Marcel Proust: "Briefe an seine Nachbarin" © Suhrkamp

Marcel Proust: "Briefe an seine Nachbarin"

Stand: 30.03.2021 18:17 Uhr

Marcel Prousts Werk ist abgesehen von seinem monumentalen Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" überschaubar. Nicht nur Proust-Forscher freuen sich, wenn neue Zeilen von ihm entdeckt werden.

von Tobias Wenzel

Aber das dann mit einem Schlag 26 Briefe des französischen Schriftstellers auftauchen, ist eine kleine Sensation. Jetzt sind sie unter dem Titel "Briefe an seine Nachbarin" erschienen. Sie sind ein Beleg dafür, wie sehr der hochsensible Marcel Proust unter Lärm litt.

Die Angst vorm hämmernden Lärm

Im Herbst 1915 schreibt Marcel Proust an seine Nachbarin Madame Williams, Künstlerin und Ehefrau eines amerikanischen Zahnarztes:

Ich bin gezwungen, in krankem Zustand auszugehen, und weiß nicht, in welchem Zustand ich zurückkommen werde! Nun ist morgen, Sonntag, der Tag, der mir gewöhnlich das Gegenteil der wöchentlichen Ruhe beschert, da in dem kleinen Hof, der an mein Schlafzimmer grenzt, die Teppiche Ihrer Wohnung mit aller Wucht geklopft werden. Darf ich für morgen um Gnade bitten?
(vermutlich Herbst 1915) Leseprobe

Die Wohnung der Williams und die Zahnarztpraxis liegen direkt über der Wohnung des Lärm-Phobikers Marcel Proust im Pariser Boulevard Haussmann Nummer 102. Die Korkplatten, mit denen der kränkelnde Schriftsteller seine Wände und Decken verkleidet hat, können nicht verhindern, dass etwa Baulärm und das Hämmern beim Zunageln von Umzugskisten zu ihm vordringen.

Mit der Nachbarin entwickelt sich eine rege Korrespondenz

Es ist ein großes Vergnügen, diese nun zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlichten "Briefe an seine Nachbarin" zu lesen. Genauer: drei Briefe an den Zahnarzt, 23 an dessen Ehefrau. Zu der baut Proust eine vertraute Beziehung auf. Die Angst vor Lärm ist so groß, dass Proust sogar augenzwinkernde Verse für sie dichtet, damit sie ihren Ehemann überzeugt, keinen Lärm zu den vom Autor angegebenen Zeiten zu machen.

Um Stille fleht ich - und bleib ungestillt.
Von Gott nicht erschaffen leise noch mild,
Sprach sie ihr Urteil: So ertrage ich all
Diesen hämmernden Lärm, erhaben über den Hall
Ihrer Schritte.
(eventuell 1911) Leseprobe

Besonders kurios: Die beiden Nachbarn schicken sich jahrelang über den Postweg Briefe - und er ihr außerdem Blumen und die ersten Bände seines Romans "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" -, anstatt einfach selbst die paar Treppenstufen hoch- oder runterzugehen. In einem Moment der Einsamkeit bittet Proust Madame Williams allerdings, sie besuchen zu dürfen.

Zu Beginn des Erstens Weltkriegs werden die Briefe der Nachbarin wichtiger

Der letzte hat mir ganz besonders gutgetan in diesen schrecklichen Stunden, in denen man um all jene zittert, die man liebt, und damit meine ich nicht nur diejenigen, die man kennt.
(vermutlich Oktober 1914) Leseprobe

Herausragende Übersetzungsarbeit

Proust und Madame Williams spenden sich Trost, als ihre Brüder sterben. Bernd Schwibs hat die sprachlich zunehmend anspruchsvollen Briefe Prousts herausragend gut übersetzt. Leider sind die Antworten von Madame Williams nicht erhalten. Aber aus Prousts Zeilen lässt sich erahnen, dass sie umfangreich und stilistisch nicht trivial waren.

Dass Jean-Yves Tadié in seinem Vorwort behauptet, Prousts "Briefe an seine Nachbarin" seien ein "veritabler kleiner Roman", ist maßlos übertrieben. Aber sie sind kleine Preziosen eines großen Autors und eines mindestens so großen Lärmphobikers.

Wie sehr die Briefe von tatsächlicher Bewunderung für die Nachbarin zeugen und wie sehr von schmeichelndem Kalkül, um Ruhe zu erwirken - die Antwort auf diese Frage hat Marcel Proust mit ins Grab genommen. Er war sich aber sehr wohl dieses Balanceakts bewusst:

Madame,
ich hatte diese Blumen für Sie bestellt und bin nun ganz verzweifelt, dass sie an einem Tag ankommen, an dem ich mich wider alle Voraussicht so schlecht fühle, dass ich Sie für morgen, Samstag, um Ruhe bitten möchte. Da nun aber diese Bitte in keinem Zusammenhang steht mit den Blumen, diese vielmehr allen Dufts uneigennütziger Huldigung beraubt und sie mit hässlichen Dornen spickt, möchte ich noch lieber von dieser Bitte um Ruhe absehen.
(April 1915) Leseprobe

"Briefe an seine Nachbarin" ist ein wunderbares Buch, nicht nur für Feinde des Lärms, sondern für alle Freunde der Literatur.

Briefe an seine Nachbarin

von Marcel Proust, aus dem Französischen von Bernd Schwibs
Seitenzahl:
117 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-458-19500-9
Preis:
14,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.03.2021 | 12:40 Uhr

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