Stand: 19.05.2019 12:40 Uhr

Ein kurzes, intensives Leben

Flügel in Flammen
von Dagny Juel, aus dem Norwegischen und mit einem Essay von Lars Brandt
Vorgestellt von Joachim Dicks
Bild vergrößern
Dagny Juel war eine außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit, jedoch selbst in ihrem Heimatland Norwegen weitgehend unbekannt.

Norwegen ist das Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Das heißt dann auch in der Regel: Entdeckungen machen, den Blick erweitern. Wen gibt es außer Maja Lunde und Karl Ove Knausgård noch unter den norwegischen Gegenwartsautorinnen und -autoren? Welche Klassiker gibt es außer Ibsen und Hamsun?

Im Weidle Verlag ist bereits jetzt ein Buch erschienen mit den gesammelten Werken der norwegischen Schriftstellerin Dagny Juel. Es heißt "Flügel in Flammen" und wurde ins Deutsche übertragen und mit einem Essay versehen von Lars Brandt.

Texte zwischen Naturalismus und Impressionismus

Dramen, Gedichte und Novellen hat Dagny Juel hinterlassen. Der Umfang ihres Werks ist überschaubar, ihre literarische Tonlage - der Zeit gemäß - zwischen Naturalismus und Impressionismus angesiedelt, mit einer Vorliebe, wie könnte es anders sein, zu außergewöhnlichen Frauenfiguren.

Dagny Juel lebte von 1867 bis 1901. Nur kurz, aber sehr intensiv. "Die Ewigkeit schäumt weiß am Gestade" heißt es in einem ihrer Gedichte und: "Blitz und Sturm, ihr singt meine Lieder, ihr seid geboren in Schmerz, ihr seid geboren in Zorn."

"Dagny Juel war eine weithin Unbekannte. Versteckt hinter einem Wust von Legenden und Märchen. Sie ist bei uns in Deutschland, wenn überhaupt, bekannt als Figur aus dem Berliner Bohème-Milieu Ende des 19. Jahrhunderts, wo auch viele andere Skandinavier wie Edvard Munch und August Strindberg verkehrten in einer Kneipe namens "Das schwarze Ferkel". Dort war sie eine zentrale Figur", erklärt der Übersetzer.

Dagny Juel hatte auf Männer eine verwirrende Wirkung

Lars Brandt setzt sich in seinem Essay vor allem mit der Kluft zwischen Legendenbildung und Wirklichkeit auseinander. Dagny Juel galt Ende des 19. Jahrhunderts in den Berliner Künstlerkreisen bald als "Femme fatale". Das Gemälde "Der Tag danach" von Edvard Munch, das im Buch abgebildet ist, lässt erahnen, warum. Er glaubt: "Sie muss eine irgendwie spezielle direkte Wirkung gehabt haben, die Männer verwirrt hat."

Von solchen "männerverwirrenden" Frauen handeln auch ihre Texte, etwa die Dramenskizzen "Der Stärkere" und "Die Sünde". Es sind starke Frauen, die aufgrund ihrer äußeren Erscheinung, ihrer Bildung und ihres Selbstbewusstseins aus der Enge bürgerlicher Konventionen ausbrechen.

Wie aber kam es, dass Dagny Juel so lange als Künstlerin in Vergessenheit geriet, denn auch in Norwegen wurde sie erst in den 90er-Jahren wiederentdeckt?

Brandt vermutet: "Die Tatsache, dass sie schrieb, wurde nicht beachtet. Wobei zwei verschiedene Momente eine Rolle spielen: einerseits die männliche Dominanzsucht, die sich nicht dafür interessierte, dass sie schrieb. Andererseits aber auch die Wahrnehmung von fortschrittlichen Geistern in diesem Kreis - wie Julius Meier-Graefe -, dass sie als Person eine dermaßen poetische Ausstrahlung hatte und so viel an Persönlichkeit und Geistreichtum beizusteuern hatte, dass dieser Beitrag als eigenständiger künstlerischer Beitrag empfunden wurde."

Eine dramatische Lebensgeschichte

Ihre Lebensgeschichte entwickelte sich vor allem durch ihre Ehe mit dem polnischen Schriftsteller Stanisław Przybyszewski zu einem wirklichen Drama. "Ein absoluter Trunkenbold, hemmungslos-haltloser Trinker und praktizierender Satanist. Er glaubte an die Kräfte der Hölle, und daran, sie für die Bewusstseinssteigerung in Dienst nehmen zu können", erklärt Brandt.

Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Nach einem Umzug nach Krakau erfolgte 1901 die Trennung. Mit einem Verehrer unternahm Dagny Juel eine Reise nach Georgien, wo sie - möglicherweise aus Eifersucht - umgebracht wurde.

Damit war das Bild der jungen Künstlerin als "Femme fatale" besiegelt und stand fortan der Rezeption ihres literarischen Werks im Weg. Mit dem Buch "Flügel in Flammen" könnte sich dies nun ändern - und mit solchen Gedichtzeilen: "Still! Still! Die Sterne singen seltsamen Gesang, von einem, der ging seinen letzten Gang, durch den Rosengarten ... Still!"

Flügel in Flammen

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Weidle
Bestellnummer:
978-3-9388-0391-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.05.2019 | 12:40 Uhr

04:05
NDR Kultur

Jonathan Franzen: "Das Ende vom Ende der Welt"

24.05.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Auch wenn in "Das Ende vom Ende der Welt" der Hobby-Ornithologe mit Franzen durchgeht, kristallisiert sich aus der Anthologie der richtige Appell heraus: Jetzt ist die Ze Audio (04:05 min)

05:03
NDR Kultur

Remigiusz Mróz: "Die kalten Sekunden"

23.05.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Remigiusz Mróz ist ein fleißiger Schreiber. Doch bei seinem neuesten Thriller hätte er sich mehr Zeit nehmen sollen - "Die kalten Sekunden" ist für den Leser streckenweis Audio (05:03 min)

03:45
NDR Kultur

Ian McEwan: "Maschinen wie ich"

22.05.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Der Brite Ian McEwan hat mit "Maschinen wie ich" wieder einen aufregend fantasievollen, ideenreichen und bewegenden Roman geschrieben, der den Nerv unserer Zeit trifft. Audio (03:45 min)

03:12
NDR Kultur

Tania Schlie: "Die Kirschen der Madame Richard"

21.05.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Tania Schlies Roman "Die Kirschen der Madame Richard" ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern erzählt auch vom Leben im Süden Frankreichs und macht Lust, neue Rezepte auszuprobieren. Audio (03:12 min)

04:04
NDR Kultur

Tania Schlie - Die Kirschen der Madame Richard

21.05.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Tania Schlies Roman "Die Kirschen der Madame Richard" ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern erzählt auch vom Leben im Süden Frankreichs und macht Lust, neue Rezept Audio (04:04 min)

04:31
NDR Kultur

Dagny Juel: "Flügel in Flammen"

20.05.2019 12:40 Uhr
NDR Kultur

Unter dem Titel "Flügel in Flammen" ist das Gesamtwerk der norwegischen Autorin Dagny Juel erschienen. Das literarische Werk dieser Künstlerpersönlichkeit war lange in Ve Audio (04:31 min)

Mehr Kultur

44:05
NDR Info
49:39
NDR Kultur

Die 13. Fee

NDR Kultur