Verein aus Stormarn sorgt sich um afghanische Mitarbeiter

Stand: 18.08.2021 06:40 Uhr

Seit Jahrzehnten setzt sich der Verein Afghanistan Schulen für die Bildung von Frauen, Mädchen und Jungen in dem Land ein. Nach der Machtübernahme der Taliban sorgt sich Vereinschefin Marga Flader um die Mitarbeiter vor Ort.

von Tobias Senff

Laufend klingelt das Telefon: Interviews, kurze Nachfragen, Austausch mit anderen Organisationen, Handynachrichten aus Afghanistan. Marga Flader vom Verein Afghanistan Schulen kommt im Moment nicht zur Ruhe. Sie ist die Vorsitzende und wohnt in Oststeinbek (Kreis Stormarn), tausende Kilometer von Andkhoy und Mazar-I-Sharif entfernt. Seit rund 35 Jahren kümmert sich der Verein dort um Bildungsprojekte für Jungen und Mädchen sowie Frauen. Rund 150 einheimische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen diese vor Ort. Um die macht sich Marga Flader jetzt Sorgen: "Wir bekommen WhatsApp-Nachrichten, die ganz verzweifelt sind, mit Schüssen im Hintergrund. Das ist wirklich nicht gut auszuhalten."

"Dann kommen mir die Tränen"

Eine Frau blickt in die Kamera und ist umgeben von afghanischen Schülern.  Foto: Marga Flader
Im März 2019 war Marga Flader als Vorsitzende des Vereins zum letzten Mal in Afghanistan und hat in Mazar-I-Sharif die Ghazi Amanullah Schule besucht.

Auch in E-Mails erfährt Marga Flader mehr über die Mitarbeiter. Darin geht es um Lehrerinnen, die das Haus nur komplett verhüllt in einer Burka und in Begleitung eines Mannes verlassen dürfen. Für die Vereins-Chefin seien es nicht einfach Namen, die da geschrieben stehen, sagt sie. "Ich kenne die Menschen wirklich." Deshalb belastet sie die Situation. "So lange ich noch irgendwie aktiv sein kann, irgendwie helfen kann, geht es mir besser", berichtet Flader. Von Oststeinbek aus koordiniert sie Hilfe, macht Öffentlichkeitsarbeit. "Wenn ich mich einfach hinsetze und nur denke, dann werde ich einfach zu traurig. Dann kommen mir auch schon die Tränen", sagt sie.

Zusicherungen der Taliban nicht trauen

Der Verein Afghanistan Schulen hat beim Aufbau eines Bildungsnetzwerks geholfen, Schulen gebaut, Lehrer fortgebildet, Büchereien ausgestattet, Computerräume geschaffen und vieles mehr. Selbst betreibt er ein Bildungszentrum, bei dem Kinder von der siebten Klasse bis zur Universität lernen können. Und es gibt drei Zentren, mit Programmen speziell für Frauen. Diese Projekte können wohl weiterlaufen, sagt Marga Flader. Es gebe eine schriftliche Zusicherung der Taliban. "Sie sagen, dass sie sich die Unterstützung für soziale Projekte wünschen. Aber man kann den Taliban leider nicht trauen und das tut auch niemand", sagt die Vereins-Chefin.

Aufbauarbeit von 20 Jahren vor dem Aus?

Afghanische Frauen sitzen am Boden und blicken auf Laptops.  Foto: Marga Flader
Zurzeit treffen sich Frauen und Mädchen zu Hause und lernen dort. Nach draußen dürfen sie nur in Begleitung von Männern und komplett verhüllt, sagt Marga Flader.

Marga Flader berichtet von einem Mitarbeiter, der vor ein paar Tagen Taliban-Mitgliedern begegnet ist. Er beschrieb sie als wilde, verrückte Menschen, die aus der Wüste kommen, nichts über Bildung und Zivilisation wissen würden, mit großen schweren Waffen. Der Mitarbeiter sorgt sich, dass das Erreichte in Sachen Bildung der vergangenen 20 Jahre verloren sei. Marga Flader versucht positiver zu bleiben: "Was in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen, der ehemaligen Schüler angekommen ist, das nimmt man ihnen nicht wieder weg." Eine Lehrerin hat ihr berichtet, dass die Frauen jetzt zu Hause sind und lernen. Jedes neue Wort würde als ein Sieg über die Taliban empfunden.

Ohne Bundesgelder nur noch wenige Projekte für Kinder

Viele Gedanken macht sich Marga Flader auch über die Finanzierung der Bildungsprojekte. Nur etwa ein Fünftel aller Kosten trägt der Verein. Der Hauptteil kommt von Misereor und durch Bundesmittel der Entwicklungshilfe. "Dann höre ich unseren Außenminister, der sagt, die neue Regierung, oder wenn es ein Kalifat gibt, bekommt keinen Penny mehr. Wenn die Entwicklungshilfe gestrichen ist, können wir nur mit privaten Spenden weitermachen."

Deshalb will Marga Flader mit dem Verein Afghanistan Schulen einige Projekte retten. "Vielleicht in etwas abgespeckter Form, weniger Schüler, weniger Lehrer. Aber wir möchten sicherstellen, dass die bestehen bleiben." Und es bleibt die Sorge um die einheimischen Mitarbeiter. Denn niemand weiß, wie die Taliban mit ihnen in Zukunft umgehen werden. "Das kann natürlich als Verrat angesehen werden, dass die für Ausländer gearbeitet haben", sagt Marga Flader, die weiter engen Kontakt zu den Mitarbeitern halten und sich auch aus der Ferne für Afghanistan einsetzten will.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.08.2021 | 16:30 Uhr