Stand: 07.08.2020 17:06 Uhr  - NDR Kultur

Rassismus in Kinderbüchern: Der Fall "Jim Knopf"

von Janek Wiechers

Michael Endes Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" begeistert seit Jahrzehnten Groß und Klein gleichermaßen. Die anrührende Geschichte vom kleinen, schwarzen Jungen Jim, der in einer Kiste auf der winzigen Insel Lummerland angespült wird und mit seinem Freund Lukas viele Abenteuer durchsteht, ist ein Klassiker der Kinderbuchliteratur. Vor 60 Jahren, im Sommer 1960 erschien der erste Jim Knopf-Band. Aber so schön und liebevoll "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" auch geschrieben ist - aus heutiger Sicht ist es nicht unumstritten. Manche sehen das Buch vor dem Hintergrund der aktuellen Rassismus-Debatte kritisch.

Cover des Kinderbuches " Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" von Michael Ende, erschienen im Thienemann-Esslinger Verlag. © Thienemann-Esslinger Verlag
Dass ältere Kinderbücher bezüglich ihrer Inhalte hinterfragt werden, ist ein wichtiger Schritt, um die Fortschreibung von Rassismus heute zu unterbinden.

In der Kinderbuchhandlung "Bücherwurm" im Braunschweiger Magniviertel greift Buchhändlerin Hilke Heimann ins Regal und zieht sie heraus - die Jim Knopf-Bücher von Michael Ende. Verkaufs-Dauerbrenner, die die Buchhandlung immer vorrätig hat: "Das wird nach wie vor nachgefragt, gekauft und gerne gelesen. Es ist eine Geschichte, die den jetzigen Eltern aus ihrer Kindheit noch total vertraut ist, und die das auch gerne an ihre Kinder weitergeben möchten."

Wo beginnt Rassismus? Mit der Sprache oder der Geschichte?

Seit Jahrzehnten lieben Kinder und Eltern Jim Knopf und die anderen liebenswerten Charaktere und Geschöpfe in Michael Endes Büchern. Und doch hat die heile Welt Lummerlands in jüngerer Zeit einen Schatten bekommen. Kritiker bemängeln die mitunter klischeehafte und stereotype Darstellung des kleinen afrikanischen Jungen Jim und die aus heutiger Sicht rassistische Sprache. Denn Michael Ende benutzt zumindest an einer Stelle das diskriminierende Wort "Neger".

Riem Spielhaus © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder
Riem Spielhaus sieht in "Jim Knopf" ein Buch, das reichlich Gesprächsstoff bietet, über Rassismus nachzudenken und zu diskutieren.

Tatsächlich habe Michael Ende mit Jim Knopf aktiv gegen Rassismus angeschrieben, betont Riem Spielhaus. Die Afrikanistin und Islamwissenschaftlerin ist Professorin an der Uni Göttingen und leitet die Abteilung "Wissen im Umbruch" am Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Endes Jim Knopf-Buch enthalte aber durchaus antirassistische Ideen: Lummerland etwa, als Gegenentwurf zum düsteren Kummerland: "Kummerland ist der rassistischste Ort der Welt: Dort dürfen nur reinrassige Drachen hin. Der Halbdrache Nepumuk darf nicht rein - und ihm helfen der Lokomotivführer und Jim Knopf, Selbstachtung zu finden. Und sicherlich wählt Michael Ende nicht aus Zufall einen kleinen schwarzen Jungen als Hauptprotagonisten."

Michael Endes Jim Knopf ist eine ambivalente Figur

Grauhaarigr Mann mit Vollbart, der über den Rand seiner Brille schaut © dpa-Report/picture-alliance Foto: Jörg Schmitt
Dass Michael Ende einen schwarzen Jungen als Protagonisten wählt, ist außergewöhnlich - zumindest für die Entstehungszeit von "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer".

In der Buch- und Bilderwelt der 60er- bis 80er-Jahre kamen schwarze Protagonisten praktisch nicht vor, so Spielhaus. Insofern sei Michael Ende in seiner Zeit anders und besonders gewesen. Aus heutiger Sicht aber ist Jim Knopf für die Wissenschaftlerin trotzdem problematisch - ihrer eigenen Tochter liest sie das Buch deshalb nicht vor: "Wir haben eine ganze Reihe von Stereotypen in dem Buch. Die Geschichte mit dem angespülten schwarzen Baby - das hat Ambivalenzen. Auch das Nachdenken darüber, dass man eigentlich nicht dahin gehört, hat befremdliche Züge in unserer heutigen, globalisierten Welt. Zur heutigen Zeit kann man, vor allem wenn man schwarze Kinder hat - ob nun zu Hause als Eltern, in der Kitagruppe oder in der Grundschule - andere Bücher finden."

Solche, die etwa von schwarzen Autoren geschrieben wurden, so die Wissenschaftlerin, und deren Erfahrungswelt somit wesentlich besser wiederspiegelten. "Jim Knopf"  ist für die Forscherin also in jedem Fall ein ambivalentes Buch. Was für Spielhaus allerdings ganz eindeutig nicht akzeptabel ist, ist das "N-Wort": "Weil doch sehr klar ist, wie es eingewoben ist in die Legitimation von Sklaverei und die Hierarchisierung von Hautfarben."

Die Auseinandersetzung mit Rassismus in Kinderbüchern ist notwendig

Für Spielhaus ist "Jim Knopf" ein Buch, das reichlich Gesprächsstoff bietet, über Rassismus nachzudenken und zu diskutieren. Sich dieser Debatte aber reflexartig zu entziehen, wie es nicht zuletzt beim Thema Jim Knopf viele tun, hält die Rassismus-Expertin für schädlich: "Das ist sicherlich eine Einstellung, die Rassismus, wenn nicht beinhaltet, dann doch zumindest dessen Fortbestehen ermöglicht und die Auseinandersetzung damit vermeidet und verhindert. Auch zu verstehen, was jemand, der sich davon betroffen fühlt, bewegt."

Eine Meinung, die auch Buchhändlerin Hilke Heimann aus dem Braunschweiger Magniviertel im Kern teilt. Auch wenn sie Michael Endes Buch insgesamt für ein gutes Kinderbuch hält: "Ich würde es nicht als kritisches Buch sehen. Aber wenn jemand von dem Thema persönlich betroffen ist, muss man das einfach akzeptieren, und hören, was andere Stimmen sagen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 07.08.2020 | 09:20 Uhr

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