Stand: 14.07.2016 17:05 Uhr

Umbruchstimmung

Die Trotzigen
von Boris Schumatsky
Vorgestellt von Claas Christophersen
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Boris Schumatsky studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Politologie. Er lebt in München und Berlin.


Boris Schumatsky arbeitet als Journalist in Berlin. Seit Anfang der 1990er-Jahre lebt er in Deutschland, ist aber in der Sowjetunion aufgewachsen, und das durchaus in einer prominenten Familie. Sein Urgroßvater war Chef der sowjetischen Filmindustrie, bevor er bei Stalin in Ungnade fiel und während der großen Säuberungswellen des Diktators in den 1930er-Jahren ermordet wurde. Deshalb mussten auch die nachfolgenden Generationen mit dem Stigma des "Volksfeindes" aufwachsen. Vielleicht erklärt sich vor diesem biografischen Hintergrund Schumatskys Abneigung gegen alles Totalitäre, das er nicht nur in Putins Russland heute wiederfindet, sondern zum Beispiel auch im europäischen Rechtspopulismus.

"Die Trotzigen" heißt Schumatskys Roman und darin sind einige seiner journalistischen Themen aufgegangen - aber längst nicht nur das. Der Roman ist vor allem eine sehr private und ungewöhnliche Darstellung der Zeit, als der Eiserne Vorhang fiel.

Ein Putsch gegen Gorbatschow


Boris Schumatskys Roman beginnt in aufwühlenden, chaotischen Tagen: Moskau, August 1991. Ein Komitee reaktionärer Kommunisten versucht, - letztlich erfolglos - Gorbatschow zu entmachten. Der Autor lebte damals selbst noch in Moskau. Für ihn und seine Freunde war der Putsch eine Art dramatische Farce. "Wir haben weder an den richtig brutalen Putsch geglaubt noch an die Freiheit, die sozusagen nach dem erfolgreichen Widerstand gegen die Putschisten kommen könnte. Das war eine Müdigkeit, ein Unglauben an die Demokratie, die man auch zum Teil heutzutage im Westen erleben kann," erzählt Schumatsky.

McDonald’s am Puschkinplatz


Ähnlich geht es auch Schumatskys Romanprotagonisten. Im Mittelpunkt des Erzählpanoramas stehen der junge Dolmetscher für Deutsch, Sascha, und Anna, eine Slawistikstudentin aus Deutschland. Irgendwie verbindet die beiden eine Liebesbeziehung, aber richtig aufeinander einlassen wollen sie sich ebenso wenig, wie sie voneinander lassen können. Während Demonstranten vor dem russischen Regierungssitz, dem "Weißen Haus", gegen den Putschversuch protestieren, kommt Anna in eine Kneipe, wo neben ihrem Geliebten Sascha noch dessen Freunde Denis und Max, ein aus der DDR stammender Journalist, sitzen.


"
Es ging zu schnell bei euch", sagte sie zu Max, "hier dauern Perestroika und Glasnost bereits so lange, dass es kein Realsozialismus mehr ist, […] sondern ein langsamer Schnitt durch die Geschichte. Ich habe mich noch nie so frei gefühlt wie jetzt! […]" - "Die Panzer können frei durch die Stadt fahren", jubelte Denis […] "Und die längste Schlange Moskaus", pflichtete ihnen Sascha bei, "steht vor dem McDonald’s am Puschkinplatz."- "Bewegt erst mal eure Ärsche zum Weißen Haus! Dann seht ihr selbst, ob die Leute McDonald’s oder Freiheit wollen", sagte Anna. Buchzitat

Doch insbesondere die beiden russischen Männer, Denis und Sascha, wollen sich für ihr Land nicht mehr einsetzen, sondern nur noch weg von hier - nach Deutschland, von wo die Westdeutsche Anna gerade geflohen ist, in die vermeintliche revolutionäre Freiheit Moskaus. Denis und Sascha wiederum schaffen es in das nach der Wende wunderbar anarchische Berlin - allerdings nur für drei Tage, dann müssen sie zurück nach Moskau.

Vermeintlich frei

Mit tiefschwarzem, abgründigem Humor schildert Schumatsky, wie Sascha sogar seinen Pass fälscht, um sich als Jude auszugeben, weil er glaubt, dass dies die Chance auf Einbürgerung in Deutschland erhöht, und wie er dann an der deutschen Ausländerbürokratie scheitert. "Für die Art Romane, wie ich ihn geschrieben habe, ist es sehr wichtig, dass die Figuren ihr, wie soll ich sagen, ihr Eigenleben entwickeln. Wenn es mehrere Figuren sind, brauchen sie oft Zeit. Wenn der Autor, sag ich also mal ehrlich, bei diesem ersten großen Roman nicht ganz so erfahren ist, brauchen seine Figuren noch mehr Zeit. Und: sie haben zehn Jahre gebraucht," sagt Schumatsky.

Unerwartete Wendungen

Herausgekommen ist ein klug durchkomponiertes Buch. Die vielen, pointiert bis ins Detail ausgearbeiteten Episoden werden oft aus der jeweils eigenen Perspektive verschiedener Figuren erzählt. Das ist beim Lesen manchmal verwirrend, sorgt aber dafür, dass man sofort tief in die Lebenswelt der Figuren hineingesogen wird und nie klar ist, was als Nächstes passieren wird. Denn die Grundhaltung von Schumatskys Protagonisten ist: "Alles ist möglich, und man will an nichts glauben, und man scheitert dabei."

Am Ende geht nichts mehr, vor allem nicht für die unentschiedenen Liebenden Sascha und Anna, wenn der Roman im letzten Teil eine neue Wendung nimmt. Diese Pointe soll hier nicht verraten werden, nur so viel: Sie ist fulminant und dramaturgisch geschickt erzählt - Höhe- und Schlusspunkt eines originellen Buches, das den Anfang der Weltordnung beschreibt, in der wir heute leben.

Die Trotzigen

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Verlag Blumenbar
Bestellnummer:
978-3-351-05029-0
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.07.2016 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/Boris-Schumatsky-Die-Trotzigen,dietrotzigen102.html

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