Die Lyrikerin Louise Glück im Jahr 2016 in Umarmung mit Barack Obama. © picture alliance/Carolyn Kaster/AP/dpa Foto: Carolyn Kaster

Lyrikerin Louise Glück erhält den Literaturnobelpreis 2020

Stand: 08.10.2020 09:00 Uhr

Die Vergabe des Literaturnobelpreises an die Lyrikerin Louise Glück ist eine Überraschung, sagt NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch im Interview.

Die 77-Jährige werde "für ihre unverkennbare poetische Stimme" ausgezeichnet, mit der sie "mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell" mache, sagte der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm. Die Nobelpreise sind diesmal mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (rund 950 000 Euro) pro Kategorie und damit einer Million Kronen mehr als im Vorjahr dotiert.

Petra Rieß: Alexander Solloch, das ist eine einigermaßen überraschende Wahl, oder?

Alexander Solloch: Jedenfalls ist dieser schöne Name meines Wissens nie oder höchst selten genannt worden bei all den Spekulationen der vergangenen Tage. Die üblichen Namen wie Haruki Murakami, Joyce Carol Oates oder Margaret Atwood waren also wieder mal nur Platzhalter für eine solche Überraschung. Andererseits dürfen wir auch nicht allzu überrascht davon sein, dass wir überrascht sind, weil die Überraschung zu einem der Gestaltungsprinzipien der Schwedischen Akademie gehört.

Die Lyrikerin Louise Glück. © dpa Bildfunk Foto: Shawn Thew
Die amerikanische Poetin Louise Glück 2016 bei der Verleihung der National Humanities Medal (Medaille für Geisteswissenschaften) im Weißen Haus.

Immerhin, eine Voraussage hat sich erfüllt und die war auch nicht schwer zu treffen, nämlich, dass es diesmal kein Europäer, keine Europäerin sein würde, nachdem im letzten Jahr gleich zwei ausgezeichnet worden sind. Dass es eine US-Amerikanerin ist - gut, das kann nie überraschen angesichts der auch global überragenden Bedeutung der amerikanischen Literatur, auch wenn man jetzt vielleicht mosern könnte, dass es ja gerade vier Jahre her ist, dass ein Amerikaner den Literaturnobelpreis bekommen hat, Bob Dylan, während etwa die afrikanische Literatur seit bald 20 Jahren nicht mehr zu solchen Ehren gekommen ist und die schwarzafrikanische gleich schon viel länger nicht, seit fast 35 Jahren.

Diese Kritik wird sicherlich heute noch und in den nächsten Tagen formuliert werden. Nun ist es, glaube ich, nicht verwegen anzunehmen, dass die Schwedische Akademie ein paar Gedanken damit verbunden hat, gerade jetzt eine US-Amerikanerin auszuzeichnen. Um zu sagen: Aus diesem großen Land kommt auch Gutes. Dieses große Land hat der ganzen Welt etwas zu schenken, etwa die Gedichte von Louise Glück.

Helfen Sie unserem Gedächtnis auf die Sprünge: Wer ist nochmal Louise Glück?

Alexander Solloch: Man muss sich gar nicht schämen, wenn einem der Name nicht so viel sagt. Wir haben uns in der Literaturredaktion auch erstmal mit großen Augen angeguckt, als heute Mittag diese Entscheidung verkündet wurde. Louise Glück wurde 1943 in New York geboren. Ihre Großeltern väterlicherseits waren ungarische Juden, die einst in die USA auswanderten. Sie ist Englisch-Professorin in Yale. Sie hat bisher 12 Gedichtbände vorgelegt. Zwei davon sind ins Deutsche übertragen worden - von der bekannten Schriftstellerin Ulrike Draesner: "Averno" und "Wilde Iris".

Beide Bände sind allerdings vergriffen, allenfalls noch antiquarisch zu haben. Da ist also der Luchterhand-Verlag, der sie einst verlegt hatte, aufgefordert, baldigst mal nachzudrucken. Es ist natürlich auch Pech für den Verlag, dass da keiner die prophetische Weitsicht hatte, mit dieser Entscheidung zu rechnen.

Zeichnung der Lyrikerin Louise Glück. © Nobel Media. Niklas Elmehed

AUDIO: Zum Literaturnobelpreis für Louise Glück (6 Min)

Louise Glück hat sehr universelle, auch sehr amerikanische Themen: der Mensch, der den Kräften der Natur ausgeliefert ist, die Mythen im Zusammenprall mit unserem modernen Leben, die Verwundbarkeit des Menschen, der eines Tages sterben muss. Das sind jetzt nur sehr vage Überschriften. Die Wirklichkeit ist ja doch ein bisschen brüchiger und nicht ganz so leicht auf den Punkt zu bringen. Sie selbst sagt, sie will eigentlich immer, wenn sie mit einem Text fertig ist, das komplette Gegenteil niederschreiben. Eine Dichterin dürfe nicht einfach gemütlich dasitzen und sich wiederholen. Kunst bedeutet, sagt sie, nicht Altbekanntes zu bekräftigen, sondern das zu beleuchten, was zuvor verborgen gewesen ist.

Nun hat die Schwedische Akademie einige turbulente Jahre hinter sich, 2018 musste gar die Literaturnobelpreisverleihung ausfallen, deshalb gab es im vergangenen Jahr gleich zwei Auszeichnungen. Die für Peter Handke war dann wiederum Gegenstand heftiger Kontroversen. Hat die Akademie mit Louise Glück nun eine gute Wahl getroffen?

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Die Lyrikerin Louise Glück. © dpa Bildfunk Foto: Shawn Thew

"Louise Glück ist eine bedeutende und originäre lyrische Stimme"

Der Literaturnobelpreis 2020 geht an die Lyrikerin Louise Glück. Ein Gespräch mit Glücks Übersetzerin Ulrike Draesner. mehr

Alexander Solloch: Ich glaube, es ist vor allem eine befriedende Wahl. Inhaltlich, literarisch und moralisch wird man Louise Glück kaum absprechen wollen, nobilitierungswürdig zu sein. Ich glaube nicht, dass sich an ihr eine große Literatur-Debatte entzünden wird.

Ganz davon abgesehen, kann man sich natürlich freuen, dass die Lyrik, die zwar viel gefeierte, aber kaum gelesene Königinnen-Gattung der Literatur, mal wieder so richtig ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wird. Wenn also gesagt wird: Lest Gedichte! Lasst euch bereichern von dieser edlen Kunst! Und: Lernt jemanden kennen, den ihr bislang noch kaum kennt.

Jetzt müssten uns nur die Übersetzungen der Glück-Gedichte von Ulrike Draesner zugänglich gemacht werden. Am besten wird sie noch beauftragt, die noch unübersetzten zehn Gedichtbände ins Deutsche zu übertragen. Und dann kann man sich doch eigentlich nur freuen!

Vielen Dank, Alexander Solloch. Louise Glück bekommt in diesem Jahr den Literaturnobelpreis, verliehen wird er ihr am 10. Dezember.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 08.10.2020 | 13:00 Uhr

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