Sigrid Undset: "Kristina Lavranstochter" (Cover) © Kröner Verlag

Spannende Zeitreise: Sigrid Undsets "Kristin Lavranstochter"

Stand: 27.12.2021 16:40 Uhr

Der historische Roman der norwegischen Nobelpreisträgerin Sigrid Undset "Kristin Lavrantochter" spielt im Norwegen des 14. Jahrhunderts und öffnet seine Türen sperrangelweit für eine Zeitreise.

Sigrid Undset: "Kristina Lavranstochter" (Cover) © Kröner Verlag
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von Annemarie Stoltenberg

Im Jahr 1928 wurde die Norwegerin Sigrid Undset mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Nun gibt es manchmal so eine Scheu, die großen Klassiker in die Hand zu nehmen und zu lesen. Bei "Kristin Lavrantochter, Band 1: Der Kranz" ist das nicht nötig. Es ist eine mitreißende, ergreifende und außerordentlich spannende Lektüre.

"Kristin Lavranstochter": Wohlhabend und gut behütet

Kristin wächst als Kind einer wohlhabenden Bauernfamilie in Gulbrandsdalen auf. Sie ist der Liebling des Vaters, der sie vor allen Unbilden hüten und beschützen möchte. Die Mutter ist durch Schicksalsschläge gezeichnet und als die zweite Tochter Ulfhild bei einem Unfall schwer verletzt wird, ist für die Familie nichts anderes mehr wichtig, als dieses Kind zu retten und zu versorgen. Es wird sogar die kräuterkundige Frau Ashild herbeigerufen, die einen etwas zweifelhaften Ruf hat. Frau Ashild, die mit Herrn Björn lebt. Die Zusätze vor den Eigennamen, ebenso das "Sira" vor den später auftretenden Klosterbrüdern, haben eine bestimmte Bedeutung, erklärt die Übersetzerin Gabriele Haefs: "Das sind Titel. Herr Björn und Frau Ashild zum Beispiel, da bedeutet die Anrede, dass sie dem ganz hohen Adel angehören. So durften sich nur wenige nennen. Das musste vom König immer wieder beglaubigt werden. "Sira" steht im Glossar und ist eine mittelalterliche Anrede für Geistliche. Die ist mit "Sir" im Englischen und "Sire" im Französischen verwandt. Auf Deutsch gibt es nichts Entsprechendes, dann fand ich es schön, das beizubehalten."

Möglicherweise erste Übersetzung aus dem norwegischen Original

Vielleicht sollten wir von Frau Gabriele Haefs sprechen, denn sie wurde für ihr Übersetzergesamtwerk in Norwegen zur Ritterin geschlagen. Es gibt den berechtigten Verdacht, dass ihre Übersetzung des Sigrid Undset-Werkes die erste Übersetzung ins Deutsche aus dem Original ist. "Das lässt sich nicht beweisen, weil wir die Bücher nicht haben, die vor 100 Jahren diese beiden Übersetzer benutzt haben", erklärt Haefs. "Aber auffällig ist, dass Eigennamen, Ortsnamen und Spitznamen - die Spitznamen sind seltsamerweise nicht übersetzt in der alten Übersetzung - in der alten deutschen Fassung in der dänischen Schreibweise sind, während Sigrid Undset sie im norwegischen Original in der norwegischen Schreibweise geschrieben hat. Da muss man eigentlich annehmen, dass sie die dänische Übersetzung benutzt haben. Man übersetzt ja nichts aus dem Norwegischen und tauscht dann alle Eigennamen in dänische Schreibweise um. Das klingt sehr unlogisch. Ich glaube schon, dass dies die erste Übersetzung aus dem Norwegischen ist."

Zeitlose Liebesgeschichte von Nobelpreisträgerin Sigrid Undset

Die Geschichte von Kristin ist irgendwie zeitlos. Ihre erste große Kinderliebe stirbt, weil ein Nebenbuhler, ein berüchtigter Gewaltmensch, ihn aus Eifersucht tötet. Ihr Vater hat eine Verlobung für die Tochter arrangiert mit einem charakterstarken, aufrechten Mann namens Simon, in den sie nur leider nicht verliebt ist. Sie will zur Klärung ins Kloster. Während dieser Zeit lernt sie Erlend kennen, dem sie nicht widerstehen kann und den sie heftig begehrt. Sie bricht nicht nur mit allen Konventionen, sondern auch ihrem Vater das Herz, als sie eine Heirat durchsetzt. Misstrauisch macht uns schon, dass dieser Mann mit einer anderen Frau zwei Kinder gezeugt, sie nun aber verlassen hat. Die vormalige Geliebte nimmt ein tragisches Ende, das allerdings vertuscht wird. Erlend kommt die Aussteuer seiner Frau noch vor der Trauung abholen und leiht sich dazu einen Wagen beim zukünftigen Schwiegervater - ungeachtet der Tatsache, dass dieser den Wagen während der Ernte dringend bräuchte. Natürlich gibt er ihn nicht zurück. Auch sonst geschieht viel in diesem unglaublich gut zu lesenden historischen Roman. Der zweite Teil hat den Titel "Die Frau" und ist nicht weniger aufregend.

Ach, es wird eigentlich noch dramatischer! Denn wir können uns ja denken, dass die Ehe nicht unbedingt glücklich und leicht wird - für beide. Kristin kann Erlend nicht verzeihen, dass er sie vor der Ehe verführt hat und er begreift nicht, warum sie so sauer ist. Dann zettelt er eine Verschwörung gegen den König an, wird aber dabei erwischt und würde eigentlich hingerichtet werden, wenn nicht der edle Simon wieder eingriffe und ihn da raushaute - unter eigener Lebensgefahr. Das ist dramatisch und ergreifend. Es ist nur noch eine Steigerung im dritten Band möglich. Manche Leser werden auch auf den dritten Teil ungeduldig warten!

Kristin Lavranstochter. Band 1: Der Kranz

von Sigrid Undset
Seitenzahl:
382 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.
Verlag:
Alfred Kröner
Bestellnummer:
978-3520621016
Preis:
22,00 €

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