Cover von Michael Köhlmeiers "Matou" © Hanser Literaturverlage

"Matou": Köhlmeiers wunderbares Erzählabenteuer samt Kater

Stand: 17.11.2021 06:00 Uhr

Im neuen Roman von Michael Köhlmeier spielen sich sieben Leben ab, die sieben Leben eines Katers. "Matou" heißt das neue Werk des großen österreichischen Schriftstellers.

Cover des Buches "Matou" © Hanser Verlag
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von Alexander Solloch

"Was ich bin, das sind meine Geschichten, und wenn ich sie nicht zu Ende erzähle, werde ich nicht mehr sein." Aus dem Kontext gerissen, klingt dieses Bekenntnis des Katers beinahe entschuldigend. Aber Matou ist keiner, der sich entschuldigt. Er ist der Boss, der Boss des Erzählens. Nicht er streicht um unsere Beine, damit wir ihm unsere Aufmerksamkeit schenken, nein, wir Menschen, so denkt er - und er denkt es zu Recht -, werden noch gieren nach seinen Geschichten und beten, bitten, betteln, dass sie niemals aufhören. Also: Monsieur Katerchen, bitte anfangen!

Ein bewundernswerter Kater

Ich habe meinen Herrn sterben sehen. Sein Tod geschah schneller, als du das Wort sterben aussprechen kannst. Ich hockte unter der Guillotine und leckte das Blut.
Der Herr meines ersten Lebens nämlich war niemand anderer als Camille Desmoulins, der Bestürmer der Bastille, der schneidigste Reden- und Artikelschreiber der Revolution, der berühmte, berüchtigte und beliebte… - Halt! Höre ich dich rufen. Du fragst: Woher weiß er das? Er ist ein Kater. Leseprobe

Ja, nun eben! Ein Kater. Das ist mehr, als die meisten Wesen von sich behaupten können. Man muss ihn bewundern - nicht dafür, dass er sieben Leben lebt, dass er sich sogar in der Auszeit zwischen den einzelnen Leben im Katzenkatalog sein kommendes aussuchen darf; das ist nun einmal ein Geschenk des Schicksals. Aber wie Matou es schafft, im Laufe von 230 Jahren beziehungsweise fast tausend Seiten jedem einzelnen Leben - dem im Guillotinen-Zeitalter, dem mit Peregrin, dem demokratischen Floh, dem als Diktator auf einer griechischen Insel - Bedeutung zu verleihen, das ist schon bewunderungswürdig. Matou ist kein Sympathieträger, er lügt, intrigiert und mordet. Aber er kann erzählen, er kann schreiben - nicht in Form eines Gedankengewitters, das es irgendwie zwischen zwei Buchdeckel schafft, sondern ganz handfest, und zwar mit der dritten Kralle der rechten Pfote.

Manche schaffen nun einmal Außergewöhnliches, so Michael Köhlmeier: "Ich kann zum Beispiel - ich weiß nicht, ob Sie das können - bei meinem Ringfinger das oberste Glied abspreizen; das können auch nicht viele. Und so hat Matou gelernt, eine Kralle auszufahren, und hat sich dann ein Schälchen geholt, wo er reinpisst. Dann holt er ein bisschen Erde und vermischt das, und das ergibt so eine antikbraune Farbe, und damit schreibt er."

Der Reichtum der menschlichen Sprache

Ist der Kater also genial - oder schöpft er die Möglichkeiten seiner Gattung nur konsequenter aus als seine insgesamt vielleicht eher phlegmatischen Artgenossen? "Ich glaube, das ist beides", so Köhlmeier. "Innerhalb der Katzen würde er doch als Genie gelten. Er ist schon außergewöhnlich, aber er nützt auch die Fähigkeiten aus. Er sagt zum Beispiel: Schau, wir haben schon so viele Schnurrhaare. Wenn ich mit einem einzigen Schnurrhaar nur eine kleine Bewegung nach oben mache, bedeutet das etwas, was jede andere Katze versteht. So kannst du dir ausrechnen, wie viele Bedeutungen allein über die Schnurrhaare uns mitzuteilen möglich ist. Er ist also der Semiotiker unter den Tieren, der Matou."

Der uns dadurch, dass er zum einen beharrlich versucht, den Menschen zu verstehen, und sich andererseits ganz und gar in den Weiten seiner kätzischen Natur austobt, vor allem eines zeigt: Das Läppische, was uns unsere eingeschränkten Wahrnehmungsapparate melden, sind nur ein paar wenige von Abermillionen Möglichkeiten, zu denken, zu fühlen, die Welt zu betrachten. So wunderherrlich, wie wir glauben, sind wir doch nicht - wenngleich Matou dem Menschen seinen Respekt nicht ganz und gar versagen mag. Zwar spottet er gern über dessen Drang, tausend Worte zu verlieren, wo ein Tatzenhieb auch reichen würde. Aber andererseits - was für ein Reichtum, die menschliche Sprache:

Ich habe von euch gelernt. Auf 99 Arten kann man sterben. Man kann…
1) … abkratzen
2) … den Löffel abgeben
3) … über die Klinge springen … Leseprobe

Davor kann man sich auf ungezählte Arten einer Ahnung von Glück nähern:

1) österreichische Literatur lesen;
2) Michael Köhlmeier lesen;
3) unbedingt auch alles von seiner Frau Monika Helfer noch einmal lesen; und dann, irgendwann später:

98) … die Augen für immer schließen
99) … erfrieren. Leseprobe

Was für eine schöne Welt, was für eine schöne Zeit, was für ein schönes Leben. Was für ein schöner Roman!

Matou

von Michael Köhlmeier
Seitenzahl:
960 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Das von Köhlmeier selbst eingesprochene Hörbuch ist beim Hörverlag herausgekommen.
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-27079-4
Preis:
34,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.11.2021 | 12:40 Uhr

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