Die Skulpturen des Künstler Stephan Balkenhol vor dem Hühnerposten in Hamburg.

Hamburger Bücherhallen: Streit um E-Book-Ausleihe

Stand: 06.03.2021 11:28 Uhr

Gerade in der Corona-Krise ist die Nachfrage in Hamburgs Bücherhallen groß. E-Books stehen oft viel später als das gebundene Buch zur Verfügung. Das wollen Autoren und Autorinnen so beibehalten.

von Peter Helling

Bücher gehören zu den Gewinnern der Corona-Krise. Der Verkauf läuft gut und auch die Nachfrage in den Bücherhallen in Hamburg ist hoch. Hier kommt man kinderleicht an die neuesten Bestseller. Aber in der Regel ist die Ausleihe der digitalen Version eines Buchs, des E-Books, erst Monate nach Erscheinen möglich. Dagegen haben sich bundesweit die öffentlichen Bibliotheken mit ihrer Aktion "Buch-ist-Buch" zur Wehr gesetzt. In einem offenen Brief an den Deutschen Bundestag fordern sie: E-Books sollten genauso leicht und schnell auszuleihen sein wie analoge. Dagegen protestieren Autoren und Autorinnen.

Die Nachfrage nach E-Books riesig

Die Nachfrage nach E-Books ist riesig. Die Leiterin der Hamburger Bücherhallen, Frauke Untiedt, freut sich über diesen positiven Trend: "Wir sind eben keine verstaubten Häuser, in denen man sich am staubigen Buch festhält, sondern wir sehen, dass wir und unsere Kundinnen und Kunden wie selbstverständlich diesen Weg auch weitergehen." Allerdings: Bis die E-Book-Version eines Titels verleihbar ist, dauere es oft Monate. "Unser Kernproblem ist, dass es für Bibliotheken im Moment nur dann möglich ist ein Buch zu kaufen, damit es ausgeliehen wird, wenn der Verlag damit einverstanden ist," erklärt Untiedt. "Wenn der Verlag nicht damit einverstanden ist, dann dürfen wir das Buch nicht kaufen."

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Zwei E-Book-Reader stehen in einem Regal voller Bücher der Öffentlichen Bücherhalle Hamburg © Axel Heimken/ dpa - Bildfunk

Hamburger Bücherhallen: E-Book-Ausleihe früher ermöglichen

Bibliotheken können E-Books oft erst Monate nach Erscheinen eines Buchs anbieten. Das soll sich ändern. mehr

Das gelte für siebzig Prozent der Spiegel-Bestsellerliste, heißt es in einem offenen Brief der Bibliotheken an den Deutschen Bundestag. Michelle Obamas Buch "Becoming" kam ganze sieben Monate später als E-Book in die Bücherhallen. "Manchmal dauert es sogar länger," beklagt Untiedt. "Es ist nicht immer nur so, dass man sagt: Dann kann man es eben erst nach eineinhalb Jahren lesen. Saša Stanišić' Buch 'Herkunft' war im Jahr 2019 in den Hamburger Schulen Abiturthema, es erschien im März 2019. Wir konnten es erst im Februar 2020 als E-Book kaufen."

"Herkunft" von Saša Stanišić erst ein Jahr später als E-Book verfügbar

Frauke Untiedt unterstreicht, dass jedes digitale Buch bei der Ausleihe genauso wie ein analoges behandelt würde. "Es kann einzeln ausgeliehen werden, nicht beliebig oft gleichzeitig", erklärt sie. Und sie argumentiert: Wenn E-Books wie gedruckte Bücher behandelt werden, habe das nur Vorteile. Auch für die Autoren und Autorinnen selbst. "Wir sind die besten Schaufenster für einen Schriftsteller - und das im analogen wie im digitalen Raum!"

Dem widerspricht die in Altona lebende Krimi-Autorin Marie-Christin Fuchs entschieden: "Mein Haupt-Schaufenster sind Buchläden, da sind meine Bücher!" An den Online-Ausleihen ihrer Bücher verdiene sie nur minimal. "Von meinen Büchern stehen zurzeit sechs Bücher über die Onleihe der Bücherhallen zur Verfügung, diese zu je vier Exemplaren. Wenn es nach dem Vorstoß des Deutschen Bibliotheksverbandes ginge, könnten die dann jeweils vierzig Mal ausgeliehen werden. Das heißt, insgesamt wären 960 Ausleihen möglich. Das, was ich bekommen würde, sind 20 Euro."

Eine gute Lösung für alle: Mehr Geld der Kommunen?

Marie-Christin Fuchs ärgert sich darüber, dass die öffentlichen Bibliotheken ohne Absprache mit den Macherinnen und Machern der Bücher an den Bundestag geschrieben hätten. Sie findet, in dem Brief würden sie als Verhinderer von Bildung dargestellt. Natürlich sei es wünschenswert, wenn die Bücher allen Menschen günstig und schnell in den Büchereien zur Verfügung stünden. Dafür sollten die Büchereien aber die Verlage und Autoren und Autorinnen fair bezahlen.

Fuchs kann sich den dreieinhalbfachen Preis des Originalpreises für ein E-Book vorstellen. Und sie wünscht sich, dass die Ausleihen dieses E-Books auf zwanzig begrenzt werden. Die beste Lösung wäre es aus ihrer Sicht, wenn die Kommunen den Etat der öffentlichen Bibliotheken für digitale Medien deutlich aufstocken würden. Damit wäre allen gedient. Auch den Kundinnen und Kunden.

E-Books werden anders gelesen als gedruckte Bücher

Frauke Untiedt ist überzeugt, dass Bibliotheksnutzer auch gute Buchkäufer seien. Daran hat Marie-Christin Fuchs Zweifel. Wer sich ein Online-Exemplar ausgeliehen hat, kaufe danach nicht unbedingt die Online-Version im Buchladen, das könne sogar zu einer Schnäppchenmentalität führen: kurz digital anlesen und weg damit. Und genau deshalb gebe es die oft langwierigen Lizenz-Verhandlungen zwischen Bibliotheken und Verlagen, also: nicht als böswillige Lese-Verhinderung, sondern zum Schutz der Urheber.

Die Fronten sind verhärtet

Dass ihr selbsthergestelltes Gut, das Buch, angemessen behandelt wird, dass es nicht automatisch nach Erscheinen quasi kostenlos zur Verfügung steht - dafür setzt sich die Krimi-Autorin ein. Und mit ihr das Netzwerk Autorenrechte, dem 14 Autoren- und Übersetzer-Verbände mit mehr als 15.000 Mitgliedern angehören. Faire Bezahlung sei gerade in diesen Corona-Zeiten wichtig, wo den Autorinnen und Autoren sehr viele Einnahmen wegbrächen, etwa aus Lesungen.

Frauke Untiedt von den Bücherhallen betont, Bibliotheken, Verlage und Autoren gehörten zum "gleichen Ökosystem". Über diese Formulierung kann Marie-Christin Fuchs nur müde lächeln: Wenn das so wäre, hätte man sich an einen Tisch setzen können. Noch vor dem offenen Brief des Deutschen Bibliothekverbandes an den Bundestag. Kürzlich hat das Netzwerk Autorenrechte ebenfalls einen offenen Brief an die Abgeordneten geschrieben. Die Fronten scheinen vorerst verhärtet. Demnächst soll die Situation gesetzlich neu geregelt werden. Der Bundestag wird noch in dieser Legislaturperiode klären, wie die E-Ausleihe zukünftig aussieht.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 04.03.2021 | 19:05 Uhr

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