Stand: 06.12.2016 12:40 Uhr

Zärtlich-zauberhafte Romanzen aus Singapur

Ministerium für öffentliche Erregung
von Amanda Lee Koe, aus dem Englischen von Zoë Beck
Vorgestellt von Cornelia Zetzsche
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Amanda Lee Koes Erzählband wurde unter die zehn besten englischen Bücher Singapurs der letzten 50 Jahre gewählt.

Zu den Entdeckungen des Herbstes gehört ein Erzählband aus Singapur mit dem seltsamen Titel: "Ministerium für öffentliche Erregung", verfasst von der 29-jährigen Schriftstellerin und Herausgeberin Amanda Lee Koe. Sie ist die Tochter eines Piloten und einer Stewardess, die auch ohne Bücher zum Schreiben kam, die in Singapur Schreibkurse für Senioren initiierte und gern über ältere Menschen schreibt.

Schmelztiegel der Kulturen

Ling Ko Mui war einmal eine heiße Braut. Nun ist sie alt, gebrechlich und "nyanyuk", ein wenig verwirrt. Aber Deddy Haikel erinnert sich noch an früher, als er in der Bar ihres Vaters Gitarre spielte, sich verliebte und auf dem Motorrad mit ihr zum Tanzen fuhr - heimlich, denn einen Malaien als Freund ihrer Tochter duldeten die chinesischen Eltern nicht. Auch das "Harmonie-Gesetz", mit dem Singapurs Regierung das multi-ethnische Zusammenleben regeln will, kann Standesdünkel nicht verhindern.

"Wir reden in Singapur viel über die Idee vom Schmelztiegel, so werden wir international ja oft vermarktet", sagt Amanda Lee Koe. "Wir reden vom Melting Pot, vom Shoppen oder Essen (...). Wir scheinen sehr stolz darauf zu sein, aber wenn man die Harmonie so betonen muss, bin ich nicht sicher, ob sie noch natürlich ist."   

Starre Regeln im Inselstaat

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Amanda Lee Koe erzählt von verpassten Lieben, ungelebten Leben und Liebe als Machtspiel.

Amanda Lee Koes Erzählungen spiegeln die Sprachen und Kulturen Singapurs, die unsichtbaren Grenzen zwischen Malaien, Chinesen, Indern und Briten, koloniale und neokoloniale US-amerikanische Schatten. Man ahnt die starren Regeln in der Autokratie des Inselstaats, die Folgen für das persönliche Leben. Homosexuelle Liebe etwa ist gesetzlich verboten, aber Amanda Lee Koe dehnt mit ihren leisen Geschichten fast subversiv das rigide staatliche Korsett und das Diktat des Geldes. Der Titel "Ministerium für öffentliche Erregung" birgt 16 Stories unter einem Dach und liest sich wie eine literarische Rebellion.

"Literatur hat zwar nicht die die Kraft, Gesetze zu ändern", meint Amanda Lee Koe, "aber wenn man in die Erzählung Empathie einschreibt, nicht voyeuristisch und nicht realistisch, dann gibt das Raum zu atmen, auf fiktionaler Ebene, und das beeinflusst Menschen in ihrem wirklichen Leben."

Berührende Geschichten

Empathie ist das Zauberwort für Amanda Lee Koes Geschichten. Zärtlich und cool zugleich schaut die mädchenhafte Autorin auf alte Menschen und ihren Erfahrungsschatz. Sie erzählt von verpassten Lieben, ungelebten Leben und Liebe als Machtspiel; von der unattraktiven Frau, die sich nach ihrer demütigenden Ehe einen jungen Liebhaber erkauft. Von der jungen Bedienung eines japanischen Restaurants mit den Narben der Kindheit, die in einem Fernsehstar ihren Ersatzvater sah. Von dem Paar, das alle 56 Parks der Stadt besucht. Alles Außenseiter, Entwurzelte, Verlorene, Großstadtneurotiker, einsame Verwandte von Murakamis Figuren. Die Geschichten sind in Singapur verankert, aber universal, melancholietrunken und von berührendem Zauber.  

"Ich glaube, ich war schon melancholisch, bevor ich das Wort kannte, von klein auf." Aber Amanda Lee Koe meint das nicht traurig, denn für sie ist Melancholie das beste Objektiv, durch das man die Welt sehen kann.

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Ministerium für öffentliche Erregung

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
CulturBook
Bestellnummer:
978-3-95988-018-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.12.2016 | 12:40 Uhr

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