Stand: 14.12.2013 11:12 Uhr

Ein Spion bringt Willy Brandt zu Fall

von Dirk Hempel, NDR.de

Der Kanzler als Lockvogel

Nun informiert der Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau seinen Dienstherrn, den Innenminister Hans-Dietrich Genscher. Der unterrichtet den Bundeskanzler am Abend des 29. Mai 1973 am Rand eines Koalitionsessens, schwächt den Verdacht jedoch offenbar ab und gibt Nollaus Rat weiter: Der Regierungschef solle sich nichts anmerken lassen und Guillaume auf seinem Posten halten. Weil die Beweise nicht ausreichen, wird der Bundeskanzler zum Lockvogel der Spionageabwehr. Auch im Norwegenurlaub im Sommer muss er dann diese Rolle spielen, selbst wenn dort, wie später im Kanzleramt, auf eine Überwachung des Referenten verzichtet wird. Brandt soll nicht selbst ins Visier des Verfassungsschutzes geraten.

Beobachtung nur nach Dienstschluss

Deshalb wird Guillaume in Bonn auch nur nach Dienstschluss beobachtet. So ziehen sich die Ermittlungen noch weitere acht Monate hin. Erst am 1. März 1974 legt der Verfassungsschutz einen Abschlussbericht vor, überzeugt jedoch weder den Kanzler völlig von der Schuld seines Mitarbeiters noch den Generalbundesanwalt. Der stellt erst sechs Wochen später einen Haftbefehl aus, als eine Flucht des mutmaßlichen Spions befürchtet wird. Dass sich Guillaume bei seiner Verhaftung sofort als Stasi-Agent zu erkennen gibt, beseitigt endlich die letzten Zweifel der Ermittler. Das Beweismaterial allein hätte für einen Prozess noch immer nicht ausgereicht.

Enthüllungen über Brandt

Die Empörung in der Öffentlichkeit ist groß. 18 Jahre haben Guillaume und seine Frau unerkannt für die DDR spioniert. Brandt verkennt allerdings zunächst den Ernst der Lage, verfolgt weiter seine üblichen Termine: Eröffnung der Hannover-Messe, Geburtstagsgrüße für Altkanzler Kiesinger. Die Oppositionsparteien versuchen nun auch, die Ostverträge mit Guillaume in Verbindung zu bringen. Und der Skandal ist perfekt, als die Zeitungen Enthüllungen über Brandts Privatleben veröffentlichen. Legendenbildung setzt ein, über Liebesaffären und Alkoholkonsum. Guillaume, so heißt es, habe Brandt Frauen "zugeführt".

Ermittlungsbeamte sammeln nun auch Informationen über Brandt. Denn Verfassungsschützer Nollau und BKA-Präsident Horst Herold befürchten, Guillaumes Wissen könne die Bundesrepublik durch die DDR erpressbar machen. Brandt ist deprimiert, leidet an Zahnschmerzen. Für die niedersächsische SPD muss er in diesen Tagen in den Wahlkampf ziehen. An einem eisigen Frühlingstag besucht er Helgoland, wo die Genossen endlich einmal mit dem Kanzler diskutieren und feiern wollen.

Rücktrittsforderung aus den eigenen Reihen

In Bonn drängt Nollau anscheinend auf den Rücktritt des Regierungschefs. Herbert Wehner, SPD-Fraktionsvorsitzender und Nollau verbunden, soll ihn organisieren. Die FDP aber steht zu Brandt. "Das reiten wir auf einer Backe ab", versichert deren Vorsitzender Walter Scheel dem Kanzler. Doch plötzlich geht alles sehr schnell.

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Willy Brandt übernimmt die Verantwortung für den Fall Guillaume und gibt im Mai 1974 seinen Rücktritt bekannt.

Seit dem 4. Mai beraten SPD-Spitze und Gewerkschaften in der Kurt-Schumacher-Akademie in Bad Münstereifel über Wirtschaftsfragen. Brandt und Wehner führen dort ein intensives Gespräch unter vier Augen. Am Abend des 6. Mai 1974 tritt Brandt als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zurück. Wegen "Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume", wie er dem Bundespräsidenten schreibt.

"Einer muss die Verantwortung übernehmen"

Zehn Tage später wählt der Bundestag Helmut Schmidt als Nachfolger zum Regierungschef. Im Juni setzt das Parlament einen Untersuchungsausschuss der Affäre ein. Günter und Christel Guillaume werden wegen schweren Landesverrats im Dezember 1975 zu hohen Haftstrafen verurteilt, im Rahmen eines Agentenaustauschs sechs Jahre später in die DDR abgeschoben. Das MfS befördert seine verdienten Offiziere und zeichnet sie mit Orden aus.

Brandts wahre Gründe für seinen Rücktritt sind bis heute ungeklärt. War es die fehlende Unterstützung der SPD-Führungsriege um Wehner und Schmidt, oder waren es gesundheitliche Probleme, Depressionen, die Brandt den Mut zum Kampf gegen die Medienkampagne raubten? Er wird später behaupten, den letzten Ausschlag habe eine Äußerung seiner Frau gegeben, einer müsse schließlich die Verantwortung übernehmen.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Feature | 15.12.2013 | 11:05 Uhr

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