Stand: 02.07.2019 14:29 Uhr

Auf Spurensuche mit alter Familienbibel

Hier sind Löwen
von Katerina Poladjan
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Poladjans Erzählung droht immer mal wieder in Gefühligkeit und Sentimentalität abzurutschen.

Katerina Poladjan ist wohl das, was man eine Kosmopolitin nennt: Geboren in Moskau, wuchs sie in Rom und Wien auf. Heute lebt sie in Deutschland und sie schreibt auf Deutsch: Theaterstücke, Essays und Romane. Gerade ist ihr dritter erschienen: "Hier sind Löwen". Wie könnte es anders sein, auch die Protagonistin ist eine wahre Kosmopolitin.

Den neuen Roman von Katerina Poladjan durchziehen verschiedenfarbige Fäden. "Fünf Nadeln, fünf Seidenfäden, zwei schwarze, zwei rote, ein weißer." Er handelt von Helen, Helen Mazavian, einer Buchrestauratorin und -binderin, und läuft - wie die Metapher der Buchbinderei - wie am Schnürchen. "Den roten Faden in die Öse, den weißen gleich hinterher, festziehen."

Die Geschichte beginnt in Istanbul, wo Helen einen Freund trifft, den sie bei einem früheren Aufenthalt am Bosporus kennen gelernt hat:

Damals hatte ich gerade mein Studium der Kunstgeschichte abgeschlossen, ein paar Semester Orientalistik angehängt und mein Geist war theoriemüde. Ich sehnte mich nach konkreter Materie und bewarb mich um ein Praktikum in den Werkstätten der Süleymaniye-Bibliothek. Ich bekam eine Einführung in die Restaurierung alter Handschriften, und zum ersten Mal hielt ich Bücher aus dem zehnten Jahrhundert in den Händen. Zurück in Deutschland gab ich mein Promotionsvorhaben auf und ging bei einem Buchbinder in die Lehre. Leseprobe

Suche nach den eigenen Wurzeln

Jetzt ist sie auf der Durchreise in den Kaukasus, nach Armenien. In Jerewan will sie die spezielle armenische Buchbindetechnik lernen.

"Weiß, rot, weiß, der schwarze Faden darunter, Knoten für Knoten, festziehen, fester." Leseprobe

Festziehen. Fester. Denn auch Helen Mazavian hat hier - auf der östlichen Seite des Bergs Ararat, an dem Noahs Arche bei Absinken der Sintflut auf Grund gelaufen sein soll - etwas "festzuziehen". Denn angeblich hat auch sie hier Wurzeln, beginnt hier ihre ganz eigene, persönliche Geschichte. Das behauptet zumindest ihre etwas wirre Mutter, eine Künstlerin, eine Rabenmutter. Helen folgt dem Lockruf der Exotik und macht sich in Ostanatolien auf die Suche nach Verwandten.

Dikranian. Abovyan. Petrosian. Mazavian. Mein Nachname war plötzlich in phonetischer Gesellschaft. Bisher hatte ich ihn getragen wie ein unpassendes Kleidungsstück, wie einen verbeulten Hut, den ich auch zum Essen nicht abnahm. Leseprobe

Nun fühlt Helen sich in der Fremde fast zu Hause - und saugt alle Geschichten begierig in sich auf. Die gegenwärtigen, wenn etwa Levon sie erzählt, ein Armeeangehöriger, mit dem sie eine Affäre beginnt und der das moderne Armenien im Stil eines Landeskundlers vor ihr (und uns) ausbreitet. Oder auch die vergangenen, wenn Helen am Rand einer zu restaurierenden Familienbibel auf die Notiz stößt: "Hrant will nicht aufwachen."

Überlebende des Völkermords in Armenien

Die Worte katapultieren Helen (und uns) mir nichts, dir nichts ins Jahr 1915. Da sind sie nämlich handschriftlich an einen Seitenrand der Familienbibel geschrieben worden. Kurz nach den türkischen Pogromen an der christlichen Minderheit der Armenier. So gesellt sich im Buch zur Gegenwart Armeniens noch seine dunkle Vergangenheit - ausführlich ausgebreitet in der Geschichte der Geschwister Anahid und Hrant, kleinen Kindern, die mit Glück als einzige ihrer Familie den Völkermord überleben, nur sich und die Familienbibel retten können, und auf der Flucht fast verhungern.   

Wir essen ein Stück von dem Buch, dann werden wir schlau. Dürfen wir das, Anahid? Ein Stückchen dürfen wir. Schmeckt nach Erde, es kitzelt im Bauch. Du spürst schon die Klugheit. Leseprobe

Hinweise auf frühere Familienereignisse

Wenn Helen nun - ein Jahrhundert später - diese Familienbibel vor sich hat, um sie zu restaurieren, Ausbesserungen vorzunehmen, Übermalungen und Überschreibungen, und um das Buch dann neu zu binden, im traditionellen armenischen Stil, dann schließt sich ein Kreis, ja, aber wozu?

Bei aller Emphase, mit der Katerina Poladjan dieses "Ich-erkläre-euch-Armenien-Buch" erzählt - und die immer mal wieder in Gefühligkeit und Sentimentalität abzurutschen droht -, will sich keine echte Nähe einstellen. Weder mit Helen als Figur, die all die großen Themen zu schultern hat, noch mit den Vertriebenen und Geflüchteten von früher oder den Entwurzelten und Flüchtenden von heute. Da hilft auch alle Buchbinderei nicht recht. Es wird kein Block daraus.

Hier sind Löwen

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-397381-5
Preis:
22,00 €

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