Frank Göhre: "Die Stadt, das Geld und der Tod" (Cover) © Culturebooks

Hamburg-Krimi von Frank Göhre: "Die Stadt, das Geld und der Tod"

Stand: 29.12.2021 08:29 Uhr

Frank Göhres Kiezkrimis werden bis heute als Meilenstein der deutschen Kriminalliteratur gefeiert und haben dem Autor den Ruf eines hart gesottenen St. Pauli-Chronisten eingebracht.

Frank Göhre: "Die Stadt, das Geld und der Tod" (Cover) © Culturebooks
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von Jürgen Deppe

Beim Öffnen des neuen Buches vom Altmeister (Frank Göhre ist gerade 78 geworden) wird einem direkt schwummerig: Da springt einen als erstes ein "Personenregister" an, unterteilt in "Der Familienclan", "Die Pokerrunde" und "Angehörige und andere". Es umfasst eins, zwei, drei, vier, fünf - 19 Namen! Verwirrend wie in "Krieg und Frieden". Aber um nichts weniger geht es ja auch.

Der Krimi spielt im Ganovenmilieu von Hamburg St. Pauli

Die Tätigkeitsbeschreibungen der 19 weisen nicht eben auf eine besonders seriöse Klientel hin: Immobilienkaufmann, Gebrauchtwagenhändler und Discobetreiber, Chauffeur und Bodyguard. Um sie rankt sich die Geschichte. Sie spielt: "Damals. Damals in Hamburg. Damals im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends." Da übernehmen auf St. Pauli Schritt für Schritt Rumänen die Macht im Milieu:

"Die Rumänen! Die Rumänen! Die Rumänen erobern den Kiez!"
Und der Mond wirft sein Licht auf das blutgesprenkelte Pflaster vor den Spielhöllen und Diskotheken, spiegelt sich im Fluss, Nacht für Nacht, über Hamburg und anderswo. Leseprobe

Das ist das Pflaster von Nicolai Radu und seinem Clan. Nach fünf Jahren "Santa Fu" - dem Hamburger Knast in Fuhlsbüttel - ist der Mann, der aus den Karpaten kam, zurück im Geschäft. Im Geschäft mit Sex und Drogen, mit Gebrauchtwagen und neuerdings auch Immobilien. Denn die und ein korrupter Sparkassendirektor aus Reinbek vor den Toren Hamburgs sorgen dafür, dass aus seinem schmutzigen Geld sauberes wird und aus der kriminellen Kiezgröße Nic vom Hamburger Berg ein piekfeines Mitglied der Gesellschaft. Ein fast perfekter Pfeffersack.

Korruption und Seilschaften bestimmen die Geschäftsbeziehungen

Nicolais Geld ist wie Wasser. Es sucht sich seinen Weg - und in Hamburg gibt es viel Wasser. Man(n) macht seine "Geschäfte" in dieser Männerwelt, in der Frauen nur als gewinnbringende Prostituierte oder schmückendes Beiwerk eine Rolle spielen. Die Bösen sind kaum böser als die Guten - und die Guten kaum besser als die Bösen. Man ist "die Gesellschaft" und macht "Geschäfte".

Seit über vierzig Jahren schon regieren die Sozialdemokraten die Freie und Hansestadt Hamburg, und nirgendwo sonst im Land bestimmen Seilschaften, Kumpaneien und Ämtermissbrauch den Alltag so sehr wie in dieser Stadt. Es gibt keine Behörde, keine Stiftung und kein staatsnahes Unternehmen, auf die sich der Einfluss der Partei nicht ausgedehnt hat. Die politische Elite ist total verfilzt und versumpft, weiß Nicolai und will mitmischen, er hat die Sprache derer, die in der Stadt das Sagen haben, schnell gelernt: Pleased to meet you / Hope you guess my name / But what’s puzzling you / Is the nature of my game. Leseprobe

Geschichte ohne Kitsch und Sympathieträger

Göhres Schilderung dieser Hamburger Gesellschaft zwischen ganz oben und ganz unten - eben dieser Halbwelt - ist frei von jeder Schönmalerei, frei von jedem Soziokitsch. Von all den vielen Figuren, die Kiezkenner Göhre aus eigener Anschauung beschreibt, ist keine einzige sympathisch und dazu angetan, sich mit ihr zu identifizieren.

Nicht einmal die Opfer. Nicolais Sohn zum Beispiel, der mit 16 einer Überdosis Amphetamin erliegt, oder die Prostituierte, die nach dem mysteriösen Tod einer Kollegin selbst nur ihren Profit aus der Situation schlagen wollen. Die ohnehin nicht mehr richtig für Recht sorgende Polizei taucht in diesem "Krimi" auf Seite 145 von 159 zum ersten Mal auf - und dann ziemlich erfolglos.

Dieser kurze, knappe "hard boiled" Report ist bitter, ist böse, ist extrem. Extrem gut! Dass dem ausführlichen, beinah dokumentarisch wirkenden Anhang mit wie-auch-immer-fiktiven Medienbelegen des Erzählten der übliche Zusatz folgt "Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt", könnte auch schlicht eine Lebensversicherung für Frank Göhre sein. Krimi at it best!

Weitere Informationen
Nachtatmosphäre; Umriss einer Person auf dem Pflaster © Colourbox

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Die Stadt, das Geld und der Tod

von Frank Göhre
Seitenzahl:
168 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
culturbooks
Bestellnummer:
978-3-95988-184-5
Preis:
15,00 €

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