Stand: 14.01.2019 12:51 Uhr

Debatte um "Stella" von Takis Würger entbrannt

Da deutet sich gerade das Aufkeimen einer großen Literaturdebatte an - und zwar aus Anlass und am Beispiel des Romans "Stella" des Spiegel-Reporters Takis Würger. Die Kulturredaktionen des Norddeutschen Rundfunks haben es zum "NDR Buch des Monats" gewählt. Andere Kritiker lehnen das Buch hingegen rundheraus ab, teilweise sogar mit größter Empörung. Die Debatte, die jetzt Anlauf nimmt, könnte eine werden über Kunst und Kitsch, über wirkungsvolles und effekthascherisches Schreiben und nicht zuletzt über die Frage: Darf man so kurzweilig, so unterhaltsam, so gewollt emotional über die Nazi-Zeit schreiben? Ein Gespräch darüber mit NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch.

NDR Kultur: Warum ist denn dieser Roman, der jetzt die Gemüter so erhitzt, unser Buch des Monats und warum haben Sie ihn für Am Morgen vorgelesen ausgewählt?

Bild vergrößern
Alexander Solloch ist Redakteur in der Literaturredaktion bei NDR Kultur.

Alexander Solloch: Weil das ein Roman ist, der den Leser nicht kaltlässt. Es ist ein Roman, den man nicht einfach so weglegt, um sich dann wieder dem Alltagskram zuzuwenden. Es ist ein Roman, der aufregt. Das mag die Aufregung aus Ärger und Zorn sein, wie Sie sie gerade schon benannt haben: Zorn, weil man finden kann, dass Takis Würger, gerade 33 Jahre jung, seiner anspruchsvollen Aufgabe nicht gerecht geworden sei, in angemessener Weise so etwas Fürchterliches zu erzählen - das "Unerzählbare", wie Daniel Kehlmann es genannt hat, der von sich freilich sagt, dieses Buch mit Spannung und Erschrecken gelesen und mit Bewunderung beendet zu haben. Das wäre dann die andere Art der Aufregung, die, an die wir eigentlich gedacht haben, als wir zum Entschluss kamen, die Lesung dieses Romans zu senden: die Aufregung, die einen am Kragen packt und durchschüttelt.

Weitere Informationen
05:21
Kulturjournal

Die Geschichte einer jüdischen Kollaborateurin

Kulturjournal

Im Zweiten Weltkrieg hat sie Hunderte Juden an die Nazis verraten. Aus der wahren Geschichte einer jüdischen Frau hat der Autor Takis Würger einen fiktiven Liebesroman gemacht: "Stella". Video (05:21 min)

Es ist also, ein Roman, über den man - wie immer eigentlich - so oder so denken kann. Diese seltsame Phrase "da gibt es keine zwei Meinungen", die seit ein paar Jahren überall zu hören ist, hat ja zum Glück in der Kunst, wo es immer tausend Meinungen gibt, überhaupt keine Gültigkeit - und so sind wir sehr froh, unseren Hörern sagen zu können: Hören Sie selbst und kommen zu einem eigenen Urteil anhand der Lesung mit Robert Stadlober und Valery Tscheplanowa!

Im Übrigen, das nur am Rande, verfolgen wir Takis Würger schon seit Längerem mit Interesse, im Grunde seit seinem Debütroman "Der Club", der vor zwei Jahren ein großer Kritiker- und Publikumserfolg war. Und natürlich nehmen wir auch seine norddeutsche Herkunft zur Kenntnis: Takis Würger stammt aus Hohenhameln bei Hannover - das ist kein literarisches Kriterium, auch kein entscheidendes, aber immerhin auch kein Umstand, der uns von dieser Wahl abgehalten hat.

Was sollten wir fürs Erste wissen über den Inhalt des Romans?

Solloch: Zu Grunde liegt die reale Geschichte der Jüdin Stella Goldschlag, die während des Zweiten Weltkriegs als sogenannte "Greiferin" viele Hundert untergetauchte Juden in Berlin aufspürte und verriet - also mit den Nazis kollaborierte. Warum tat sie das? Zunächst offenbar, um ihre Eltern zu schützen - da stellt sich also die große Frage: Bin ich in der Lage und ist es mir erlaubt, ein schlimmes Verbrechen zu begehen, wenn dadurch meine Nächsten vor dem Schlimmen bewahrt werden? Aber dabei bleibt es nicht. Denn auch als ihre Eltern schon 1943/44 ins Vernichtungslager deportiert wurden, machte sie als Greiferin weiter - bis März 1945.

Machen Sie mit

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Derzeit entwickelt sich eine Literaturdebatte um den Roman "Stella" von Takis Würger. Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schreiben Sie uns. mehr

Der Roman aber, ein Roman, keine historische Reportage, spielt im Jahr 1942 in Berlin. Erzählt wird nicht aus Stellas Perspektive, das zu schaffen wäre wahrscheinlich die vollendete Reifeprüfung gewesen für den Schriftsteller Takis Würger. Er selbst hat in einem Interview gesagt: "Diese Perspektive wäre schwierig gewesen, denn dann hätte ich, um ihr Handeln zu erklären, viel mehr in ihren Kopf hineingehen müssen." Also erfindet er, das kann man geschickt finden oder ein bisschen herumgemogelt, einen jungen Schweizer, der familiär desorientiert und ohnehin recht naiv Anfang 1942 nach Berlin geht, dort Stella, die sich ihm als Kristin vorstellt, kennenlernt. Eine Liebesgeschichte entflammt, aber was wird aus der Liebe in der Stunde existenzieller Gefahr, wenn existenzielle Entscheidungen zu treffen sind? Entscheidungen womöglich, mit denen man große Schuld auf sich lädt?

Die Verrisse in einigen Zeitungen gehen ja über das Übliche einigermaßen hinaus, das wird ja schon klar, wenn man nur die Überschriften liest: "Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen" heißt es in der "Süddeutschen Zeitung", "Wer braucht so ein Buch?" fragt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Können Sie diese Heftigkeit nachvollziehen?

Solloch: Na ja, prinzipiell habe ich immer viel Sympathie für Verrisse, jeder kennt doch das Gefühl, unter einem Buch schwer zu leiden, und dann verschafft so eine gehörige Polemik durchaus Besänftigung, vor allem, wenn sie selbst noch gut und gewitzt geschrieben ist. Vieles unterliegt natürlich einfach auch dem persönlichen Geschmack des einzelnen Rezensenten, und man kann ja durchaus finden, dass in diesem Roman die Sätze zu kurz sind, die Prosa zu geschmeidig ist, die sanfte Emotionalität sich dem Leser allzusehr anschmiegt. Man kann das so sehen, man kann das auch sehr mögen, diese Sogwirkung, die der Roman ausübt, die ja beispielsweise die Kollegin Hannah Lühmann in der "Welt" zur Frage verleitet: "Warum sollte es denn verwerflich sein, einen kurzweiligen Roman auch über eine entsetzliche Zeit zu schreiben?" Dazu lohnt wirklich eine tiefere Debatte.

Zweierlei fällt allerdings auf und stößt auf, zwei Gemeinplätze der Kritik, die sich da jetzt schon abzeichnen. Zum einen die Frage: Darf man das, darf man so schreiben, so leicht über Existenzielles? "Dürfen" das ist mir ein allzu zensorischer Ansatz. Ich würde, frei nach Tucholsky, sagen: Was darf die Literatur? Alles. Sie setzt sich dann natürlich der Kritik aus, einer Kritik, die, wenn es gut läuft, Erkenntnisgewinn bringt.

Gespräch

"Stella"-Verleger: "Das darf und muss Literatur"

Im Exklusiv-Interview mit NDR Kultur wehrt sich Jo Lendle vom Hanser Verlag gegen die Vorwürfe, Takis Würgers Roman "Stella" sei "Schund", "Kitsch", gar eine "Beleidigung". mehr

Das andere, das uns in dieser Form wirklich nicht weiterbringt, ist das polemische Hantieren mit diesem einen Namen, der den Medienbetrieb vor knapp vier Wochen so erschüttert hat, und man konnte sich ja wirklich fragen, wer - da Takis Würger für den "Spiegel" arbeitet - als erster die Nerven verlieren würde. Es war die "FAZ", es war der Kritiker Jan Wiele, der seine Rezension von "Stella" auf die Formel brachte: "Relotius reloaded." Und klar, über kalkulierte Emotion in den Texten junger Autoren, über Kitsch als an den Schreibschulen vermitteltes Handwerk des Schreibens kann man ja durchaus diskutieren. Aber bitte: Relotius hat betrogen. Dies hingegen ist ein Roman, nicht die Behauptung einer Reportage. Ich frage mich: Würden die Reaktionen auf diesen Roman ohne den Fall Relotius und ohne den "Spiegel"-Hintergrund von Takis Würger ebenso heftig ausfallen? Und: Ist es legitim, Würger für Relotius in Sippenhaft zu nehmen? Ich glaube nicht.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Alexander Solloch über Takis Würgers "Stella"

NDR Kultur -

"Stella" heißt der neue Roman des Spiegel-Reporters Takis Würger. Das Buch könnte Anlass für eine neue Literaturdebatte sein. Warum? das erklärt NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch.

4,75 bei 24 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Weitere Informationen
NDR Kultur

Takis Würger liest in Braunschweig

05.02.2019 20:00 Uhr
NDR Kultur

Weit weg und doch mittendrin: Takis Würgers zweiter Roman "Stella" erzählt die Geschichte des Liebespaars Kristin und Friedrich in Berlin während des Zweiten Weltkriegs. mehr

NDR Buch des Monats: "Stella" von Takis Würger

Takis Würger hat im Roman "Stella" historische Dokumente über eine reale Person mit Fiktion verquickt. Es ist eine Liebesgeschichte um Angst, Hoffnung und Verrat. Sie spielt im Jahr 1942. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 14.01.2019 | 07:20 Uhr