Stand: 15.04.2019 11:15 Uhr

Verschwimmende Grenzen

schatullen & bredouillen
von Carolin Callies
Vorgestellt von Pascal Fischer
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Carolin Callies' Gedichtband "schatullen & bredouillen" wagt noch ein wenig mehr als der Vorgänger-Band.

Carolin Callies' erster Gedichtband hieß "fünf sinne & ein besteckkasten" und erschien 2015. Schnell galt sie als die Lyrikentdeckung jenes Jahres. Carolin Callies verband Liebeslyrik mit Anklängen an Gottfried Benn, Zartheit mit Groteskem und Elegisches mit Ekel. Immer spielten die Themen Feminismus und Körperlichkeit mit hinein. Nun hat die 39-Jährige endlich den Folgeband veröffentlicht und das lange Warten hat sich gelohnt: "schatullen und bredouillen" wagt noch ein wenig mehr als der Vorgänger. 

Rund 70 Gedichte versammelt Carolin Callies in den fünf Kapiteln ihres neuen Lyrikbandes "schatullen & bredouillen". Der Band nimmt die Themen des Vorgängers auf: allen voran unsere Körperlichkeit, die Carolin Callies wieder in ungewöhnliche, berührende, verstörende Bilder kleidet. Mal sind hier die Menschen Büchsenfleisch, mal ein Haufen Krümel oder eine Brutstation.

Viele Gedichte haben einen feministischen Unterton und setzen sich mit dem männlichen Blick auf Frauen auseinander. Das sei auch eine Art "weibliche Selbstbehauptung", sagt Carolin Callies. "Wie ist die Frau auch räumlich oder körperlich zu begreifen? Ist sie ein Gefäß, wenn sie tatsächlich schwanger ist zum Beispiel? Wie ist der Körper auch als Raum zu begreifen - wir können da nicht raus, aber er ist ja unser Zuhause."

Moderne Feminismus-Kritik mit traditionellen Formen

Vordergründig nimmt etwa ein Gedicht wie "neues blumenbuch" die Tradition der barocken Naturschilderung von Maria Sibylla Merian auf. Allerdings in großer Entfernung zu altbackener Gefühligkeit und formelhafter Liebesbekundung. Und das lässt sich hören: Carolin Callies hat einige Gedichte, darunter auch eben jenes, vertont und ins Netz gestellt: 

"du bist üpperwiesig, fingerst ein baby come on & auf einmal ist es das:
here we are & das ist unser moment, unser reihenacker, l’amour." Auszug aus dem Gedicht "neues blumenbuch"

So reich wie hier sind die Wortfelder, aus denen die Autorin schöpft: Anglizismen, Umgangssprache oder Märchen sind verschlungen mit vielen traditionellen Formen und Motivkreisen aus der Lyrikgeschichte. Damit möchte die Dichterin Spannung aufbauen: "Eben nicht nur 'Da ist der schöne Garten, da sind die schönen Blumen'", erklärt Callies. "Das ist ja das, was dem Weiblichen so zugeschrieben wird. Sondern tatsächlich auch eine Beziehungsgeschichte hinein zu weben, wo es ja tatsächlich auch sexuelle Beschreibungen gibt."

Callies: "Ich habe einfach selber wahnsinnig viel Freude an Sprache"

Ebenfalls kommen Spezialwörter aus Technik, Biologie oder Theologie immer wieder vor. Immer wieder mischt sie kreative Wortspiele wie "ast déco" in die dicht gewebten Texte. Diese Sprache überschreitet die Grenzen von Soziolekten, Fachsprachen oder eingeschliffenem Gedichte-Duktus.

"Ich habe einfach selber wahnsinnig viel Freude an Sprache. Ich kann mich da so drin tummeln", beschreibt Carolin Callies ihre Faszination für Gedichte. "Vielleicht ist das meinem Schreibprozess geschuldet. Wenn ich erst einmal anfange zu schreiben, dann lasse ich alles zu. Dann gibt es keinerlei innere Zensur."

Unbedingt uneindeutige Gedichte

Die Sprache spiegelt selbst die großen Fragen des Buches: Warum gibt es überhaupt Grenzen? Egal ob zwischen Ländern, unseren Wohnungen und der Natur oder zwischen unseren Körpern? Das fasst auch der Titel des Bandes "schatullen & bredouillen": Was konservieren wir durch Grenzziehungen und welche Probleme schafft das? Manche Gedichte verneigen sich vor der Tradition der visuellen Poesie und sehen gedruckt aus wie Kästchen, Blöcke, Waben. "

Manche Gedichte sind fast schon zu dicht und im Endkapitel wird vollends klar, dass diese Texte unbedingt uneindeutig sein möchten. So behauptet das Schlussgedicht frech: "nein, das steht hier nicht geschrieben" - und das reimt sich auf "nein, das weht hier nicht gestieben". In dieser Lyrik sind Sinn und Klang fortwährend in Bewegung. Die Verwirrung darüber spürt man geradezu körperlich, will und muss seine Fassung wiedererringen durch immer neue Lektüren. Womit dieser Lyrikband sein Ziel glänzend erreicht!

schatullen & bredouillen

von
Seitenzahl:
96 Seiten
Genre:
Lyrik
Verlag:
Schoeffling
Bestellnummer:
978-3-89561-449-1
Preis:
20,00 €

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