Stand: 10.03.2019 12:40 Uhr

Im Jahr der Mondlandung

Der Sommer meiner Mutter
von Ulrich Woelk
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Woelks Roman spielt in einer Zeit, die von Aufbruchsstimmung geprägt ist.

Seit seinem Debütroman "Freigang" - 1990 mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet - ist der studierte Astrophysiker und Philosoph Urich Woelk fest im Literaturbetrieb verankert. Worauf man sich bei jedem neuen Roman von ihm verlassen kann: Bei Woelk kann man sich auf nichts verlassen! Immer wieder wechselt er Themen, Zeiten und Sujets. Sein neuer Roman "Im Sommer meiner Mutter" spielt nun im Sommer 1969.

Spießeridyll der 60er-Jahre

Es gibt erste Sätze, die machen es fast unmöglich, ein Buch wieder aus der Hand zu legen. Zum Beispiel dieser hier aus seinem neuen, seinem 13. Roman: "Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben." Nach diesem Satz muss man einfach wissen: Wer war sie, die Mutter dieses gerade einmal elfjährigen Tobias, aus dessen Sicht dieser "Summer of Love and Death" erzählt wird?

Die Frau ist gerade mit ihrem Mann Walter, einem Ingenieur, und Tobi in ein neu errichtetes Eigenheim eingezogen, ein Spießeridyll der späten 60er-Jahre mit "Waschbetonterrasse, Zentralheizung und Doppelgaragenanbau".  

"Wir befinden uns am Stadtrand von Köln", erklärt Ulrich Woelk, "in einem sehr wohlgeordneten Wohngebiet, und es ist sehr uniform, aber das findet der Junge schön. Alles ist sicher, alle sehen gleich aus, alle gehen den gleichen Tätigkeiten nach. Die Mütter bleiben zu Hause, die Väter gehen arbeiten."

Neue Nachbarn bringen Unruhe

Die Verhältnisse ändern sich schlagartig, als neben der katholisch-kölschen Kleinbürgerlichkeit der leibhaftige Kommunismus Einzug hält.

"Das ist die neue Generation. Sie ist zehn Jahr jünger und bringt gewissermaßen die Revolution mit. Die Mutter, also die Frau, Frau Leinhard, ist eher bunt und jeansmäßig gekleidet und ein bisschen flippig. Der Mann ist Philosophieprofessor und links und diskutiert mit seinen Studenten, die natürlich streiken gehen. Da bricht eine völlig neue Welt in diesen Kosmos der Kölner Vorstadt ein", sagt der Autor.

Dem Mondfahrtfan Tobi steht der Sinn aber nach einem noch einmal ganz anderen Kosmos: Apollo 11 landet in Kürze auf dem Mond! Und nebenan gibt es halt Rosa. Sie ist die gut ein Jahr ältere Tochter der neuen Nachbarn, benannt nach Rosa Luxemburg, und mindestens so neunmalklug wie Tobi. Während er von Raumfahrt schwärmt, schwärmt sie von Revolution: Apollo versus Adorno.  

"Das Jahr 1969 ist nicht nur wegen der Mondlandung ein so unglaublich spannendes Jahr. Ich meine, es ist unglaublich viel los gewesen. Die 68-er hörten ja nicht 69 auf. Das heißt, die gesellschaftlichen Veränderungen, der Wunsch nach Aufbruch, nach Freiheit ging ja weiter", erklärt Woelk.

Der Traum von Veränderung

So beginnt auch Tobis Mutter unter dem Einfluss der neuen Nachbarn von Aufbruch zu träumen, von Blue Jeans und einem eigenen Leben - wenn auch zur Unzeit.

"Diese Generation hat ihre Jugend und ihre Prägungen weitgehend in den 50-ern erhalten", erläutert der Autor, "also in einer sehr restriktiven, konservativen, prüden Zeit. Im Grunde genommen war diese Generation von Müttern in den 60er-Jahren, als der Aufruf zur Befreiung, zur Revolution kam, für diese Bewegung schon zu alt."

Während im Fernsehen Neil Armstrong einen kleinen Schritt für sich, aber einen großen für die Menschheit vollzieht, macht Tobis Mutter es umgekehrt. Sie vollbringt einen kleinen Schritt für die Menschheit, aber einen großen für sich. Letztlich einen finalen.

Es ist Ulrich Woelk für seinen Roman nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen worden, die Figuren der Spätsechziger allzu stereotyp und die Ideen der Zeit allzu schematisch angeordnet und mit ein paar prickelnden Ersterfahrungen eines Frühpubertierenden garniert zu haben. Mit seiner Versuchsanordnung wirft der studierte Astrophysiker und Philosoph allerdings Fragen auf, die bleiben. Selbst wenn der am Ende des Romans erwachsene Tobias schließlich feststellen wird: "Vielleicht ist es gut, dass wir dem Universum gleichgültig sind."

Der Sommer meiner Mutter

von
Seitenzahl:
189 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-73449-6
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

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