Dave Eggers: "Every" © Kiepenheuer & Witsch

Warnung an die Zukunft: Dave Eggers' neuer Roman "Every"

Stand: 06.10.2021 15:39 Uhr

Mit dem Roman "Der Circle" gelang Dave Eggers ein weltweiter Bestseller. Es geht um einen Technologiekonzern, angelehnt an Google und Amazon, der das Leben immer stärker beeinflusst - nicht nur zum Besseren.

Dave Eggers: "Every" © Kiepenheuer & Witsch
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von Danny Marques Marcalo

Der "Circle" ist Vergangenheit. Das Unternehmen hat die Konkurrenz aufgekauft und nennt sich nun "Every". Jeder - fast jeder - nutzt in dieser nicht allzu weit entfernten Zukunft die Apps von "Every", und so weiß die Firma alles über jeden. Der jungen Delaney passt das nicht.

Eine junge Frau will die Firma bekämpfen

Delaney hatte die Absicht, dieses Unternehmen zu vernichten. Sie hatte jahrelang auf ihre Chance gewartet, für Every zu arbeiten, in das System einzudringen, um es zerschlagen zu können. Leseprobe

Nachdem sie sich einen Job als Software-Entwicklerin erschlichen hat, versucht sie, immer absurdere Ideen umzusetzen. Denn schließlich würde die Menschheit aufwachen, wenn sie feststellt, dass "Every" die soziale Kontrolle über die Gesellschaft übernimmt - so Delaneys Logik.

Seit Beginn dieses Jahrhunderts haben die Menschen akzeptiert, dass es richtig ist, einander numerisch zu bewerten. Warum? Weil Zahlen grundsätzlich objektiv sind, während Menschen das grundsätzlich nicht sind. Ich denke, uns allen ist doch eines bewusst: Das Einzige, was schlimmer ist, als bewertet zu werden, ist, gar nicht bewertet zu werden. Leseprobe

Die Idee ist konsequent und beängstigend zugleich

Der Roman denkt vieles konsequent zu Ende. Wer von Mitmenschen online bewertet wird, verhält sich immer nett. Weil Haustiere zu halten eigentlich Tierquälerei ist werden Haustierhalter geächtet. Irgendwann hat "Every" die Idee, dass man am besten nicht mehr aus dem Haus geht, sondern in energieeffizienten Wohnungen mit Betten, die wie Kokons sind, schläft. Das macht einem beim Lesen Angst.

Die Menschen glauben, dass die Welt außer Kontrolle geraten ist. Sie möchten, dass jemand den Wandel aufhält. Das passt perfekt zu "Everys" Agenda: das Bedürfnis nach Kontrolle bedienen, Vielfalt reduzieren, alles in Kategorien einteilen, und was von Natur aus komplex ist, mit Zahlen belegen. Vereinfachen. Uns erzählen, wie was sein wird. Auch ein Autokrat verspricht diese Dinge. Leseprobe

Im Interview mit der "Zeit" sagt Dave Eggers, dass die Menschheit sich in den nächsten Jahrzehnten in eine neue Spezies verwandeln werde, die völlig anders auf die Welt schaut. Tier- und Klimaschützer würden dann beispielsweise ganz selbstverständlich mit dem Silicon Valley zusammenarbeiten, um ihre Ziele zu erreichen. Das Ergebnis: weniger Freiheit. Alle würden das auch noch gut finden, zumindest würden sie es bei Social Media so posten.

Kein Gesetz konnte jemanden daran hindern, irgendwo hinzuschauen, wo er nicht hinschauen sollte. Aber Scham war die Folge, und Scham war verdient, und Scham war die Währung und das Druckmittel des Internets für Veränderung. Leseprobe

Ein lesenswertes aber ermüdendes Buch

"Every" ist ein sehr pessimistischer Roman. Egal, was Delaney sich ausdenkt, der Konzern und das Internet pervertieren alles. Das ist eine zugespitzte, aber einleuchtende Perspektive. Gleichzeitig bleibt auch das Gefühl, dass diese Sichtweise schief ist. Klimakatastrophen oder gesellschaftliche Unruhen brauchen in der Realität die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Ohne das Internet ist das kaum möglich.

Dave Eggers' Kritik ist berechtigt - er macht es sich aber auch ein bisschen zu einfach, wenn er sagt: "Ich würde es das Ende der Gesellschaft des Ichs nennen, die Geburt einer stärker kommunitären Gesellschaft."

Lang ist dieser Roman. Bis Delaneys Plan sich endlich zu entfalten beginnt, sind schon fast 300 Seiten vorbei - und dann kommen nochmal 300. Dave Eggers erklärt sehr viele fiktive Apps, das ist ermüdend. Dennoch ist es eine gelungene und lesenswerte Fortsetzung. Das Buch liest sich wie eine Warnung vor der Zukunft.

Every

von Dave Eggers, aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Seitenzahl:
592 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-00112-9
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.10.2021 | 12:40 Uhr

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