Stand: 24.09.2020 10:00 Uhr

"Hundert Augen": Neuer Roman von Samanta Schweblin

von Tobias Wenzel
Samanta Schweblin: "Hundert Augen" © Insel bei Suhrkamp
Spielzeug oder Spionage-Software - diese Frage stellt sich hier.

Samanta Schweblin ist zwar erst 42 Jahre alt, gilt aber einigen schon als die bedeutendste lebende argentinische Schriftstellerin. Ihr Werk wurde in 25 Sprachen übersetzt. Die Filmrechte an ihrem neuen Roman "Hundert Augen" sind schon für eine kleine Fernsehserie in den USA verkauft.

Im Zentrum von "Hundert Augen" stehen High-Tech-Plüschtiere, durch die Menschen, die sich nicht kennen, über das Internet in Kontakt treten.

Die Kamera befand sich hinter den Augen des Plüschtiers, und manchmal rollte es auf den drei Rädern, die sich unter seiner Basis verbargen, vorwärts oder rückwärts. Gesteuert wurde es von irgendwo anders, sie wussten nicht, von wem. Leseprobe

In Samanta Schweblins erschreckend real anmutendem Roman "Hundert Augen" sind Kentukis, die Kombination aus einem mobilen Plüschtier und einem Smartphone, der neue weltweite Trend. Eine Person kauft sich das smarte Plüschtier. Eine zweite von irgendwo auf der Welt erhält über das Internet Zugang zu diesem Kentuki und kann über die Kameraaugen und das eingebaute Mikrofon im Kentuki seinen Besitzer sehen und hören. Der Besitzer hört und sieht aber den User nicht.

Plüschtiere mit Kameraaugen

Der Italiener Enzo hält deshalb einen Zettel mit seiner Telefonnummer in die Kamera eines Kentukis im Maulwurfsdesign, in der Hoffnung, der hilfsbereite User dahinter melde sich bei ihm: Der Kentuki hält nicht nur Enzo die Tür auf, sondern hat auch noch ein wachsames Auge auf Enzos Sohn. Und die peruanische Rentnerin Emilia bekämpft ihre Einsamkeit, indem sie über die Kamera und das Mikrofon eines Kentukis am Leben einer Frau aus Erfurt teilnimmt.

"Im Roman gibt es viel Voyeurismus. Warum faszinieren uns die verborgenen Blicke auf andere Menschen? Ich glaube: Wenn ich sehe, wie die anderen sind, während sie nicht wissen, dass ich sie sehe, tritt da eine Wahrheit zutage, die auch mit mir zu tun hat - und die Technologie vermittelt diesen Eindruck", meint Samanta Schweblin.

Emilia beobachtet aus Peru durch den Kentuki, wie ein Mann der Frau in Erfurt Geld stiehlt. Muss man etwas unternehmen, wenn man über die Kameraaugen Zeuge einer Straftat auf einem anderen Kontinent wird? Das ist eine der vielen ethischen Fragen, die der Roman aufwirft.

Gefährliche Technik im Kinderzimmer

Eine andere: Sollte man seinem Kind ein High-Tech-Plüschtier schenken, wenn sich dadurch Pädophile virtuell in das Kinderschlafzimmer begeben könnten? Bei der Lektüre des Romans "Hundert Augen", den Marianne Gareis ausgezeichnet übersetzt hat, wird allerdings schnell klar: Nicht die Technologie selbst stellt eine Gefahr dar, sondern der Mensch, der sie nutzt.

"Es gibt ja diese Vorstellung, Technologie sei schlecht, weil ein Staat uns darüber kontrolliert oder ein Unternehmen uns ausspioniert. Dass es so etwas gibt, bestreite ich natürlich nicht. Aber was wir oft nicht im Blick haben: Auf der anderen Seite der Technologie befinden wir uns selbst", erklärt die Autorin.

"Hundert Augen" ist ein berührendes Buch darüber, wie wir durch Technologie miteinander kommunizieren, wie wir auf andere blicken und andere wiederum auf uns und wie wir versuchen, unsere Ängste und die Leerstellen unseres Lebens, von der toten Mutter bis zum abwesenden Sohn, zu kompensieren.

Mit diesem Roman hält die Autorin uns einen Spiegel vor

Die tragikomischste Szene des Buchs: Als ein Mann stirbt, begeht sein Kentuki, gelenkt von einem User, aus Solidarität Selbstmord, indem er sich vom Balkon stürzt. Das alles ist herausragend gut geschriebene Literatur und der Kentuki letztlich ein cleverer Kniff, mit dessen Hilfe uns Schweblin den Spiegel vorhält.

"Es geht nicht nur darum, dass dich jemand durch einen Kentuki beobachtet. Man kann diesem Beobachter auch zeigen, dass er im Kentuki gefangen ist. Das ist eine Beziehung, in der es ein Tauziehen um Macht gibt. Zum Beispiel: Ich schlage einen Kentuki. Und im Kentuki steckt eine Person. Schlage ich dann die Person oder einen Kentuki?", fragt die Autorin.

So wundert es den Leser auch nicht, dass im Roman ein Hacker Kentukis samt Usern aus der Abhängigkeit ihrer Besitzer befreit.

Hundert Augen

von
Seitenzahl:
252 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42966-2
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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