Stand: 21.11.2019 13:56 Uhr

"Middlemarch" - ein Klassiker englischer Literatur

Middlemarch
von George Eliot, herausgegeben und neu übersetzt aus dem Englischen von Melanie Walz
Vorgestellt von Jan Ehlert

In England sind ihre Romane Schullektüre, in Deutschland kennt man sie weitaus weniger. Mary Ann Evans, besser bekannt unter ihrem Pseudonym George Eliot. Heute vor 200 Jahren wurde sie geboren - und aus diesem Anlass ist eine Neuübersetzung ihres bekanntesten Romans erschienen: "Middlemarch".

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Eliots Roman diskutiert philosophische Gedanken und soziale Fragen genauso wie die aktuellen Erkenntnisse der Naturwissenschaften.

Man kann nicht von vielen Romanen sagen, dass sie eine neue Zeitrechnung eingeläutet haben. Bei "Middlemarch" von George Eliot sind sich die meisten Kritikerinnen und Kritiker dagegen einig. Mit diesem Buch habe sich Eliot unsterblich gemacht, schwärmte die Dichterin Emily Dickinson.

Vorbild für viele Schriftsteller

Einer der wenigen Romane, die je für Erwachsene geschrieben wurden, lobte Virginia Woolf und auch zeitgenössische Autoren wie Martin Amis und Julian Barnes bezeichneten "Middlemarch" als den besten britischen Roman aller Zeiten.

Dabei sollte es eigentlich nur eine Kurzgeschichte werden. Jene von Dorothea Brooke, einer jungen Frau, die sich mehr vom Leben erhofft als die Rolle der Gattin und Mutter.

"Ich fühle einfach, dass man sein Leben zu besserem nutzen müsste." - (Mann:) "Ach, wozu denn?" Leseprobe

Mary Ann Evans alias George Eliot war eine ungewöhnliche Frau

George Eliot, die mit bürgerlichem Namen Mary Ann Evans hieß, hat ihr Leben zu anderem genutzt. Schon als junges Mädchen zeigte sich, dass sie außerordentlich intelligent war. Sie arbeitete als Übersetzerin theologischer Texte, etwa "Das Wesen des Christentums" von Ludwig Feuerbach, war Redakteurin einer Zeitung und - zu damaligen Zeiten ein Skandal - lebte ganz offen mit dem Autor George Henry Lewes zusammen, der mit einer anderen Frau verheiratet war. Vor allem aber schrieb sie selbst: "Die Mühle am Floss" und "Silas Marner", beides Schilderungen des ländlichen Lebens, wurden ihre ersten Erfolge.

"Middlemarch" aber bleibt ihr Meisterwerk. Der Roman spielt in der Kleinstadt Middlemarch, die schnell zu klein für nur einen Charakter wurde. So verweben sich die Lebensläufe von Dorothea Brooke, Tertius Lydgate, einem jungen Arzt, und zwei weiteren Charakteren zu einer großen Geschichte. Sie alle müssen erkennen, wie schwer es ist, im Laufe eines Lebens den eigenen Idealen treu zu bleiben.

Aus diesem vermeintlich kleinen Kosmos entwickelt George Eliot eine ganze Welt mit dem ganzen Wissen ihrer Zeit. Philosophische Gedanken und soziale Fragen diskutiert sie genauso wie die aktuellen Erkenntnisse der Naturwissenschaften - und das mit spielerischer Leichtigkeit. Das machte Eliot zur bestbezahlten Schriftstellerin ihrer Zeit - und zu einer der meistgelesenen.

Neue Übersetzung der aktuellen Ausgabe

In Deutschland ist sie dennoch bislang relativ unbekannt. Das möchte Melanie Walz mit ihrer Neuübersetzung des Romans "Middlemarch" nun ändern. Eine Mammutaufgabe, angesichts der mehr als 1.000 Seiten voller philosophischer und auch naturwissenschaftlicher Diskurse. Feinheiten bleiben da manchmal auf der Strecke. Der berühmte letzte Satz des Romans klingt bei Walz so:

"Denn das Wohl der Welt hängt zum Teil von unheroischen Taten ab, und dass alles um uns nicht so schlecht steht, wie es könnte, verdankt sich zum Teil der Zahl jener, die gewissenhaft im Verborgenen lebten und in vergessenen Gräbern ruhen." Leseprobe

Das ist weit weniger poetisch und auch weniger genau als die bisherige Übersetzung von Ilse Leisi, in der es heißt:

"Denn wenn das Gute wächst in der Welt, dann liegt es teilweise an Taten, die nicht in den Geschichtsbüchern stehen; und dass es um dich und mich nicht so schlecht steht, wie es sein könnte, verdanken wir zur Hälfte der großen Zahl, die zuversichtlich ihr Leben im Verborgenen führten und in Gräbern ruhen, die niemand besucht." Leseprobe

Am Ende kommt es aber gar nicht so sehr darauf an, welche Übersetzung man in die Hand nimmt. Hauptsache, man liest es - dieses Meisterwerk von einem Roman.

Middlemarch

von
Seitenzahl:
1264 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04537-1
Preis:
45,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.11.2019 | 12:40 Uhr

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