Sendedatum: 19.03.2012 22:45 Uhr  - Kulturjournal  | Archiv

Axel Springer - Eine umstrittene Legende

von Tom Fugmann / Lars Friedrich
Porträt Axel Springers Ende der 40er-Jahre © picture-alliance Foto: dpa dpd Schaffrath
Axel Springer Ende der 40er-Jahre, als seine Verlegerkarriere begann.

Die Bild-Zeitung hat ihn groß gemacht. "Und doch", sagte Axel Springer einmal in einer schwachen Minute, "wenn ich sie lese, leide ich wie ein Hund." Er war ein mächtiger Medienmogul, und er interessierte sich für Astrologie. Eigentlich wollte er Opernsänger werden, war ein oft seltsam entrückter Mensch. Wie war Axel Springer?

"Charismatisch, sprunghaft. Bis hin zu apathisch", sagt Biograf Tim von Arnim. "Nach meiner Wahrnehmung ist Axel Springer ein Mensch gewesen, der wirkte, als hätte man ihn in seiner Bettruhe gestört", so Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar. "Und als wollte er mit dem, was er über seine Zeitungen gemacht hat, dafür sorgen, dass wieder Ruhe einkehrt."

Die Anfänge des Springer-Verlags

Axel Springer mit seiner fünften Ehefrau Friede an seinem siebzigsten Geburtstag am 2. Mai 1982. © picture-alliance Foto: Sven Simon
Axel Springer mit seiner fünften Ehefrau Friede an seinem siebzigsten Geburtstag am 2. Mai 1982.

Im Nachkriegs-Hamburg nimmt alles seinen Anfang. Die Menschen wollen Zerstreuung. Springer gibt sie ihnen. Er will, wie er sagt, in "den seelischen Bereich" eindringen. Er erkennt, dass die elektronischen Medien der Schlüssel sind. Zusammen mit dem NWDR, dem Vorgänger des NDR, bringt er 1946 die "Hör zu" heraus. Zwei Jahre später kommt das Hamburger Abendblatt hinzu. Motto: Seid nett zueinander. Schön unpolitisch. 

Springer mag Frauen, die Frauen mögen ihn. Fünf werden es am Ende sein. Überhaupt hat er ein einnehmendes Wesen. "Er hatte die Fähigkeit, Menschen zu öffnen, Menschen zugänglich zu machen - und über dieses Öffnen auch zu erkennen, welche Kompetenzen ein Mensch hat. Es fremdelten wenige, mit denen er in den Anfangsjahren zusammenkam", erzählt von Arnim.

Springer mit politischen Visionen

1952 kam dann der große Coup - eine Zeitung mit vielen Bildern und wenig Text. Springers Talent: Ideen entwickeln, geschickt mit Abgekupferten mixen, Dinge anschieben und dann Leute seines Vertrauens machen lassen. Später erwirbt Springer von den britischen Besatzungsbehörden "Die Welt". Doch nicht alles geht auf: Pläne für einen Fernsehsender misslingen, Kooperationen scheitern. 1958 reist er nach Moskau. Seine Vision: Chruschtschow zur deutschen Einheit überreden.

Tim von Arnim. © NDR
Tim von Arnim legt die erste umfassende Unternehmerbiografie über Axel Springer vor.

"Er hatte wirklich diese unglaubliche Idee, er könne einen Mann wie Chruschtschow zu einem Wiedervereinigungsprojekt überzeugen", berichtet Kraushaar. "Und hat dann die Erfahrung machen müssen, dass das überhaupt nicht möglich war. Und ich glaube, dass diese Frustration, diese Enttäuschung dafür verantwortlich war, dass er sich als Verleger, als Zeitungsmacher verstanden hat."

Nun werden Springers Blätter zu politischen Kampfinstrumenten: gegen Moskau, gegen den Kommunismus, gegen die Teilung Deutschlands. Direkt an der Berliner Mauer entsteht sein neues Verlagshaus. Die Aussöhnung mit den Juden, mit Israel, ist Springers anderes großes politisches Thema. Und doch sitzen in seinen Redaktionen ehemalige SS-Leute neben ehemaligen KZ-Häftlingen. Springer war eben auch Pragmatiker.

Lieblingsfeind der Linken

12. April 1968: Studenten protestieren vor dem Springer-Verlag in Essen © picture-alliance / United Archiv
12. April 1968: Direkt nach dem Attentat auf Rudi Dutschke (11. April) prostestierten Studenten vor dem Springer-Verlag und zünden Papier an.

In Deutschland wird Springer zum Hassobjekt. Seine Zeitungen bekämpfen die aufkommende Studentenbewegung. Mit rüden Schlagzeilen: Studenten sind Halbstarke, Gammler, Randalierer. Auf einmal wird Springers Medienmacht offenbar. Er wird zum Lieblingsfeind der Linken. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke heißt es: Die Kugel kam aus Springers Zeitungswald. Axel Springer wirkt plötzlich wie aus der Zeit gefallen. Er versteht die Kritik nicht: am Kapitalismus, an Amerika, an ihm selbst. Es wird gefährlich: die RAF verübt einen Bombenanschlag auf das Hamburger Verlagshaus.

"Er war ein Mensch, der harmoniebedürftig war, der den Zuspruch seiner direkten Umgebung benötigte, aber auch einen gesellschaftlichen Zuspruch, als er eine Person des öffentlichen Lebens war. Und die öffentliche Kritik hat ihn zutiefst getroffen", so von Arnim.

Der Rückzug

In den 70er-Jahren zieht Springer sich resigniert zurück. 1980 bringt sich sein Sohn um. Von diesem Schicksalsschlag wird er sich nie wieder erholen. Die Nachfolge bleibt ungeregelt. Im September 1985 stirbt Axel Springer und hinterlässt einen Konzern mit Milliardenumsatz. Bis heute wird der Verleger verehrt und verachtet. Er selbst wollte in Erinnerung bleiben als Journalist, Patriot und Gottsucher.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 19.03.2012 | 22:45 Uhr

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