. Deshalb ist Journalistin Liina undercover unterwegs. In der Uckermark hat es merkwürdige Todesfälle gegeben, gerade kürzlich kam eine Frau ums Leben. Angeblich hatten Schakale sie angefallen. Als Liina zurück nach Frankfurt kommt, liegt ihr Chef und Liebhaber Yassin im Krankenhaus. Kollegin Özlem erzählt ihr, was passiert ist.

"Wie ernst ist es?" "Es kann sein, dass er die Nacht nicht überlebt." Ihr wird schwindelig. Sie glaubt für eine Sekunde, nichts mehr zu hören und nichts mehr zu sehen. Özlem ist aufgestanden, sie geht vor ihr in die Hocke, legt eine Hand auf Liinas Knie. "Er hatte einen Unfall." "Was ist passiert? Ich will zu ihm." "Seine Frau ist bei ihm", sagt Özlem. "Was ist passiert?", fragt sie wieder. "Er ist vor eine einfahrende Bahn gestürzt." Leseprobe

"Alles hängt irgendwie zusammen"

Schnell wird klar: Der Unfall und die von Tieren getöteten Menschen, auch die Probleme, die Liina selber mit sich herumschleppt, alles hängt irgendwie zusammen. Zoё Beck entwirft eine Figur, die so gar nicht in das Bild der perfekten Selbstoptimierer passt. Seit ihrer Jugend hat sie ein Herzproblem, das immer wieder für bedrohliche Umstände sorgt. Und sie hat den Mut zur großen Geste: Als Teenagerin rasierte sie sich die Haare ab, ganz wie ihr Vorbild Deborah Anne Dyer, die Sängerin der Rockband Skunk Anansi. Das sei auch ein Hinweis auf das Erscheinungsbild der Figur, verrät Zoё Beck.

Ihre Vision der Zukunft wurzelt in der Gegenwart

Es scheint, als hätte Zoё Beck alle relevanten Themen dieser Tage zusammengefasst. Pandemien, Klimawandel, eine Gesundheits-App für alle. Die Zukunft, die sie entwirft, wurzelt aber in der Gegenwart, sagt die Autorin: "Wir geben dadurch, dass wir die neueste Technik nutzen, so viel von uns preis, so viel. Sodass wir den Schritt zum Überwachungsstaat schon sehr leicht haben können. Dann würden eben nicht die Konzerne die Daten auslesen, sondern die Staaten. Und das ist ja in einigen Staaten schon durchaus der Fall."

Nicht alle lassen sich überwachen

Die Handlung spielt sich auch auf einer ganz persönlichen Ebene ab. In Rückblenden erzählt Beck von Liinas Jugend, von ihrem Interesse an den sogenannten Parallelen, das sind Menschen, die sich der Überwachung entziehen. Und von ihrer Freundschaft zu Simona, die jetzt, in der Gegenwart des Romans, Gesundheitsministerin ist. Das Buch ist eine Reflexion über Individualität, Mutterschaft und Krankheiten. Es ist aber auch ein in die Zukunft verlegtes Plädoyer für die Demokratie. "Es zeigt sich immer wieder, dass Menschen in Krisenzeiten auf der Suche nach einer starken Führung sind", sagt Zoё Beck. "Und zwischen der erzählten Zeit und heute, da liegen einige schwere Krisen. Ich glaube, mit jeder weiteren Krise sind die Menschen zu dem Schluss gekommen, wenn hier jemand auf uns aufpasst und uns irgendwie gut durch diese Krise führt und uns am Ende hilft, dass es uns dann wieder gut geht, dass wir wieder was Neues aufbauen können, warum dann nicht?"

Showdown im verlassenen Rostock

Zoё Beck erzählt flott, sie nimmt sich aber auch Zeit für ihre starken Frauenfiguren. Sie entwirft einen Hightech-Alptraum, nervt aber nicht mit der Darstellung technischer Details, sondern führt mitten hinein in die Normalität eines zukünftigen Alltags. So kommt es, dass die Figuren die staatliche Überwachungs-App auch mal richtig gut finden, wenn bei einem Kollaps sofort der Rettungswagen vor der Tür steht. Nicht nur Deutschland ist geteilt in diesem Roman, auch die einzelnen Figuren stehen einander auf geradezu archaische Weise gegenüber. Die Stahlharten, Gesunden und die Anfälligen, Sensiblen. Wer die Oberhand behält, entscheidet sich in einem maritimen Showdown im verlassenen Rostock.

Paradise City

von
Seitenzahl:
280 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-047055-8
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.06.2020 | 12:40 Uhr

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